Die Sonntagslesung: Gott findet Wege durch das Versagen

Zu den Lesungen des

21. Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr A) von Klaus Berger

Jes 22, 19–23; Röm 11, 33–36; Mt 16, 13–20

Im elften Kapitel des Römerbriefs hatte Paulus den Römern selbst ein Mysterium gekündigt, das er nun als den Inbegriff von Gottes Weisheit preist. Seine Einsicht verdankt Paulus Gott, und es ist hier speziell das Verstehen von Gottes etwas kompliziertem Heilsplan. Denn im Römerbrief 9–11 erörtert Paulus den Weg des Heils über die gegeneinander verschobenen Phasen des Gläubigwerdens der Heidenchristen und dann dereinst der Judenchristen.

Ähnlich erging es später dem Zisterziensermönch Joachim von Fiore, der in der Osternacht 1184, speziell beim Lobpreis der Osterkerze im Exsultet eine grundlegende Einsicht in den Verlauf der Heilsgeschichte geschenkt bekam; bei Joachim war es die Einsicht in die drei Zeiten (Vater – Sohn – Heiliger Geist), verständlich im Verhältnis von Altem und Neuem Testament. Weil es bei dem Mysterium, von dem Paulus spricht, um die Heilsgeschichte geht wie bei Joachim, und zwar das Mysterium von Juden und Heiden, bei Joachim um das Verhältnis von Altem und Neuem Testament, darf man annehmen, dass Joachim seine Erleuchtung nach dem Vorbild von oder in Analogie zu Paulus begriffen hat.

Nein, Gott löst die Frage nach der Bekehrungsgeschichte im Christentum nicht im Hau-ruck-Verfahren, sondern wie in einem kunstvollen Tanz mit eingebauter Pirouette als Warteschleife. In der Warteschleife stehen die nicht-christlichen Juden. Erst wenn sie sich zu Christus bekehrt haben werden, kann die Heilsgeschichte abgeschlossen werden. Bis sie soweit sind, ist die Zeit, in der Heidenmission überwiegt. Wir erinnern uns: Nach Markus 13, 10 muss, bevor Christus wiederkommt, das Evangelium erst zu den Heiden gelangt sein. Paulus erkennt nun, dass nach der abgeschlossenen Heidenmission dann auch Israel Frieden schließen wird mit seinem Messias. Diese letzte Phase vorher hat Paulus als Gottes Geheimnis erkannt. Entsprechend steht sie nur im Römerbrief. Die Phasen der Heilsgeschichte folgen daher so aufeinander:

1. Jesus verkündigt das Evangelium, findet aber nur wenig Gehör und wird von der Mehrzahl der Juden abgelehnt.

2. Daraufhin beginnt die Völkermission (zum Beispiel durch Paulus).

3. Nach deren Abschluss wird auch die Hinwendung der Juden zu ihrem Messias zu einem Ende kommen.

4. Der Herr kommt wieder.

Die paulinische „Neuerung“ ist die Phase drei. Paulus erweist sich hier als großer systematischer Denker, denn als jüdischer Christ kann er die Frage nach der Zukunft des eigenen Volkes nicht einfach auslassen; unabhängig von einem derartigen Geschichtsschema sprechen aber Texte wie Jesus Sirach 48, 8f von einer Bekehrung Israels am Ende (Elias). Drei Fragen stellen sich daher 1. Von welchen Grundsätzen ist Paulus ausgegangen bei seiner Lösung der ihn sehr bedrängenden Frage nach der „christlichen“ Zukunft seines Volkes? 2. Gibt oder gab es Alternativen zu diesem Vorschlag? 3. Lässt sich von Paulus aus ein ähnliches Schema entwickeln, etwa für die uns besonders bewegende Frage nach der Zukunft des Islam oder anderer Weltregionen im Verhältnis zum Christentum?

Zu Frage 1: Erstens ist Jesus das Ziel der Geschichte, denn er ist schon der Schöpfungsmittler. So führt auch in der Frage der Erlösung kein Weg an ihm vorbei. Zweitens denkt Paulus konzentrisch: Das Zentrum der Welt ist Israel, das Zentrum Israels der Messias Jesus. Drittens muss jede Geschichtstheologie auf ein universales Ende ausgerichtet sein. Der Horizont sind immer „alle Völker“, letztlich jedoch die „neue Schöpfung“. Viertens ist das wichtigste paulinische (neue) Prinzip: Gottes Weg zu seinem Ziel der universalen Herrschaft bezieht Ungehorsam und Bosheit, Versagen und Sünde der Menschen mit ein. Dadurch wird die Schuld nicht glücklich, der Ungehorsam nicht entschuldbar, aber Gott kann das Böse wie ein Trittbrett geradezu benutzen, um weiterzukommen. Er ist viel zu mächtig und vor allem zu heilig, als dass er durch Böses und Versagen der Menschen beschmutzt oder beeinträchtigt werden könnte. Im Gegenteil – er nutzt die Gerechtigkeitslücken aus, um sie mit seiner eigenen produktiven Gerechtigkeit zu füllen. Er kann es nicht zulassen, dass die Völker sich durch ihr Versagen seinem Weg entziehen, sich gewissermaßen einen schlanken Fuß machen und davonstehlen. Im Gegenteil: Gerade in ihrem Versagen lassen sie sich einbauen in Gottes Weg und Ziel. Und das gilt von Heiden und Juden.

Zur Frage 2: Erstens: Im Judentum gab es Entwürfe, nach denen es zukünftiges und endgültiges Heil nur für Israel gibt. Zweitens: Dort, wo das Christentum seine zukünftige Geschichte vom himmlischen Jerusalem her versteht (Apokalypse; Galater 4; Hebräerbrief 12), gibt es ein wohl letztlich an Jesaja orientiertes Gemisch von Judenchristen und Heidenchristen in einem jüdischen Rahmen („Israel Gottes“ beziehungsweise 144 000). Die kirchliche Identität wird hier jedenfalls nur von Israel her gedacht. Die Christen sind insoweit das neue Gottesvolk. Fünftens: Auf dem heilsgeschichtlichen Schachbrett, das Paulus wohl vor Augen hat, gibt es nur korporative Identitäten, daher muss es schon „ganz Israel“ sein (Römerbrief 11, 26).

Zur Frage 3: Erstens: Für die gegenwärtig brisante Frage der Judenmission ergibt sich, dass, sofern diese Mission überhaupt von anderen Menschen ausgeht (und nicht von den betroffenen Juden als Bekehrung sich vollzieht), dann am ehesten immer noch Judenchristen wie Paulus und Petrus dazu in der Lage wären. Das würde die messianischen Juden in der Gegenwart als eine womöglich heilsgeschichtlich fundamental wichtige Gruppe erscheinen lassen. Paulus spricht von seiner eigenen judenchristlichen Missionsarbeit in Römerbrief 11, 14.

Zweitens: Aus Gründen der Christologie kann nur die Einheit der Menschheit die Basis für die Vollendung der Welt sein. Das bedeutet aber gerade nicht Einerleiheit, die einzelnen Völker bleiben in ihrer natürlichen Gestalt erhalten. Denn die Gnade zerstört nicht, sondern vollendet. Drittens: Was den Islam betrifft, von dem gegenwärtig so viele Ängste ausgehen, so wird es eine gehörige Zeit brauchen, bis man erkennt, wie nahe das Jesusbild des Koran den christlichen Nestorianern steht, die Mariologie der äthiopisch-orthodoxen und der katholischen Auffassung von Maria. Aber diese Erkenntnisprozesse sind nicht Produkte von diplomatischen Verhandlungen, sondern im günstigen Falle eine von Gott selbst geschenkte Einsicht und die dazugehörige emotionale Basis.

Drittens: Mord und Verfolgung, die bis dahin geschehen, werden (wie zum Beispiel die Ermordung der Trappisten des Klosters Maria vom Atlas in Algerien) wie anderer Ungehorsam von Menschen eingebaut in Gottes Weg zum Heil. Nicht wir müssen „damit fertig werden“, sondern Gott wird aus dem Samen der Märtyrer neue Christen werden lassen. Das hat man schon zum Beispiel 1996 für Tibhirine richtig erkannt. Und der altkirchliche Grundsatz „sanguis martyrum semen Christianorum“ (Tertullian, Apolog. 50, 14; das Blut der Märtyrer ist der Samen für neue Christen) ist durchaus eine logische Konsequenz aus den oben dargestellten paulinischen Ansätzen über das Verhältnis von Verbrechen und Schlussfrieden. Aber welche Rolle sollen dann Mega-Verbrechen spielen? Völkermord lässt sich hier kaum „einbauen“. Je größer das Verbrechen ist, umso riskanter wird das Unternehmen, moralische Katastrophen als Etappen auf einem Weg zu erklären. Vor Instrumentalisierung wird gewarnt, und kein Mord wird zur gerechten Tat, nur weil im Anschluss an diese Tat dann überraschend neue Wege gefunden wurden, die zum Frieden führten. Ich finde: Nur dann, wenn man den Mord nicht beschönigt, unter keinen Umständen beschönigt, kann das Verbrechen zu einer neuen Einschätzung führen. Ein Mord ist und bleibt sinnlos und unverantwortbar. Aber dann und nur dann, wenn die auf ihn folgende Situation als eine neue Situation begriffen wird, kann man um einen Neubeginn ringen und kämpfen. Der biblische Gott schenkt solchen Neubeginn, wenn sich der Täter der Wahrnehmung der Talsohle, die er durch seine Tat erreicht hat, nicht verschließt und bereit ist zu Reue und Umkehr.