Die Sonntagslesung: Die Vorfreude zeichnet den Christen aus

Zu den Lesungen des dritten Adventssonntags „Gaudete“ (Lesejahr A) von KLaus Berger

Jes 35, 1–6a.10; Jak 5, 7–10; Mt 11, 2–11

Nur kurze Briefe sind ganz alt im frühen Christentum. So gehört der Jakobusbrief zu den sieben ältesten Schreiben, die wir überhaupt aus der Frühzeit der Kirche haben. Deshalb ist er auch in vielem fremd geblieben, abseits vom Strom. Er liegt nicht gerade im großen breiten Flussbett Paulus, Johannes, Petrus. Kaum je wird er als Trauungstext verwendet. Doch wäre gerade die heutige Lesung für diesen Zweck geeignet, wo zweimal vom Advent und dreimal von Geduld die Rede ist. Lateinisch heißt das adventus und patientia. Adventus heißt alles, was wir erhoffen. Nicht abstrakt, sondern egal ob jetzt oder am Ende der Zeiten, wenn der Herr uns besucht. Wenn er bei uns vorbeikommt, nicht ohne Absicht und nicht ganz zufällig. Wenn er uns zu Hause trifft. Wenn er dann wirklich ankommt bei uns.

Das ist auch ein bisschen, wenn er uns heimsucht, wenn er plötzlich da ist, ganz anders als erwartet. Oder wenn er unmerklich kommt, so wie der Winter, wenn es lange und still schneit und dann schon nachts unter dem funkelnden Sternenhimmel oder am nächsten Morgen bei strahlender Sonne die Winterherrlichkeit da ist. Deshalb singen die Schwestern und Brüder in den Klöstern auch nachts und Tag und Nacht, damit jemand merkt, wenn der Herr kommt, damit einige wenigstens nicht schlafen. Und ihn begrüßen können.

Und über die Geduld gibt es diese Geschichte: Es ist natürlich eine Geschichte von Mann und Frau – wir hatten über das fünfte Kapitel des Jakobusbriefs als Trauungstext gesprochen. Es war nicht der Fall, den man erwarten sollte, dass Mann und Frau getrennt wurden und jeder für sich lange Jahre ohne den Partner lebten und einander treu waren, bis der Tag der Erlösung kam. Es war anders – so nämlich, dass sie älter und alt wurden und dass der andere doch da war. Nur dass sie in den Jahren, in denen sie langsam älter und kränker und stiller wurden, in denen sie begannen, irgendwann mit dem Tod zu rechnen, dass sie da fragten, jeder sich selbst und im Stillen, ob dieses denn nun die große Liebe sei. Und ob sich dafür das Drama des Einander-Kriegens gelohnt habe. Denn irgendwie dramatisch ist das immer.

Und sie fragten, woran denn wohl das Große zu messen sei. Im Laufe der Zeit bemerkten sie freilich, dass der Maßstab für Größe nicht das ist, was man von anderen weiß oder zu wissen meint. Sondern dass er nur in ihrer eigenen Geschichte liegt.

Und wenn man nicht wagt, den Partner zu fragen, ob er denn glücklich sei, dann weiß man immer, dass noch etwas fehlt, weil Liebe auf Unendlichkeit hin angelegt ist. Es gibt das schöne Sprichwort vom Triumph des Augenblicks und vom Glanz der Dauer. Und man erinnert sich an triumphale Augenblicke, aber auch an den Glanz der Dauer. Es klingt ein wenig nach christlicher Standardantwort, wenn man immer wieder die Geduld anpreist, und oft scheint es zynisch zu sein.

Als Karl Marx und Friedrich Engels einstmals eine theologische Vorlesung über den Römerbrief hörten, platzte ihnen bei der Rede des Apostels Paulus über die Geduld endgültig der Kragen, und Karl Marx schrieb in der Vorlesung seinen eigenen Kommentar dazu: „Religion ist das Opium des Volkes.“ Haben Marx und Engels hier etwas falsch verstanden? Sie haben „Geduld“ gehört und „Vertröstung“ verstanden.

Es ist richtig, dass „geduldige Treue“ immer wieder die Antwort des Christentums und christlicher „Helden“ auf Probleme und Leiden ist. Aber es ist auch wahr, dass Geduld das Geschmacksorgan für Wahrnehmung von Glück und Glanz des Augenblicks ist. Wenn ein Mensch gefühlstaub ist, kann er Glück nicht wahrnehmen. Die geduldige Treue ist deshalb das entscheidende Organ der Wahrnehmung, weil es sich dabei um die Fähigkeit handelt, verschieden gefüllte Zeiten, Glück und Unglück, Lächeln und Gemeinheit überhaupt wahrzunehmen, vor allem aber Betrug und Erfüllung. Dabei wäre bloße Vertröstung Betrug, Erfüllung aber das Ankommen, eben das, was das Wort „adventus“ bedeutet.

Denn die Glaubwürdigkeit des Christentums als Religion besteht in dem, was man Verheißung und Erfüllung nennt. Dass Jesu Worte über sein Leiden und seine Auferstehung sich tatsächlich bewahrheiten, selbst Einzelheiten des letzten Mahles, dass die Worte der Propheten über den Emmanuel und Bethlehem, die Worte der Psalmisten über das Leiden des Gerechten eben „in Erfüllung gehen“. Denn dann kann man Gott in dieser Geschichte trauen. Wer die übliche Wortbrüchigkeit der Menschen kennt, wird in der Treue Gottes zu seinem Wort eben das Minimum seiner Glaubwürdigkeit erkennen können. Und deshalb ist auch Jesu Verbot der Ehescheidung das am häufigsten überlieferte Jesuswort. Denn wenn Christen die Treue nicht darstellen können, wie soll man sie dann ihrem Gott zutrauen können? Und eben das heißt „Advent“, dass Gott sein Versprechen, er werde als Gott seines Volkes und als Vater seiner Kinder bei seinem Volk wohnen wollen (Baruch 3, 31 LXX), dass er dieses Versprechen wahr macht.

Die Frage, ob ein Mensch Stabilität gewinnen kann, ist im Sinne der Bibel und ihres Menschenbildes die wichtigste Frage überhaupt. Deshalb heißt Glauben „fest werden“, frei werden von der Labilität, den Weg finden zur Treue gegenüber sich selbst und gegenüber Gott. Halt gewinnen in Gott, einen Standort und Standpunkt finden können. Auch das Problem des Widerstands in der Nazizeit und das des Widerstands gegen den Zeitgeist heute ist eine Frage der Treue. Freilich hat man zu diesem Stichwort zwischen 1802 und 1952 manchen Kitsch gedichtet, und der Übergang von Sentimentalität zum Militarismus ist an den Treueschwüren deutscher Dichter greifbar. Bei Novalis geht es noch um ein Jesus-Gebet (Wenn alle untreu werden, so bleib ich dir doch treu, Dass Dankbarkeit auf Erden nicht ausgestorben sei. Für mich umfing dich Leiden, vergingst für mich in Schmerz…), 1814 wird daraus bei Max von Schenkendorf: … so bleiben wir doch treu… treu wie die deutschen Eichen, wie Mond und Sonnenschein… die uns zu Männertugend und Liebestod geweiht…. Der Opfertod Jesu ist zum Heldentod der deutschen Männer aus (Vaterlands-)Liebe geworden. Doch keiner hat dabei bedacht, dass die Bibel mit dem Wort „Treue“ über den Glauben spricht, und kaum einer ahnt heute, dass und wie bei der Diskussion um Treue Glaubwürdigkeit und biografische Identität zusammengehören. Gemeint ist die in der Öffentlichkeit so ersehnte Glaubwürdigkeit der Kirche, und gemeint ist biografische Identität, um deren mühsames Zusammensetzen sich die Psychologen mühen.

So kommen also hier zusammen: die psychologisch-biografische Frage (Wer bin ich? Gibt es etwas Stabiles in meinem Leben?), die Glaubwürdigkeit dieses Gottes und unseres Messias (Erfüllung der Verheißungen und Prophetien), die Probleme der Partnerbindung in der modernen Ehe, und im Ganzen die Frage, wieweit soziale und psychologische Stabilität „hängen“ an der Verheißungstreue Gottes.

Dabei ist leicht zu sehen, dass alles Gerede der deutschen Dichter und Denker genau deshalb und in dem Moment kitschig wurde, weil und indem das Element der Vorfreude verschwand. Zwar appelliert gerade Novalis 1802 an kindliche Gefühle, doch Heiterkeit, Ausgelassenheit und Leichtigkeit fehlen hier. Ebenso erging es mir zeitlebens bei der Begegnung mit dem düsteren sogenannten Jugendstil in seiner großbürgerlichen Ausführung. Das Christentum wird oft an Kleinigkeiten erkannt. Hier und im Advent ist es die Vorfreude.