Die Sonntagslesung: Gottes Wege führen über harte Steine

Zu den Lesungen des zwölften Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr C) von Klaus Berger

Sach 12, 10–11; 13, 1; Gal 3, 26–29; Lk 9, 18–24

Dass göttliche Macht und Vollmacht, ja Gottessohnschaft selbst verborgen ist unter dem Gegenteil, „sub contrario“ wie die Dogmatiker sagen, ist das Thema dieses Abschnittes aus dem Lukas-Evangelium. Und das ist der besondere Weg Gottes mit den Menschen: Nicht direkt Glanz, Herrlichkeit und Sieg über den Tod zeigen und dadurch die Menschen überrumpeln, sodass ihnen keine Alternative bliebe. Nur in Wundern geschieht das, und daher sind die Wunder die ausnahmsweise gereichten Appetithäppchen, die Geschmack machen sollen für die Zukunft, die Gottes ist. Aber Jesus selbst rettet sich durch kein Wunder, weder bei der Versuchung durch den Teufel noch am Kreuz. Anders als Politiker leistet er sich keine Affären.

Doch die Verborgenheit ist konsequent, der Herr der Welt, der Erbe des Alls, kann offenbar nur so auftreten. In Verborgenheit und noch dazu selbstlos, verkannt von fast allen und bisweilen auch von den eigenen Jüngern (auch Petrus wird nicht so hart bleiben, wie sein Name es suggeriert). Geschmäht und aufgehängt. Und durch Spitzfindigkeiten einer ungläubig gewordenen Theologie immer wieder aufs Neue gedemütigt. Verfolgt in allen Gliedern seines Leibes, der Kirche. So könnte man denken: War Gottes Weg in der konsequenten Verborgenheit, Unscheinbarkeit und Angreifbarkeit nicht eine Fehlkalkulation? Fühlten sich die Menschen nicht dank dieser Verborgenheit Gottes in der Lage und mächtig genug, ihre Lust und Laune, ihren Hass gegen Gott bis aufs Letzte auszuspielen? Wurde dadurch nicht alles viel schlimmer, weil Menschen, die zur Umkehr nicht bereit waren, so immer ein gutes Argument zu haben meinten: Es sei eben alles nicht ausgemacht und nicht in letzter Klarheit den Menschen aufs Auge gedrückt.

Und weiter könnte man sagen: Die Auferstehung Jesu, die allem Irrtum und Spuk ein Ende hätte bereiten können, war offenbar so überzeugend auch nicht. Sonst hätten die Menschen darauf prompt reagieren müssen – taten sie aber nicht. Man getraut sich ja kaum, von der Auferstehung zu reden, weil man diese eben nicht als Problemlösung bezüglich der Verborgenheit ansieht, sondern als neues, gravierendes Problem. So wie die Gegner Jesu schon nach dem Evangelium sagen: Zur alten Dreistigkeit kommt eine massive neue Zumutung hinzu. Denn es scheint ausgemacht, dass es Auferstehung nicht geben kann. Und deshalb wird die Verborgenheit Gottes nicht am Ostermorgen gelöst, sondern kommt in eine neue Phase.

Sagt unser Text etwas zu der Frage, warum Gott auf die Idee gekommen ist, so unscheinbar zu bleiben? Es fällt auf: Die völlig richtige Aussage des heiligen Petrus, Jesus sei der Christus Gottes, also der Messiaskönig, greift Jesus nicht direkt auf, vielmehr redet er plötzlich vom Menschensohn. Genauer: vom Weg des Menschensohnes. Es geht also nicht um das Sein, um die wahre Würde und den angemessenen Würdetitel, sondern es geht um Geschichte, um einen Weg also: Jesu Wallfahrt nach Jerusalem, die just in Lukas 9 beginnt. Und der Clou dieses Textes liegt darin, dass Jesus diesen Weg nicht allein geht, sondern für andere und mit anderen Menschen. Eben deshalb lautet die Fortsetzung in Lukas 9,23: Wenn jemand hinter mir gehen will, dann soll er sich selbst gering schätzen und täglich sein Kreuz auf sich nehmen. Dieses Wörtchen „täglich“ hat nur Lukas an dieser Stelle, nicht die Parallelen bei Markus und Matthäus. Und wir kennen dieses kleine griechische Wort auch aus dem lukanischen Vaterunser nach Lukas 11, 3: „Unser Brot für morgen gib uns täglich“ (in Mt 6, 11 heißt es „heute“).

Wir sind Lukas für diese Wiedergabe der Worte Jesu an diesen beiden Stellen dankbar. Denn täglich, das heißt: Tag für Tag und jeden Tag neu gibt Gott uns, was wir zum Leben brauchen, und täglich entscheidet sich, ob wir Jesus nachfolgen oder nicht. Aber was soll das heißen: Täglich sein Kreuz auf sich nehmen?

Sein Kreuz auf sich nehmen heißt: den Weg der Ehrlosigkeit, des Nicht-Angesehen-Seins, des Verachtet-Seins neu zu beginnen. Denn Kreuzigung ist die unehrenhafteste Weise der Hinrichtung. Wer gekreuzigt wird, ist unter die Hunde zu rechnen. Wer gekreuzigt wird (zumeist Sklaven und Eingeborene, nicht aber römische Bürger), der wird nackt aufgehängt. Fliegen und neugierige Hunde sind dann die unabweisbaren Begleiter. Wer gekreuzigt ist, verliert nicht nur alle bürgerlichen, sondern auch alle menschlichen Ehrenrechte. Daher durften römische Bürger (wie Paulus einer war, weil er aus Tarsus kam) nicht gekreuzigt werden, sondern hatten das merkwürdige Privileg, „elegant“ mit dem Schwert enthauptet zu werden.

Aber wenn man das ernst nimmt: den Weg des Verachtetwerdens beginnen, und zwar jeden Tag auf Neue, dann widerstreiten dem alle „guten Geister“ in uns: Sagen wir das doch einmal einem Eingeborenen aus Schwarz-Afrika, sagen wir das doch einmal einer Frau, die sich nach ein bisschen Anerkennung sehnt.

Was meint Jesus, was meint Gott mit diesen Worten? Grundschule, Gymnasium und Universität produzieren eine Menge „abgebrochener“ Existenzen und Lebenswege. Oder sind die Armen, die auf der Strecke geblieben sind, gar nicht die Adressaten dieser Worte? Richtet sich Jesus hier vielleicht an die Selbstgefälligen und Karrieremacher? Nur besteht das Unglück oft darin, dass diese Erfolgreichen Jesu Weg und Worte verachten, dass diese Worte aber die Armen und Hilflosen noch bedrückter machen, ihnen noch einen Schlag drauf geben.

Daher noch einmal die Frage: Wer sind die Adressaten Jesu in diesen Worten? Für wen soll der Weg der Schande der richtige sein? Vergessen wir nicht: wenn Jesus hier vom Menschensohn spricht, dann meint er nicht nur sich, „den“ Menschensohn, sondern dann ist dieses Wort „Menschenkind“ eben nicht exklusiv gemeint, sondern geht immer auch auf die vielen. Wie bei den Abendmahlsworten (vergossen für viele), geht es auch hier nicht automatisch um alle Menschen, wenn Jesus von dem Menschenkind redet, sondern nur um die vielen, die Jesus nachfolgen.

Der Automatismus, den das Wort „alle“ suggeriert, ist das Gefährliche und Irreführende. Daher spricht Jesus, wenn er Menschensohn sagt, nicht von dem Menschen überhaupt und generell und ohne Rücksicht auf ihn, Jesus selbst, sondern von den Menschen, die sich ihm, dem Menschensohn anschließen und sein Geschick teilen. Dabei wird auch erkennbar: Jesus meint nicht die armen Würstchen, sondern er meint den freiwilligen Entschluss, ihm zu folgen. „Arm“ ist jeder irgendwie und in irgendeiner Hinsicht. Aber Jesus appelliert an den Willen. Und er gibt ein Ziel an, die Auferstehung, für welches Ziel er den täglichen Entschluss fordert.

So gelangen wir zu dem Schluss: Erstens: Jesus wendet sich nicht an die Ärmsten der Armen, die keiner weiteren Demütigung bedürfen, er richtet sich auch nicht an die Erfolgreichen, denen zur Vollendung der Karriere noch der letzte Kick fehlt (hier gilt der Disput über Kamel und Nadelöhr). Zweitens: Jesus meint den Spielraum, den der freie Wille hat, auch wenn er nicht groß ist. Und er spricht drittens diesen Willen auf das Ziel hin an, die Auferstehung. Also Leben dank Gottes Gnade in der Neuen Schöpfung. Er meint also – das ist der Unterschied zu Nietzsches Ansicht über das Christentum – nicht Demut um ihrer selbst willen, nicht Selbstaufgabe aus der perversen Sucht zu verschwinden, sondern er meint Hoffnung, Ewigkeit und Geliebtwerden ohne Ende. Jesus ist nicht in den Schmerz verliebt, und Gethsemane zeigt, dass er das Leben sehr liebt, es gibt keinen so lebensverliebten Religionsstifter wie Jesus einer war. Aber er weiß, dass der Weg Gottes kein direkter ist. Kurz nach dieser Szene wird er in Lukas 9, 54f auch eine direkte Bestrafung ablehnen und bekommt deswegen „Ärger“ mir seinen Jüngern. Gottes Wege führen über harte Steine, so ist die Wirklichkeit. Aber die Hoffnung auf das Danach ist das große Geschenk des Ostermorgens. Es ist genauso wirklich wie die harten Steine.