Die Sonntagslesung: Freude ist das Innenleben Gottes

Zu den Lesungen des dritten Adventssonntages 2012

(Lesejahr C) von Klaus Berger

Zef 3, 14–17; Phil 4, 4–7; Lk 3, 10–18

Mit der groß gedruckten Überschrift auf der Titelseite „Wo Gott nichts zu suchen hat“ hatte eine Wochenzeitung Ende November eine Diskussion über Religion und Politik eingeleitet. Ist Religion Privatsache? Alles Unheil beginnt dort, wo die Kirche nicht in der Sakristei bleibt, sondern sich dort einmischt, wo Gott nichts zu suchen und zu sagen hat. Doch jedes Jahr im Advent ist die Kirche aufgrund der Bibeltexte der Liturgie gehalten, genau die Figur zu entdecken, die in Leben und Leiden das hundertprozentige Gegenteil zu dieser Maulkorbverleihung an den Gott ist: Johannes den Täufer. Er konnte in gut prophetischer Art den Mund nicht halten, kritisierte den herrschenden Regenten und wurde dafür mit dem Tod bestraft. Jesus nennt ihn daraufhin den größten unter allen Propheten. Denn bei den Propheten bestimmt sich die Größe nicht nach der Anzahl der Publikationen, sondern nach dem Mut, nach der bedingungslosen Parteinahme für Gottes Recht und Gebot.

So war es das Anliegen der alten Propheten: Gott hat Rechte in dieser Welt. Und daher ist es heute um Gottes willen nicht egal, was man mit Ungeborenen und Altersschwachen, mit Juden und Sinti und Roma anfängt. Es ist ja auch gar kein Zufall, dass man genau in denselben Wochen über das Thema diskutiert, ob Säkularisierung wirklich zum Moralverfall führt. Denn auf Deutsch heißt das: Hängt das private wie öffentliche Verhalten eines Menschen wirklich davon ab, ob er glaubt oder nicht? Mit Säkularisierung ist gemeint: Es gibt nichts Heiliges, welches das Weltliche stören könnte. Es gibt bestenfalls subjektive Geschmacksurteile, aber doch nicht Gottes Gebote oder ein Recht der Kirche, einen Text mit den Worten einzuleiten „Mit brennender Sorge“. In Johannes dem Täufer kommt wie in einem Focus der gesammelte Widerstandsgeist der Propheten des Alten Bundes zur Geltung.

Schon die Liturgie des ersten Jahrtausends hat am dritten Adventssonntag neben die streng rechtliche Täuferpredigt die fröhliche Lesung aus dem Philipperbrief gestellt: Freut euch, abermals sage ich: Freut euch. Denn so streng sachbezogen handeln wie der Täufer es fordert, kann man nicht aus grimmiger Weltverachtung oder als berufsmäßiger Wutbürger, sondern nur in der fröhlichen Gelassenheit dessen, der den langen Atem hat. Deshalb hebt nach Lukas auch die Verkündigung des Evangeliums schon mit dem Täufer an. Und auch die berühmte Kleidung des Täufers und seine noch berühmtere Nahrung kann man nur dann länger als einen Tag genießen, wenn man viel Humor hat. Den Täufer dürfen wir uns daher nicht als brüllenden und ohrfeigenden Wutstudienrat vorstellen, wie wir den einen oder anderen hatten. Eher denke ich an einen verschmitzten Zeichenlehrer, der die leisen Töne lebte und dessen Botschaft eben deshalb glaubwürdig war. Denn nach dem vierten Kapitel des Philipperbriefs findet die fröhliche Existenz, zu der Paulus hier auffordert, ihren besonderen Ausdruck in der Sorglosigkeit.

Deshalb dürften sich Jesus, Johannes der Täufer und Paulus, hätten sie sich je alle drei getroffen, sicher in dem Punkt auf Anhieb verstanden, nicht umständlich vorzusorgen, sondern geradezu demonstrativ auf das zu warten was der Tag bringt, sei es eine Heuschrecke mit Salatbeilage für den Täufer, sei es eine Einladung bei Pharisäern für Jesus oder ein Abendessen bei Prisca und Aquila für Paulus. Alle drei hatten keinen, der für sie kochte, und wir gewöhnen uns bei der Lektüre dieser Texte an einen Daseinsentwurf, bei dem prinzipiell offen ist, ob und wo man seine nächste Mahlzeit bekommt. Bei Johannes, Jesus und Paulus hat dieser Dauerzustand freilich schon dazu geführt, dass sie darüber gar nicht mehr reden. Man kann sich offensichtlich soweit gewöhnen, dass diese Dinge kein Thema mehr sind.

Freiheit von der Sorge bedeutet in den Evangelien freilich Verzicht auf jede Art von Vorsorge und Leben von der Hand in den Mund. Irgendwie ist ein solches Leben nicht mehr richtig irdisch, da es jedenfalls das Sorgen für eine Familie mit kleinen Kindern und behinderten Alten ausschließt. Andererseits ist das auch kein Lebensstil für spinnerte Außenseiter. Doch schon seit längerem ist es ein Lebensstil für Heilige, für Menschen an der vordersten Front, für männliche und weibliche Manager, für Schul- und Klinikdirektoren, engagierte Bischöfe und Mütter vieler Kinder oder die tieffromme ledige Mutter eines schwerstbehinderten Klassenkameraden.

So gab es in der Nachkriegszeit viele Priester und engagierte Laien. Letzten Endes war es die große Freude, die sie antrieb. Zum Beispiel die Freude, die vom siebenhundertjährigen Jubiläum des Kölner Domes 1948 ausging oder vom Treffen Adenauers mit de Gaulle in der Kathedrale von Reims 1962. In beiden Fällen die geistlich begründete Freude über einen großen, unverlierbaren Schatz an Gemeinsamkeiten. Oder der Geist der Priestergeneration aus dem Seminar Le Coudray bei Chartres. Die Weltjugendtage, zum Beispiel der in Köln von 2005, sind in unserer Generation an die Stelle der alten Schätze getreten. Es sind Ereignisse, die aus dem grauen Meer der Alltäglichkeit markant herausragen, die eine ganze Generation prägen können, und zwar gerade hinsichtlich der Frage, was unter allen Umständen wertvoll ist und wo allein man es finden kann. „Gaudete“, „freuen sollt ihr euch!“ hieß dieser Sonntag früher, weil der erste Satz der neutestamentlichen Lesung der Anfang des Introitus war. Was das bedeutet und wie es zu begründen ist, das sagt Paulus hier im Brief an die Philipper in den beiden folgenden Sätzen: „Das Ende steht vor der Türe. Sorgt euch um nichts, denn ihr könnt ja beten. So sollen eure Wünsche allezeit, wenn ihr betet und bittet, begleitet von Dank und Lob vor Gott kommen.“

Es ist nichts Großes und Besonderes, was der Täufer predigt: den Besitz halbieren, das Essen teilen, nur das Geld eintreiben, das den Vorschriften entspricht, nicht plündern und niemanden erpressen. Wenn man das aus Freude tun kann, fällt es leicht, so zu handeln.

Kann man Freude befehlen? Freude und Liebe sind für die Bibel gar keine Gefühle wie bei uns. Es sind Verhaltensweisen, die man tun oder unterlassen kann. Ähnlich ist es mit der Feindesliebe. Die Aufforderung zur Freude hat etwas mit der Entscheidung für „Werte“ zu tun, mit dem Aspekt der Wertbeständigkeit, des Sieges über den Verfall und letztlich den Tod. Denn Freude ist das Gegenteil von Unheil, Verdammnis und Schande. Wenn Jesus im Gleichnis über den treuen Sklaven spricht, der beim Gericht den Zuspruch erhält „Geh ein in die Freude deines Herrn“, oder vielmehr: „Komm herein zu Gott, wo alles reine Freude ist“, dann meint das den Lohn des ewigen Lebens, das Grund zur Freude ist. Häufig stoßen wir bei der Frage, was „Freude“ biblisch ist, auf Werte, die Grund zur wahren Freude sind. Aber dieses Wertvolle sich anzueignen kann man befehlen oder anmahnen. Also weniger direkt zur Freude als vielmehr zur Wahl dieses Wertes oder Gutes. So hat auch die Gemeinde von Philippi aus der Sicht des Apostels Paulus dieses Gut vor Augen: Gott und durch ihn die Verbindung untereinander. Das ist ein Glücksfall, bei dem die Gemeinde zugreifen soll.

Wer sich freut, öffnet sich mit allen Poren einer Verheißung, in deren Licht er schon steht; im vierten Kapitel des Philipperbriefs wird diese beglückende Nähe begründet: „Das Ende steht vor der Türe“. Das gilt räumlich, zeitlich und persönlich. Mit dem nahen Ende ist auch Gott nahegekommen. Nach dem Neuen Testament ist Freude das „Innenleben Gottes“. Dies ist das Menschenbild, Christen betreffend, die sich dort einmischen, wo man es gerne hätte, wenn Gott draußen bliebe.

Was ein Schatz ist, das wird mir in diesen dunklen Wintertagen an dem gotischen Kelch deutlich, der samt Patene auf meinem Schreibtisch steht. Er ist gerade neu geputzt, und das reine Gold des fünfhundertjährigen Kelches strahlt mir entgegen als Zeichen für die Botschaft, der ich dienen möchte und der mein Herz gehört.