Die Sonntagslesung: Gottes Sohn offenbart sich

Zu den Lesungen des Festes der Heiligen Familie

(Lesejahr C) von Harm Klueting

Sir 3, 2–6.12–14; 1 Sam 1, 20–22.24–28; Kol 3, 12–21; 1 Joh 3, 1–2.21–24; Lk 2, 41–52

Am Sonntag der Weihnachtsoktav besteht die Wahl zwischen zwei alttestamentlichen Lesungen und zwei Lesungen aus den Briefen des Neuen Testaments. Alle haben, wie das Evangelium, mit dem Festgeheimnis dieses Sonntags zu tun, der seit der Liturgiereform von 1969 als Fest der Heiligen Familie begangen wird. Das zuvor, seit 1920, am Sonntag nach Epiphanie gefeierte Fest ist kein altes Fest, weil die Verehrung der Heiligen Familie erst in der Barockzeit aufkam.

Was mit der Geburt im Stall von Bethlehem begann, die Kindheitsgeschichte Jesu, das endet mit einer scheinbar ganz alltäglichen Geschichte zwölf Jahre später. Nur Lukas berichtet darüber. Maria und Joseph waren fromme Juden. Fromme Juden befolgten die Regel, jährlich zu den drei hohen Festen – dem Passahfest, dem Wochenfest und dem Laubhüttenfest – eine Pilgerfahrt zum Tempel in Jerusalem zu unternehmen. Wer weiter entfernt wohnte, kam nur einmal im Jahr. Maria und Joseph lebten mit ihrem Sohn Jesus in Galiläa, mehr als hundert Kilometer von Jerusalem entfernt. Sie gingen des-halb nur einmal im Jahr zum Passahfest. Aber sie blieben eine ganze Woche lang. Sicher wurden dabei neben Gebeten im Vorhof des Tempels – der Tempel selbst war nur den Priestern zugänglich – auch Einkäufe und andere Erledigungen gemacht – wie Dorfbewohner das auch später, vor der Verbreitung des Autos, machten, wenn sie einmal im Jahr in die Großstadt kamen. Es fiel gar nicht auf, dass der Knabe Jesus verschwand. Schließlich waren die Eltern nicht mit ihm allein nach Jerusalem gekommen, sondern mit der ganzen Dorfgemeinschaft, mit einer Pilgergruppe. Da mochte der Junge schon irgendwo stecken. Erst auf der Rückreise, als man schon einen Tag lang zu Fuß von Jerusalem in Richtung Galiläa gewandert war, fiel den Eltern auf, dass Jesus nicht dabei war. Voller Sorge eilten sie nach Jerusalem zurück, wo sie ihn drei Tage später in den Vorhallen des Tempels sitzen sahen, inmitten gelehrter Theologen, denen er zuhörte und denen er Fragen stellte, und die sich über seinen hellen Verstand und seine klugen Antworten wunderten.

Stellen wir uns vor: Eine katholische Familie nimmt mit ihrem zwölfjährigen Sohn an einer Pilgerfahrt zum Heiligen Jahr nach Rom teil. Ganze Pfarrgemeinden sind mit einem Sonderzug unterwegs. Erst auf der Rückreise, kurz vor dem Brennerpass, merken die Eltern, dass der Bengel nicht im Zug ist. Die Eltern verlassen den Zug am nächsten Bahnhof und fahren für viel Geld, das die Fahrkarte kostet, voller Sorge zurück nach Rom. Dort suchen sie ihren Sohn überall in der großen Stadt – und finden ihn nach drei Tagen im Vatikan, lebhaft diskutierend mit Kardinälen und Theologieprofessoren. Kein Wunder, wenn die Eltern nicht nur glücklich sind, weil sie ihn wiedergefunden haben, sondern auch erbost und außerdem peinlich berührt, weil sie – einfache Leute – nicht wissen, was die hohen Herren wohl sagen mögen.

Genauso ist es bei Maria und Joseph. Als sie Jesus wiedersehen, sind „sie sehr betroffen, und seine Mutter sagt zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“ Und dann die Reaktion des Jungen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“. Wenn wir bei der katholischen Pilgerfamilie bleiben, ist das ja eine Frechheit, was der Junge hier seiner Mutter sagt: Sein Vater, der ihn seit drei Tagen sucht, ist gar nicht sein Vater. Und er muss im Haus seines Vaters sein. Hat er in Rom den Titel „Heiliger Vater“ allzu wörtlich genommen? Haben wir es bei diesem Zwölfjährigen mit einem frühreifen und altklugen Früchtchen zu tun, das sich etwas vorzeitig von seinen Eltern absetzt?

Wenn wir den zwölfjährigen Jesus im Tempel so verstehen, dann missverstehen wir ihn, wie Maria ihn missversteht. Was Lukas hier überliefert, ist das erste Wort Jesu, mit dem er sich als Sohn Gottes zu erkennen gibt. Vorher hatten nur die Engel über dem Feld von Bethlehem verkündet: „Heute ist euch der Retter geboren“ (Lk 2, 11). Vorher hatte der alte Simeon, als er das Kind Jesus erblickte, gesagt: „Meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2, 29f.). Jetzt aber ist es Jesus selbst, der auf seinen himmlischen Vater verweist. Das ist das erste Selbstzeugnis dessen, von dem Lukas berichtet, wie bei seiner Taufe durch Johannes den Täufer der Heilige Geist in Gestalt einer Taube herniederfuhr und eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ (Lk 3, 22). Und es ist das erste Selbstzeugnis dessen, der bei seinem ersten öffentlichen Auftreten in der Synagoge von Nazaret von sich sagte: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“ (Lk 4, 21), und der bei der Hochzeit zu Kana zu seiner Mutter sprach: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 2, 4).

Maria und Joseph „verstanden nicht, was er damit sagen wollte“. Vielleicht haben sie dieses Wort tatsächlich als Frechheit aufgefasst und ihren Sohn entsprechend zurechtgewiesen, auch wenn Lukas davon nichts weiß. Maria begreift nicht, was Jesus über das Haus seines himmlischen Vaters sagt. Hatte sie vergessen, was der Erzengel Gabriel ihr verkündet hatte: „Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären. Er wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden“ (Lk 1, 31f.)? Und hatte sie die Worte des alten Simeon genauso vergessen wie die Worte der Hirten, die erzählten, was der Chor der Engel ihnen kundgetan hatte, obwohl es doch heißt: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen“ (Lk 2, 19)? Maria und Joseph begreifen das Geheimnis der Gottessohnschaft ihres Sohnes nicht. Aber was geschieht, nachdem der Zwölfjährige das Wort, das sie nicht verstanden, zu seinen irdischen Eltern gesagt hat? – „Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam“ – der folgsame, der gehorsame Sohn der Maria und des Zimmermanns Joseph. Seine Stunde war noch nicht gekommen.

Um irdische Väter geht es in der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach, wobei man in dem mit dem Satz: „Der Herr hat den Kindern befohlen, ihren Vater zu ehren, und die Söhne verpflichtet, das Recht ihrer Mutter zu achten“, beginnenden Text eine Auslegung des vierten Gebotes (Ex 20,12) sehen kann. Es geht um die Liebe zu den irdischen Eltern: „Wenn dein Vater alt ist, nimm dich seiner an. Denn die Liebe zum Vater wird nicht vergessen, sie wird als Sühne für deine Sünden eingetragen.“ Auch das vierte Gebot verheißt ja mit der Begründung „damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt“ einen Lohn, während die anderen Gebote ohne Belohnungszusage bleiben. Ganz anders der Abschnitt aus dem ersten Samuelbuch! Die kinderlose Hanna – der Herr „hatte ihren Schoß verschlossen“ (1 Sam 1, 5) – bekommt auf ihr Gebet hin einen Sohn. Das erinnert an die unfruchtbare Elisabeth, der auf das Gebet ihres Mannes Zacharias hin ein Sohn, Johannes der Täufer, geschenkt wird (Lk 1, 7.13.57). Hanna bringt ihren Sohn Samuel „zum Haus des Herrn in Schilo“, einem Ort im Nordreich Israel, und zu Eli, dem letzten Richter und Priester am Heiligtum in Schilo, um ihn dem Dienst Gottes zu übergeben. Das erinnert daran, wie Maria und Joseph das Kind Jesus „nach Jerusalem hinaufbrachten, um es dem Herrn zu weihen“ (Lk 2, 22).

Die Lesung aus dem Kolosserbrief lässt ein Loblied auf die Liebe erklingen, ähnlich dem Hohenlied der Liebe im ersten Korintherbrief (1 Kor 13), „denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht“, und in den fünf Tugenden des Erbarmens und der Güte, Demut, Milde und Geduld ihren Ausdruck findet. Auch wenn die Haustafel mit den Verhaltensmaßregeln für Frauen, Männer, Kinder und Väter, die nach unserem Abschnitt mit Regeln für Sklaven und Herren fortgesetzt werden, Lebensregeln der vom hellenistischen Judentum übernommenen antiken Popularphilosophie entstammen mögen – die Forderung an die Frauen, sich ihren Männern unterzuordnen, entspricht trotz der Begründung „wie es sich im Herrn geziemt“ der gesellschaftlichen Ordnung der Zeit –, so hat der Briefschreiber sie doch nicht ohne Grund an das Lob der Liebe angefügt, mit der er also die Liebe in der Familie unter Einschluss des Gesindes meint; den Männern wird aufgetragen: „Liebt eure Frauen, und seid nicht aufgebracht gegen sie“. Doch ist diese Liebe Abbild der Liebe Gottes: „Ihr seid von Gott geliebt.“ Noch deutlicher ist das in der Lesung aus dem ersten Johannesbrief: „Sieht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat“. Doch geht es hier nicht um Liebe in der Familie, sondern um Bruderliebe, so wie im Johannesevangelium: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“ (Joh 13, 34).