Die Sonntagslesung: Ein König, der sein Leben hingibt

Zu den Lesungen des 34. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C). Von Klaus Berger

2 Samuel 5, 1–3; Kolosser 1, 12–20; Lukas 23, 35–43

Jeder Kanzler und Präsident gelobt bei seiner Amtseinführung, Schaden abzuwehren von seinem Volk. Dazu hat er die Macht, und daran wird er schließlich gemessen. Schon die römische Antike sieht das Verhältnis zwischen Herrscher (Kaiser) und Volk im Bild von Haupt und Leib. Noch viel enger ist die Verbindung von Christus und Kirche, sie ist durch die Taufe begründet. Denn es ist unter anderem derselbe heilige Geist, dasselbe Lebensprinzip, das beide beseelt. Das ist schon auffällig. Bei diesem König und seinem Volk geht es immer wieder um seinen Leib. Er hat sein leibliches Leben gegeben. So wurde er König des Leibes, der seine Kirche ist. Und bei jeder Eucharistiefeier geht es um die reale Gegenwart dieser Einheit. Real ist sie vom präsenten Leib Christi her, der unter der Gestalt von Brot und Wein das einheitsstiftende Prinzip in der Mitte ist.

Christus hat als das Haupt des Leibes, der Kirche, getan, was ein König tut, nämlich Frieden geschaffen und Völker versöhnt. Und wenn er in sein Reich kommt, soll er des gerechten Schächers gedenken; sein Reich ist „im Himmel“. Dort herrscht Jesus jetzt und zur Rechten Gottes, seitdem er auferstanden und erhöht ist. In dieser Zeit unterwirft der himmlische Vater ihm die Mächte und Gewalten und am Ende auch den Tod. Wenn das geschehen ist, das heißt mit der allgemeinen Totenauferstehung, „übergibt“ der Sohn dem Vater sein Reich. Denn allerdings wird „seines Reiches kein Ende sein“, aber es ist dann dieses Reich ohne aufzuhören dem Reich Gottes einverleibt. Dafür muss man etwas über Mächte und Gewalten wissen. Sie sind die Ordnungshüter Gottes. Sie singen Lob und Preis im Himmel, aber mit ihrer Hilfe regiert Gott auch die Welt. Weil sie eine Art Polizei (Ordnungshüter) sind, haben sie auch das Schuldregister der Menschen geführt, das bei der Kreuzigung Jesu zerrissen wird. Sie sind, so verstanden, nicht böse, sondern gerecht. Auch der Schuldschein war mit Recht ausgestellt. Insofern hat Jesus die Menschheit nicht vor irgendeiner „Bosheit der Mächte“ bewahrt, sondern vor den „gerechten“ Folgen der eigenen Schuld. Die Strafe, die der Menschheit drohte, war nicht ungerecht und böse, sondern nur allzu gerecht. Die Mächte und Gewalten sind daher in der Tat als Ordnungshüter Exekutive Gottes.

Mächte der Finsternis werden von Christus besiegt

Welche konkreten Erfahrungen lassen sich im frühen Christentum und im Judentum mit den Mächten und Gewalten verbinden? Der Tod gehört zu ihnen, aber auch Betrug, Streit, Kampf, Macht. Täuschung, Gewalt, Missgunst. Sie alle herrschen in der Finsternis. Nach Philo von Alexandrien (1. Jahrhundert nach Christus) stehen die „Gewalten“ in folgender Reihe: Erde, Wasser, Luft, Sonne, Mond, Himmel, andere körperlose Gewalten. In den Texten des frühesten Christentums (1 Petrus, 1 Korinther 15, 1 Petrus 3, Kolosser 1–2, Epheser 1, Judasbrief, 2 Petrus; Justin, Dialog mit dem Juden Tryphon 41, Ignatius von Antiochien, Epheser 13) treten folgende Elemente hinzu, die wir vorher und außerhalb niemals finden: Derartige Mächte werden unterworfen, und zwar von Jesus Christus durch seine Auferstehung/Erhöhung. Sie werden „aufgelöst“, „entfernt“ oder „besiegt“. Das setzt voraus: In christologischer Perspektive überwiegt ihre negative Einschätzung. Nach dem Brief an die Kolosser werden sie „abgetan“.

Interessant ist, dass offenbar niemand die Existenz dieser Mächte bezweifelt. Sie stehen einfach in Geltung und gehören zur Welt. Im Verhältnis zu den außerchristlichen Belegen fällt sofort die Spannung zwischen Christus und den Mächten ins Auge. Das Verhältnis Christus/Mächte ist sehr unterschiedlich dargestellt: Einerseits werden diese Mächte bejaht: Sie gehören zu der Ordnung, die in Christus ihr Haupt hat (Kolosser 2, 10), sie dürfen nicht gelästert werden (2 Petrus). Durch die Erhöhung des Auferstandenen wird die Ordnung hergestellt, in der die Mächte im besten Falle sein sollen (Epheser; 1 Petrus 3). Nach 1 Korinther 15 steht die Verwirklichung dieser Ordnung noch aus.

In allen diesen Fällen sind die Mächte nicht grundsätzlich negativ gewertet. Wenn nach 1 Korinther 15, 24–27 der Tod einer der Mächte ist, wie Paulus zumindest implizit behauptet, dann ist daran zu denken, dass nach vielen jüdischen Aussagen der Tod ein von Gott gesandter Engel ist, der als solcher zu den Mächten gehört. Als Engel ist er von Gott geschaffen.

Bei Jesu Tod heißt es in Kolosser 2 über den Schuldschein: Jesus hat ihn ungültig gemacht, indem er die Mächte und Gewalten abgeschüttelt hat, sodass sie öffentlich blamiert sind. – Das heißt im Kontext unserer Deutung der Mächte und Gewalten: Die Mächte und Gewalten sind auch strafende Mächte. Ähnliches gilt auch für alle Texte, nach denen Jesus als Gekreuzigter die Mächte und Gewalten „besiegt“ hat. Denn gemeint ist der Sieg gegenüber Schuld und Bosheit, die der Mensch selbst angerichtet hat. Analoges gilt auch von der Auferstehung/Erhöhung. Denn durch dieses Ereignis hat Jesus zugunsten der Menschen sich selbst als deren Anwalt neben Gott gesetzt und die strafenden Mächte als Ankläger („Staatsanwälte“) ausmanövriert. Er hat sie abgetan beziehungsweise überwunden, weil er als der der Gerechte zugunsten der Menschen und für sie vor Gott erschienen ist, als ihr Anwalt und Fürsprecher.

Die biblische Auffassung und ihre Spuren in der Geschichte

„Christkönig“ ist mithin nicht nur eine Sache von Glaubensmut und Treueschwüren. Denn im Neuen Testament wird genau dargestellt, was Jesus Christus als König beim himmlischen Vater für uns tut. Er weist alle „Ordnungsmächte“ ab, die Schuld aufweisen müssen und wollen. Er ist ein König der Gnade und Barmherzigkeit. Diese biblische Auffassung hat auch Spuren in der politischen Geschichte hinterlassen, und zwar im Bild des christlichen Königs. Denn dieser König hat Schaden von seinem Volk abgewendet, indem er sein Leben gegeben hat für die Schuld der Menschen. Den für uns Menschen bedrohlichen Realitäten hat er die Stirn geboten. Damit hat er den Menschen seiner Kirche ein einzigartiges Treueverhältnis angeboten.

Der alttestamentliche Text aus 2 Samuel 5 vermeldet die Einsetzung Davids zum König. Der Text erinnert uns daran, dass Jesus „aus dem Hause Davids“ stammt und in der alten Königsstadt Bethlehem geboren wurde. Und wann immer das Judentum einen messianischen König erwartete, musste er aus Davids Geschlecht sein und erhielt deshalb den Titel „Sohn Davids“. Die Stammbäume Jesu nach Matthäus und Lukas stimmen darin überein, es gibt auch viele ältere Nachrichten über die Herkunft Jesu von David (zum Beispiel Römer 1, 3; 2 Timotheus 2, 8). Die Brücke zwischen der jüdischen Messiaserwartung des Sohnes Davids und Jesus besteht einmal in der Familientradition (siehe Stammbäume) und dann darin, dass Jesus als himmlischer König die Feinde des Menschen in Schach hält, während Salomo, der historische Sohn Davids, die Dämonen bekämpfte und besiegte. So tut es auch Jesus und lässt sich dabei als Sohn Davids anreden. Die exorzistische Tätigkeit des Sohnes Davids vor Ostern setzt der Auferstandene an Mächten und Gewalten fort. Hinter Dämonen und dem Wirken von Mächten und Gewalten steht das Böse, aber nicht in dem Sinne, dass sie das Böse wären. Sie sind von Gott geschaffen, das Böse gelangt durch sie in begrenzter Kooperation zur Wirkung.

So wird die für die Menschen bedrohliche, im Zweifelsfall gefährliche Macht von „Geistermächten“ durch Jesu Heiligen Geist gebändigt oder durch den Auferstandenen, der in der Kraft des Heiligen Geistes lebt. Christus, der König, führt daher einen wirklichen Kampf. Bei den Exorzismen der Evangelien lässt sich das an dem militärischen Befehlshaber-Ton erkennen, mit dem Jesus die Dämonen herumkommandiert. Und bei den himmlischen Mächten und Gewalten, gegenüber deren Ordnungssinn Jesus sich für die Menschen einsetzt, braucht Jesus die harten Bandagen, die wir von engagierten Anwälten vor Gericht kennen.

Das alles hilft unserem Jesusbild: Jesus ist nicht das süßliche zarte Engelskind, sondern ein treuer König, der sich für uns „ins Zeug wirft“.