Die Sonntagslesung: Gott als der mächtige Dritte

Zu den Lesungen des

21. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) von Klaus berger

Jos 24, 1–2a.15–17; Eph 5, 21–32; Joh 6, 60–69

Dass die Ehe zwischen Mann und Frau etwas mit dem christlichen Glauben zu tun hat, ist nicht nur ein Schnörkel oder eine Verzierung der Hochzeitsfeier. Und der Kirchgang nach dem Standesamt ist nicht eine Zutat, die man auch weglassen kann. Nein, nach biblischem Glauben ist die Ehe in allererster Linie ein Geschäft Gottes. Zwar rufen fast alle alten Völker bei der Hochzeit die Hilfe der Götter an. Aber für „prophetische Juden“ und Christen ist Ehe wirklich etwas grundsätzlich anderes als die feierliche Stiftung einer bürgerlichen Institution. Jesus sagt: Gott fügt Mann und Frau zusammen. Und Paulus stellt fest: Die Ehe beruht zu hundert Prozent auf der Liebe Gottes zu seinem Volk. Davon sprachen die Propheten, wenn sie Menschen überhaupt zur Treue ermahnen wollten. Und Paulus erkennt, dass die Liebe Gottes zu seinem Volk erneuert und vollendet wird in der Hingabe Jesu für die Kirche. Eben darin liegt der qualitative Unterschied zu jeder Form des bürgerlichen Ehestandes. Für Christen kommt die Liebe Gottes zu seinem Volk in jeder Eheschließung zu wirklicher Erfüllung. Also kein Vergleich, der auch beliebig sein kann, also nicht nur ein neues Gedicht zum Thema Liebe. Vielmehr ist die Eheschließung Gottes eigenes Handeln an Mann und Frau als Vollendung der Liebe zu seinem Volk. Weil es um Gott geht, ist Ehe nicht der Ort der Kompromisse. Und die Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche mussten der Kirche mit Recht mühsam abgerungen werden. Die Alternative wäre gewesen, dass sie die gesamte Pfarrerschaft im Gefängnis hätte sehen müssen. Das war vor 150 Jahren. Der Verfall der Ehe hängt schlicht damit zusammen, dass Menschen nicht glauben können, dass Gott in der Welt überhaupt etwas getan hat und tun kann. Obwohl das doch gerade in der Ehe am greifbarsten ist. Segnen kann man auch Autos, Ställe und Flugzeuge. Aber Ehe ist ein Geheimnis, und da wundert es einen nicht, dass die Kirche tausend Jahre gebraucht hat, um die Verbindung von römisch-staatlichem Jawort und Sakrament in eine Form zu gießen.

Das fünfte Kapitel des Epheserbriefs erklärt uns: Im Falle von Ehemann und Ehefrau geht es nicht nur um zwei Menschen, sondern Gott ist der Dritte im Bunde, und zwar auf eigentümliche Weise. Nämlich nicht, dass er „zwischen“ beiden stünde, sondern dass er hinter beiden steht, tut an beiden etwas Neues.

Jesus ist als Messias der neue Bräutigam des neuen Gottesvolkes. Aus dem Alten Testament wird das Bild der Ehe zwischen Gott und seinem Volk aufgegriffen und erneuert. In sehr alten Zeugnissen des Neuen Testaments ist das Bild von Jesus als dem Bräutigam breit gestreut.

Es gehört nun zur Eigenart des frühchristlichen und katholischen Bild-Denkens, dass diese Ähnlichkeit der Beziehungen zwischen Christus und der Kirche und zwischen Mann und Frau nicht Gedankenspielerei ist, sondern Substanz hat. Daher ist in jeder dieser Beziehungen auch immer die andere mitbetroffen, mitberührt. Das Verhältnis Christus-Kirche bedeutet daher wirklich etwas für jede christliche Ehe und umgekehrt. So ist übrigens auch die Sakramentalität der Ehe zu begreifen. Die christliche Ehe ist dem Verhältnis Christus-Kirche „eingepflanzt“.

Von daher verstehen wir noch einmal besser, warum hier von der wechselseitigen Unterwerfung die Rede ist: In der ehelichen Beziehung von Mann und Frau ist Gott selbst wirksam. Daher ist hier auf jeden Fall heilige Scheu und Unterwerfung vor dieser besonderen Weise der Wirkgegenwart Gottes angebracht. In jeder Ehe – und auf sehr besondere Weise nur eben in diesem Miteinander – begegnet uns wirklich ein realer Teil der Zuwendung Gottes zu den Menschen. Daher ist in jedem Ehepartner Gott berührt. Die Ehe ist eben kein „weltlich Ding“ (Luther).

Der Text im fünften Kapitel des Epheserbriefs richtet sich nun fast ausschließlich an Männer, hält speziell sie für der Ermahnung und Veränderung bedürftig. Ich finde es erstaunlich und beunruhigend, was hier den Männern zugemutet wird: So wie Christus die Kirche geliebt und sein ganzes Leben für sie eingesetzt hat, damit sie rein und schön sei, so soll der Mann seine Frau lieben und für sie da sein.

Drei Dinge finde ich hier bemerkenswert. Einmal ist Paulus offenbar kein weltfremder Geist. Er weiß, was eine Frau begehrenswert macht. Denn wenn er sagt: Christus hat seine Braut herrlich werden lassen, ohne Makel und Falten oder etwas davon, damit sie vollkommen und tadellos sei, dann gibt er zu erkennen, dass er etwas von Schönheit versteht. Denn „herrlich“ ist „strahlend“, „ohne Makel und Falten“ ist „von guter Figur und jugendlichem Aussehen“, „hübsch und schick“, eine Frau wie aus dem Märchenbuch. Erstaunlich und bedenkenswert ist nur: Diese Attribute sind nicht etwa Bedingung der Heirat wie Wunschzettel in Annoncen für Partnersuche, sondern sie sind Folge des Tuns des Ehemanns. Er ist verantwortlich für alle diese Qualitäten seiner Frau. Jeder ist für die Qualitäten des anderen ganz wesentlich selbst verantwortlich.

Zum zweiten ist in der Wirkungsgeschichte dieses Briefes wenig beachtet worden, was hier den Männern zugemutet wird. Wie Christus sollen sie ihre ganze Existenz ihrer Frau widmen. Die früher übliche deutsche Übersetzung mit „sich hingeben“ trifft nämlich nicht. Gemeint ist Jesus nicht als der, der sich für seine Kirche gerne in den Tod gegeben hat. Das wäre ein fragwürdiges Vorbild für einen Ehemann, der doch nicht dazu angehalten wird, möglichst bald für seine Frau zu sterben, um so dem Joch der Ehe schnell zu entkommen. Nein, gemeint ist mit dem „sich geben“ Jesu ganze Existenz, sein ganzes Leben inklusive Leiden. In der Tat: Meistens sind Frauen die leidenden. Doch hier wird da sein für andere und leiden für andere eindeutig dem Mann zugemutet. Damit wird die normale Erwartungshaltung umgekehrt. Der Christus, der hier vor Augen tritt, ist eine besondere Art von Mann, eine bleibende Provokation für jeden Mann. Nicht für Ehre oder Sexualgenuss, sondern schlicht für die eigene Frau alles zu tun. Ein Ziel außerhalb dieser Existenz zugunsten seiner Frau wird für den Mann in diesem Text überhaupt nicht genannt. Die Art von Mann, die Christus darstellt, widerstrebt dem „alten Adam“ in jedem Mann sehr erheblich.

Paulus, der Autor des Epheserbriefes, wusste wohl, dass seine Vorschläge recht umstürzend waren. Das erklärt auch die merkwürdige Mahnung an die Frau zum Schluss, sie solle „den Mann fürchten“ – und das, obwohl er den üblichen Teil über die Frau zu Beginn des Abschnittes schon geboten hatte. Hier aber wird die Mahnung zum Fürchten „nachgeliefert“ – fürchten, eben wie man Gott fürchtet, in religiöser Scheu. Denn wenn der Mann das tut, was Christus tut, wenn er real daran Anteil hat, dann geht es hier nicht zuerst um Moral, sondern um die sakramentale Grundlage, um das Heilige in der Ehe. Und wie in der Eucharistiefeier der männliche Priester in persona Christi das Heilige gegenwärtig werden lässt, so in der Ehe der Mann das Werk der Gabe des Lebens, das Jesus darbringt. Auch dass das Priesteramt nur als männlich vorstellbar ist, wird von diesem Kapitel des Epheserbriefs nochmals verständlich. Wenn schon in der Ehe nur der Mann das heilige Werk der Lebensgabe Jesu in die Tat umsetzt, um wieviel mehr wird das für die Eucharistiefeier gelten müssen. Diese Darstellung der Person und Rolle Jesu Christi wird nicht von einer Frau vollzogen. Im Epheserbrief wird erkennbar, dass diese Wahrnehmung der Rolle Jesu Christi durch den Mann eine überaus anspruchsvolle ist und mit einer Privilegierung nichts zu tun hat.