Die Sonntagslesung: Im Himmel gibt es keine Konkurrenz

Zu den Lesungen des

25. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A). von Klaus Berger

Jes 55, 6–9; Phil 1, 20ad–24.27a; Mt 20, 1–16

Das Pochen auf Menschenrechte ist nicht so besonders das Markenzeichen der Bibel. Hier liegen auch die Soll-Bruchstellen mit unserem modernen Denken. In den Lesungen dieses Sonntags betrifft das einmal das Menschenrecht auf gerechte Vergeltung, zum anderen den Grundsatz des gleichen Lohnes für gleiche Arbeit. Beide Grundrechte werden hier bestritten, und zwar mit der Begründung: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, ... sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“

Diese betreffen hier das Recht auf Rache seitens des Menschen, aber Gott führt ihm vor, wie man darauf verzichten kann. Und andererseits fragen oft moderne Menschen: Habe ich nicht ein Recht auf meine Schuld? Wie kann ein Gott auf die Idee kommen und mir dieses Recht nehmen wollen?

Wo wir das, wie wir sagen, „gesunde Rechtsempfinden“ haben, dass Rache sein muss, macht Gott uns das Gegenteil vor. Jeder Zivilprozess lebt doch davon. Nein, Gott ist ganz anders als die Menschen. Er ist bereit zu vergeben. Wie schwer ist das!

Aber die meisten sagen: Im Alten Testament ist Gott ein Gott der Rache. Sie werden schon allein durch den Lesungstext aus Jesaja 55 widerlegt. Dabei gibt es noch Hunderte anderer Texte, die dasselbe sagen. Gott die Lust auf Rache zu unterstellen, das sind menschliche Gedanken, nicht Gedanken Gottes. Doch viele Menschen ärgern sich im Grunde maßlos darüber, dass Gott nicht so kleinkariert ist wie sie. Und eigentlich lehnen sie einen barmherzigen Gott ab, weil sie bemerken, dass sie zu einem solchen Gott nicht passen.

Oft bekommt man dann als Christ entgegengehalten, die alttestamentliche Grundregel sei „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Doch weit gefehlt! Die Formel „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ ist ein Programm zur Beschränkung jeder Rache auf die genau entsprechende Vergeltung. Die Vergeltung soll nicht mehr ewig hin- und hergehen zwischen einzelnen Menschen, sondern auf das erste Hin und Her beschränkt werden. Jesus hebt dieses Prinzip der genau entsprechenden Vergeltung in der Bergpredigt auf. Er tut dieses mit ausdrücklichem Hinweis auf den jüdischen Gott, den Gott der Bibel – denn ihn sollen die Jünger nachahmen, indem sie heilig und barmherzig sind und damit vollkommen wie er (Vgl. Lev 19, 2 mit Lk 6, 36 und Mt 5, 48). Es liegt also am Gottesbild damals und jetzt.

Die Linien des Gleichnisses nicht ausziehen

Im Gleichnis des Evangeliums liegt gewissermaßen die erste (Mit-)Arbeiterrevolte vor, die im frühen Christentum bekannt wird. Die Moral von der Geschichte: Hier liegt doch nur Neid zugrunde, ein Sozialneid um Geld, der den Neidhammeln alles verdirbt. Denn der Herr muss ihnen sagen, dass ihr Auge böse ist und daher in der Qualität nicht zu seiner Güte passt. Und der ganze Aufstand hat im übrigen nichts genützt. Der Leser muss sich freilich an dieser Stelle davor hüten, irgendwelche Züge des Gleichnisses auf heutige Verhältnisse zu übertragen. Themen wie Lohnpolitik, Mindestlohn oder Lohndumping haben mit dem Gleichnis nichts zu tun. Man muss allerdings sagen, dass der nach 20, 2 vereinbarte Lohn von einem Denar der damals übliche Mindestlohn ist, der freilich nicht gesetzlich festgeschrieben ist.

Das Vergleichsglied zwischen dem Gleichnis und der damaligen Arbeitswelt besteht im Übrigen in dem Satz: Der Lohn wird fest und treu nach Vereinbarung gezahlt und ist im Übrigen für alle gleich. Letzteres kann es geben und gilt speziell für diesen Herrn. Niemand soll denken, er könne durch Klagen den Herrn des Weinbergs zu Änderungen im vertraglich Vereinbarten zu veranlassen.

Welche Gemeindewirklichkeit entspricht dem? Das komplexe Verhältnis zwischen den Platzhirschen, die seit Menschengedenken dabei sind und den Jüngeren, bei denen die Älteren den Eindruck haben, sie kämen ohne Mühe und Anstrengung in den Himmel, jedenfalls ohne ein Maß von Mühe, das man von den Älteren kennt. Also jedenfalls „billiger“, wie man sagt. Das ist, grob gesagt, das Problem der Generationen zu jeder Zeit in der Kirche gewesen. Es ist nie identisch, sondern sieht immer so aus, als gäbe es das zum ersten Mal. Und jede jüngere Generation fragt ängstlich, ob es wohl gelingen könne, den großen Schatz des christlichen Glaubens weiterzugeben.

Mit dieser Angst ist sie immer im Recht, schon seit Generationen. Was die „nicht zu billige“ Weitergabe des Glaubens betrifft: Das eine ist die Ministrantenpastoral, das andere besteht in religiöser Lokalkunde dass soweit es geht, die Positionen des Glaubens verknüpft werden mit Stationen in der Stadt, in der einer lebt (dazu gehört auch die Kunst). Schließlich geht es um lebende Vorbilder und eindrückliche Heilige. Und ein paar Texte sollte man auswendig lernen, weil sie ein Leben lang Stecken und Stab sein können, an denen man sich festhält, wenn Not ist.

Oft missgönnen die Älteren den Jüngeren die neuen Wege zum Glauben. Wer hätte um 1900 die spätere Bedeutung der Zeltlager erahnen können? Wer hätte vor fünfzig Jahren sich vorstellen können, dass Orte wie Taizé oder Bücher wie der Youcat für die Weitergabe von Christentum wichtig werden könnten? Und welchem Männerstammtisch fällt es leicht zuzugeben, dass die Bedeutung gestandener Frauen (von der Äbtissin bis zur begabten Oma) für die Weiterexistenz von Kirche unersetzlich ist? Wenn es denn schon in meiner Generation keine großen theologischen Lehrer gibt – vielleicht sollte man sich dann der Lektüre älterer theologischer Schätze von Guardini bis zum heiligen Thomas widmen? Hugo von Sankt Victor (11. Jahrhundert) wie Dionysius der Karthäuser (15. Jahrhundert) sind mir in den letzten Jahren ans Herz gewachsen. Ich sehe, dass gerade Josef Pieper wieder an Bedeutung gewinnt. Doch jenseits dieser Faszination durch leuchtende Lehrer gibt es die Faszination durch Beten-Lernen und Singen-Lernen.

Mit geistlichen Waffen gegen eine Berufskrankheit

Eigentlich ist das Gleichnis im Matthäusevangelium gegen den innerkirchlichen Neid gerichtet. Ist dagegen wirklich kein Kraut gewachsen? Denn der Neid ist gerade in einer hierarchisch geordneten Kirche eine wahrhaft verheerende Macht. Denn der Neid (insbesondere wegen der besseren Stelle des anderen oder der Gunst des mächtigeren Oberen, die er genießt) verdirbt vor allem die Freude. Da es sich um eine so ernsthafte Krankheit handelt, bedarf es schon einer sehr starken Religion, sagen wir: Religiosität, um diesen Drachen zu bekämpfen.

In meiner Generation wurde auf den Faktor „Spiritualität“ in der Erziehung künftiger Priester wenig Wert gelegt. Es wäre dabei nicht um Verzierungen des Schreibtischs gegangen, auch nicht um ein gemütliches Innenleben, sondern vor allem um geistige und geistliche Waffen gegen die Berufskrankheit Neid. Nur eine sehr starke Spiritualität ist dem gewachsen. Mein Rat: In solchen Fällen versuche, ein Kapitel Meister Eckhart zu lesen und ins Gebet zu übersetzen. Denn nicht nur kleine Kinder brauchen in Krisensituationen massive Ablenkung, sondern auch große. Kontemplation und Gebet sind nicht verspielte Zutaten oder Zuckerguß auf süßen Kuchen, sondern sind wie Halteseile für Bergsteiger. Der geistliche Status oder verwandte Positionen in der Kirche sind immer eine Zumutung. Ehrgeiz und Neid sind die steten Begleiter auf jeder Höhenwanderung.

Wir bewundern Paulus im Philipperbrief, weil er so weit zum wirklich Wichtigen durchgestoßen ist, dass er nur noch zwischen himmlischer Heimat und irdischem Exil hin- und hergerissen ist. Deshalb ist Jesu Weisung im Matthäusevangelium in Wahrheit: Alle deine Wünsche und Sehnsüchte wird Gott erfüllen. Doch im Himmel gibt es keine Konkurrenz und keine Seligen und Heiligen erster Klasse. Denn Neid und Ehrgeiz müssen vorher gestorben sein.