Die Sonntagslesung: Im Wunder begegnet uns Gott

Zu den Lesungen des 18.

Sonntages im Jahreskreis

(Lesejahr A) von Klaus Berger

Jesaja 55, 1–3; Römer 8, 35.37–39; Matthäus 14, 13–21

Die Speisungsgeschichte in Matthäus 14, 13–21 gehört eng zusammen mit dem Bericht über Jesu Gehen über das Wasser in Matthäus 14, 22–33. Die Kombination der Speisung mit dem Gehen über das Meer ist tief in der Tradition verankert, die Matthäus bereits übernimmt. Denn sie findet sich genauso im Johannesevangelium und beim Evangelisten Markus.

Nach 2 Könige 4, 42–44 heißt es über den Schüler Elias: „Einst kam ein Mann von Baal-Schalischa und brachte dem Gottesmann in seinem Brotbeutel Brot aus den Erstlingsfrüchten. Es waren 20 Brote von Gerste und dazu Jungkorn. Elischa befahl: Gib es den Leuten zu essen. Doch sein Dieser erwiderte: Wie soll ich das hundert Leuten vorsetzen? Er aber wiederholte: Gib es den Leuten zu essen. Denn also spricht der Herr: „Essen wird man und noch übriglassen!“ Er setzte es ihnen vor. Sie aßen und ließen noch übrig, wie der Herr gesagt hatte.“

Das Wunder besteht nach 2 Könige 4 darin, dass 100 Menschen von 20 Fladenbroten nebst saftigem Jungkorn satt werden können und sogar noch Nennenswertes übriglassen. Der Diener Elischas antwortet auf den Befehl auszuteilen zunächst mit einem Einwand, der das Mengenverhältnis geltend macht. Doch der Prophetenschüler beruft sich einfach auf einen Gottesspruch, der sichtlich älter ist als der Bericht, in dem er steht. Der Spruch heißt: „Essen wird man und noch übriglassen.“ In der Erfüllung dieses Wortes durch die Anordnung Elischas liegt der Kernpunkt der Geschichte. Theologisch gesehen ist dieser Punkt die reiche Fülle dessen, was Gott gibt. Das „Essen“ vollzieht sich ganz selbstverständlich am Grundnahrungsmittel Brot. Es besteht eben nicht nur kein Mangel, sondern Gott gibt überreich. Letzteres ist das typische Merkmal göttlichen Ursprungs.

Jesus ist mehr als Elischa/Elias. Die Grundsituation in den neutestamentlichen Speisungsberichten, zum Beispiel in Johannes 6,1–15 ist mit Bedacht sehr ähnlich gezeichnet: 1. Die Personen-Konstellation ist das Gegenüber von Prophet(enschüler) und großer Volksmenge. 2. Der Prophet(enschüler) hat einen oder mehrere Helfer (der Diener Elischas oder Jesu Jünger). 3. Es wird genau angegeben, wie viele Brote vorher da sind. Es kommt noch die Beikost hinzu. Diese besteht in 2 Könige 4 in Jungkorn, eine frische Beilage, im Neuen Testament in Fischen. 4. Der Prophet(enschüler) gibt den Befehl zum Verteilen. 5. Der Diener/Helfer erhebt gegen den Befehl den Einwand der Unverhältnismäßigkeit zwischen vorhandenen Broten und Volksmenge. 6. Der Prophet(enschüler) wiederholt dennoch seinen Auftrag. 7. Der Diener fügt sich, verteilt das Brot, und alle werden satt. 8. Ausdrücklich wird gesagt, dass etwas übrig blieb.

Christus überbietet das Alte Testament

Doch Jesus überbietet die alttestamentliche Vorlage. Das ist besonders deutlich erkennbar an den Zahlenverhältnissen: In 2 Könige 4 liegt das Verhältnis 20:100, (also 1:5), bei Markus 6 bereits 7:4 000 (1:574) und in Johannes 6 sogar 5:5 000 (1:1 000). In der Vorlage hatte sowohl bei der Zukost als auch bei dem, was übrig blieb, jede Mengenangabe gefehlt. Das ändert sich in den Evangelien; bei den meisten gibt es zwei Fische und dann zwölf, beziehungsweise sieben Körbe an Überresten.

Das neutrale „Beikost“ in Johannes 6 war in jedem Falle richtig, da es um die Funktion als Beikost, nicht nach dem stark wechselnden Inhalt dieser Beikost ging. Die Formulierung im Johannesevangelium vermittelt daher auf jeden Fall mit der Vorlage. Alle anderen Berichte der Evangelien nennen „Fische“ und machen damit eine Verbindung mit der Prophetengeschichte schwieriger. In der johanneischen Version ist diese Verbindung erhalten. In der heutigen Auslegung des Textes überwiegt die moralische: Die Jünger hätten bereitwillig von ihrem Proviant abgegeben („Teilen lernen“).

Unter allen Umständen ist zunächst und zuerst der Literalsinn gegen jede Verflüchtigung zu bewahren. Und das auch deshalb, weil hier nicht von himmlischen Backöfen die Rede ist, an denen Engel die Brote gebacken hätten. Die Speisungsberichte sind leibhaftig zu nehmen, denn sie verstehen sich als eine schockierende, überwältigende Begegnung mit Gott. Jedes moralische Hinbiegen (Was wird dann mit den zwölf Körben mit Resten?) oder legendarisches Verflüchtigen (Die Geschichte lehre „eigentlich“ nur, dass Jesus die Güte Gottes predige) verkürzt die Geschichte und verkleinert das Grundlegende. Wenn es um die Begegnung mit Gott geht, haben Ausleger nichts zurechtzulegen, um die Geschichte irgendwie zu erklären und für den Verstand fassbarer zu machen. Wer diese Geschichten aufs Erträgliche hin verkleinert, treibt ihnen den Bezug auf Gott aus. In den Speisungsgeschichten begegnet uns der unfassbare große Gott. Es bleibt nur das Staunen. Damit ist die Geschichte einmalig, nicht wiederholbar. Deswegen steht sie auch im Neuen Testament, für uns aufbewahrt, weil Heilsgeschichte eine Folge von Einmaligkeiten ist.

Was hat sich historisch ereignet? Aus dem bisher Bemerkten ist bereits deutlich: Als Minimum gilt: Jesus ist als charismatischer Wunderprophet durch Palästina gezogen. Mit Recht reiht man ihn in dieser Beziehung unter (freilich spätere) frührabbinische charismatische Wundertäter ein wie Honi den Kreiszeichner und Hanina ben Dosa. Da sich bei Jesus diese Tätigkeit mit seiner Eschatologie verbindet, kann er mit Elia/Elisa verglichen oder identifiziert werden, dessen Kommen vor dem Ende der Tage erwartet wird. Diese Diskussion „übernimmt“ Jesus von Johannes der Täufer. In der frührabbinischen Tradition hat auch der wiederkommende Elias messianische Züge. Durch sein Wundertun könnte er im Sinne von Sirach 48,10f Gott sein Volk „bereiten“, durch Bekehrung auf Gott hin vorbereiten.

Wirken passt zur Auffassung Jesu

Dass die Wundertaten Jesu sich zu denen Elisas/Elischas im Verhältnis von Entsprechung und Überbietung befinden, ist kein Einwand gegen die Möglichkeit historischer Erfahrung in dieser Richtung. Dass aus religiöser Erfahrung zumal vergangener Zeiten die historische Substanz nicht im Subtraktionsverfahren zu ermitteln ist, könnte einleuchten. So bleibt – da kausale Beweisbarkeit sowie Wiederholbarkeit als Argumente ausfallen – eben nur der Hinweis, dass derartiges Wirken vollständig zur Praxis und Auffassung Jesu passt. Wer seine Berufung so lebt und auffasst, wie Jesus es tut, zu dessen und seines Publikums Erwartungshorizont gehört auch das Wunder, wahrscheinlich sogar mehrere Wunder im Sinne einer Kette mit mehreren Beweisgliedern, so wie es eben alle Evangelien vorstellen.

Und was wird man mit den übrig gebliebenen Brotstücken bei der Speisung gemacht haben? Sie waren, bedenkt man den Ort, nutzlose Reste. Sie zeigen damit bis heute, dass Gott und Christentum nicht in humanitären Zwecken aufgeht, sondern dass dieser Gott von unbezähmbarer und überhaupt nicht regulierbarer „Wildheit“ und überschäumender Kraft ist.

Wunder dagegen sind einmalig wie Daten und Umstände von Schlachten, die man früher im Geschichtsunterricht zu lernen hatte. Bisweilen hat es den Anschein, als wiederholten sich Wunder, wie die Speisungen in Markus 6 und 8 oder der reiche Fischfang in Lukas 5 und Johannes 21. Doch jedes nähere Hinsehen zeigt: Mit großer Sorgfalt heben die Evangelisten die Besonderheiten jedes dieser Ereignisse hervor, zum Beispiel die Anzahl der Körbe mit den übrig gebliebenen Stücken Brot. Wenn es alttestamentliche „Vorlagen“ oder „Analogien“ gibt, so betonen die Evangelien stets die größere Kraft und Zahl bei den Wundern Jesu. So gilt hier dann: Wiederholung und Abweichung und Überbietung.

Vor allem aber ist auf Johannes 6 zu weisen. Hier fließt die Elisa-Typologie (Speisung der Vielen mit wenig Brot) zusammen mit der Moses-Typologie (das wahre Manna). Bei der Schilderung des Wunders überwiegt eindeutig die Elisa-Typologie – wie in den anderen Speisungsgeschichten auch.