Die Sonntagslesung: Gebet ist eine folgenreiche Begegnung

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25. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) von Klaus Berger

Weish 2, 1–20; Jak 3, 16–4, 3; Mk 9, 30–37

Zur Lesung aus dem Jakobusbrief: Nimmt man, wie es sich sachlich gehört, Jakobus 3, 15 mit hinzu, so wird das Panorama entfaltet, mit dem wir es zu tun haben. Es gibt zwei Arten von Weisheit, eine irdische, letztlich dämonische, und eine himmlische, die von Gott kommt. Die eine führt zu Unfrieden, die andere zum Frieden. Ein wenig Einsicht in die „Struktur“ dieser beiden Arten von Weisheit kann zumindest helfen, die „Geister zu unterscheiden“. Denn auf dem weiten Feld der Weisheit sind nicht alle Katzen grau, sondern es gibt schwarze und weiße. Ist so zu reden nicht unbarmherzig? Doch neben der Magie ist Weisheit das Feld, auf dem das Christentum am ehesten seine Konturen verliert. Die zahlreichen Geschenkbändchen bezeugen es: Bis zum Erweis des Gegenteils genießt jede Form exotischer Weisheit einen absoluten Vertrauensvorschuss. So sind wir auf jede Art exotischer Weisheit hereingefallen, und dieser Irrtum war und ist nicht nur teuer, sondern auch zerstörerisch für das Christentum.

Der Jakobusbrief ist einer der ersten, der gegen die These zu Felde zieht, alle Weisheit wäre gleich gut und friedlich. Waren und sind wir nicht der Meinung, der asiatische Weise sei Inbegriff des Friedens, Buddhismus sei als friedliche Philosophie dem Christentum haushoch überlegen? Doch leider gibt es auch in der Geschichte des Buddhismus blutige Religionskriege. Der Jakobusbrief sagt es ganz überraschend: Weisheit ist dämonisch oder von Gott. An den Früchten kann man das erkennen. Grundsätzlich geht es nämlich um die Frage, was der Glaube an Gott mit Frieden zu tun hat. Das allgemeinste Argument: Wenn man an Gott glaubt, also nur einer Gott ist, kommt ihm auch das Gewaltmonopol zu, und die anderen Menschen sind Geschwister. Der Jakobusbrief gibt hier drei Antworten: Erstens kennt die Weisheit von Gott nur Gott als ihr Maß. Ähnlich sagt es der heiligen Bernhard über die Liebe: Das Maß der Liebe ist die Maßlosigkeit. Von der Weisheit nach dem Jakobusbrief heißt das hier: Sie ist heilig. Heilig sein heißt Gottes Eigentum sein. Wenn sie sich nach Gott richtet, findet diese Weisheit ihr Maß und ihre Grenzen. Es ist der Blick auf Gott, der dieser Weisheit ihre Normen und Maßstäbe schenkt. Die Menschen dagegen sind maßlos. Der Jakobusbrief teilt an dieser Stelle mit dem Apostel Paulus das Verständnis von Sünde. Bei Paulus ist Sünde die maßlos gewordene Vitalität des Menschen. Denn die Lebenstriebe sind gut (essen, trinken, sich vermehren). Aber der Mensch redet sich, wenn er dabei maßlos wird, ein, es handele sich noch immer um etwas Gutes, für sein Leben Förderliches und letztlich Nützliches. Daher besteht das Wesen der Sünde in Täuschung, in Trug. Denn unter dem Deckmantel des Lebensförderlichen wird der Trieb maßlos. Genau so sieht es der Jakobusbrief in 4, 1.

Zweitens gilt von der Weisheit von Gott, dass sie ohne Heuchelei ist. Bei den meisten sogenannten Friedensbemühungen wird geheuchelt, denn niemand wird seine Lust auf Gewalt offen zugeben.

Drittens hängt der Unfrieden mit einem Mangel des Gebets zusammen: Man kann Gott nicht um Unrechtmäßiges bitten, und selbst wenn man bittet, ist es nicht redlich, weil das Erbetene nur zur Befriedigung der Verschwendungssucht dient. Hier wird Wichtiges über das Gebet gesagt: Denn im Gebet blickt der Beter Gott „ins Gesicht“ und, wenn er es „richtig“ macht, genauso offen auf sich selbst. Wenn man Gott offen anblickt, kann man nicht im Ernst um Dinge bitten, von denen man weiß, dass Gott sie nicht will. Daher hat man es schon immer als ein Kriterium für rechtes Handeln angesehen, ob man Gott darum bitten kann und ob man, wenn man es erhalten hat, Gott dafür danken kann. Das aber bedeutet: Das Gebet ist ein Geschehen, bei dem das Gegenüber im Blick steht und nicht einfach mechanisch etwas zugemutet bekommt. Es ist wirklich ein Hinüber und Herüber mit stetem „Blickkontakt“ zum anderen. Wenn der Beter auf sich blickt, wird er vor allem kritisch gegenüber den eigenen Wünschen. Er wird, wenn er gut betet, zunehmend selbstkritischer und fragt sich: Wo dient das Erbetene nur zur Befriedigung eigener Maßlosigkeit?

Und er wird bescheidener. So ist auch das bekannte Gleichnis über den Mindesterfolg des Betens zu verstehen: Beten ist zumindest so, wie wenn man in einem geflochtenen Korb Wasser von der Quelle ins Haus trägt. Am Ende ist zwar kein Wasser im Korb, aber der Korb ist gereinigt. Beten heißt daher: sich der kritischen Gegenwart Gottes aussetzen, weich werden und sich knetbar machen vor ihm. Denn Gebet ist die beiderseitige Aufgabe der Härte der Kontaktlosigkeit. Es müsste schon ganz ungewöhnlich dabei zugehen, wenn der Beter nicht verwandelt aus dem Gebet hervorginge. Der mittelalterliche Satz „noverim me, noverim te“ „Soweit ich mich erkenne, erkenne ich auch dich“ meint daher einen wechselseitigen differenzierten Weg des Sich-Zeigens. Und dieses ist ein Ablauf mit garantiert positivem Ausgang. Denn so oder so werden beide verändert, der Beter und Gott, auch wenn dieses oft nicht messbar oder am Erfolg ablesbar ist. Gebet ist demnach weder ein Erfüllungsautomat noch ein Telefon ohne Partner an der anderen Seite. Gebet ist eine folgenreiche Begegnung zwischen Lebendigen. Und so ganz nebenbei gibt der Jakobusbrief so auch eine Antwort auf die Frage nach dem Finden moralischer Normen im Einzelfall. Im übrigen kennt das Gebet keinen „Subjektivismus“ im Sinne des 19. und 20. Jahrhunderts.

Der Jakobusbrief weist nun gerade in diesem Abschnitt über die doppelte Weisheit ganz erstaunliche Übereinstimmungen mit dem paulinischen Weisheitskapitel schlechthin nämlich mit dem ersten Kapitel des ersten Korintherbriefs. Auch bei Paulus gibt es zwei Sorten von Weisheit, eine, die Streit bringt und Menschen entzweit, und eine, die Frieden bringt. In Korinth herrscht nämlich Streit, und die Weisheit der Mächtigen dieser Welt ist die, die auch in Korinth Streit gebracht hat. Sie beruht immer auf den Dingen, die Prestige bringen: Reichtum, Adel, Ansehen, politisches Geschick. Gottes Weisheit ist dieser strikt entgegengesetzt, sie ist die Weisheit des Kreuzes. Der Jakobusbrief verwendet das Wort „Kreuz“ hier nicht, aber wenn er von Frieden, Güte und Erbarmen spricht, dann meint er genau das, was der Gekreuzigte ausstrahlt und was ihn als den von Gott Erwählten kennzeichnet. Denn wenn man Gott allein den Ruhm überlässt und sich allein Gottes rühmt, dann hat das Frieden und Erbarmen zur Folge. Allerdings: Was der Jakobusbrief hier himmlische Weisheit nennt und Paulus „Torheit des Kreuzes“, stellt die bürgerlichen Werte total auf den Kopf. Aber angesichts der Friedlosigkeit der Welt wird es immer wahrscheinlicher, dass es irgendeinen dauerhaften Frieden nur auf der Grundlage dieses Ansatzes von Kreuzestheologie und himmlischer Weisheit geben wird. Einfacher und billiger wird der Frieden nicht zu haben sein. Immerhin gibt es überhaupt diesen Weg.

Leider haben wir oft Angst vor dem Christlichen. Fällt man dann nicht ins Bodenlose, wenn man auf die irdischen Werte nicht setzt, sondern sich allein Gott anvertraut? Aber Ähnliches geschieht ja beim christlichen Sterben auch. Seit vielen Jahrhunderte denken christliche Mönche über eine neue ars moriendi (Kunst des Sterbens) nach. Dort, wo wir ins Bodenlose zu fallen scheinen, wird die Frage, ob und wie es Gott gibt, unausweichlich. Eines der ältesten Zisterzienserklöster heißt Morimond, für die Welt zu sterben (mori mondo). Das hatte Paulus schon im Römerbrief für die Taufe erwartet. Wer diese Freiheit gewinnt, kann sich auch jetzt schon ganz in Gottes Hand begeben. Bei jedem mutigen Entschluss, Frieden zu machen, geschieht genau dieses.