Die Sonntagslesung: Die Kirche geht nicht unter

Zu den Lesungen des zwölften Sonntags im Jahreskreis

(Lesejahr B) VON MARTIN GRICHTING

Ijob 38, 1.8–11; 2 Kor 5, 14–17; Mk 4, 35–41

Die Lesungen des zwölften Sonntags im Jahreskreis des Lesejahrs B laden zur Meditation auf zwei Ebenen ein. Durch die Auswahl der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch Ijob wird das erste Thema vorgegeben. Es geht um die Allmacht Gottes. Er kann dem Meer sagen: Bis hierher und nicht weiter (38, 11). Gott, der Schöpfer aller Dinge, ist zugleich derjenige, welcher den Kräften der Natur ihre Grenzen setzt. Im Evangelium wird dann berichtet, dass Jesus Christus dem Sturm gebietet, still zu sein, und dass dieser ihm gehorcht (4, 39). Damit wird enthüllt, dass Christus selbst Gott ist. Denn er wird als so allmächtig ausgewiesen, wie es in Ijob von Gott gesagt wird. Er erfüllt das, was im Alten Testament in dunklen Worten verheißen wurde. Und wie ein Echo darauf klingt es dann, wenn Paulus in der zweiten Lesung aus dem zweiten Korintherbrief sagt: „Auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein“ (5, 16). Gerade dieses verkürzte Verständnis von Jesus Christus hatten ja die Jünger gemäß dem Bericht des Evangelisten Markus. Sie waren noch nicht so weit in ihrer Erkenntnis Jesu, so dass sie sich fragten: „Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?“ (4, 41). Nun, von Jesus eines Besseren belehrt, beginnen sie zu begreifen und zu glauben, dass der, den man einfach für einen Menschen halten könnte, tatsächlich Gott ist. So betrachtet, sind die Sonntagslesungen ein Weckruf, ein Aufruf – einer von vielen in der Heiligen Schrift –, an die wirkmächtige Allmacht Gottes in Jesus Christus zu glauben und in der Gestaltung unseres Lebens auch wirklich darauf zu vertrauen.

Der Abschnitt aus dem Markusevangelium, der vom Boot spricht, in dem Jesus mit seinen Jüngern in einen Sturm gerät, ist in der kirchlichen Überlieferung freilich noch in einem anderen Sinn verstanden worden. Und damit sind wir beim zweiten Thema, das uns vorgeschlagen ist. Es geht beim Bericht über den Sturm um die Kirche. Ihr Schicksal und ihr Leben beziehungsweise Überleben kann auch als Ausweis der Allmacht Gottes verstanden werden. So, wie Jesus damals dem Sturm gebot und damit das Boot vor dem Sinken bewahrt hat, so hat er dies im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder getan. Bis auf den heutigen Tag sorgt er dafür, dass das Schiff Petri in den Stürmen der Zeit nicht kentert.

Der Sturm, der ein Schiff auf den Wellen tanzen lässt, ist etwas, das außerhalb des Schiffes ist. Von solchen Stürmen ist die Kirche zweifellos immer wieder ergriffen worden in den vergangenen 2 000 Jahren. Die Beispiele sind bekannt. Gerade in den letzten Jahren ist uns allerdings wieder bewusst geworden, dass das Schiff Petri auch durch die Nachlässigkeit seiner Passagiere und Matrosen ins Schlingern geraten ist. Schon bevor die Welle der Skandale der letzten Jahre ins Boot schwappte, hat Kardinal Josef Ratzinger im Jahr 2005 darauf hingewiesen. Von Papst Johannes Paul II. gebeten, hat er im Jahr 2005 die Meditationstexte für die 14 Kreuzwegstationen zum Karfreitag geschrieben. Niemand hat damals vermutet, dass der Präfekt der Glaubenskongregation nicht gewusst habe, von was er sprach. Geradezu prophetisch schrieb er zur 9. Kreuzwegstation: „Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist. Und auf deinem Ackerfeld sehen wir mehr Unkraut als Weizen. Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen. Wir selber verraten dich immer wieder nach allen großen Worten und Gebärden. Erbarme dich deiner Kirche.“

Die Kirche als ein Boot, das schon fast voll Wasser gelaufen ist, das fast untergeht, weil es im Sturm leckgeschlagen ist: Dieses Bild ist dem heutigen Evangelium entnommen. Und warum droht das Schiff unterzugehen? Kardinal Ratzinger hat in der erwähnten Kreuzwegstation einige Gründe genannt: „Müssen wir nicht auch daran denken, wie viel Christus in seiner Kirche selbst erleiden muss? Wie oft wird das heilige Sakrament seiner Gegenwart missbraucht, in welche Leere und Bosheit des Herzens tritt er da oft hinein? Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen ihn gar nicht wahr? Wie oft wird sein Wort verdreht und missbraucht? Wie wenig Glaube ist in so vielen Theorien, wie viel leeres Gerede gibt es? Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit? Wie wenig achten wir das Sakrament der Versöhnung, in dem er uns erwartet, um uns von unserem Fall aufzurichten?“

Ja, gerade die Verdrehung der Worte Christi, ihr Missbrauch, glaubenslose Theorien, die mehr mit der Lebensrealität einer gottfernen Gesellschaft zu tun haben als mit dem Wort Jesu Christi: Sind nicht das auch Böen, die das Schiff Petri in Bedrängnis bringen?

Aber als Christen wissen wir: Trotz allem geht das Boot der Kirche nicht unter. Das ist die tröstliche Botschaft des heutigen Evangeliums. Und das ist auch die tröstliche Lehre von 2 000 Jahren Kirchengeschichte. Das Schiff Petri geht nicht unter, weil Christus seiner Kirche zu Hilfe kommt, indem er sie immer wieder heiligt und heilt. Immer wieder führt Christus seiner Kirche heilende Kräfte zu, indem er Menschen beruft, ihm zu folgen. Immer wieder sorgt der Herr dafür, dass diejenigen selbst vom Wind verweht werden, welche das Schiff Petri kentern lassen möchten. Immer wieder hat Christus seine Kirche durch das Wirken des Geistes erkennen lassen, was wirklich das Gebot der Stunde ist. Immer wieder hat es leuchtende Zeichen der Heiligkeit gegeben, Menschen, die Antworten aus dem Glauben gefunden haben auf die drängenden Fragen der Gesellschaft und der Menschen. Immer wieder hat Christus seiner Kirche Licht geschenkt auf ihrem Weg durch die Zeit.

Diese heilenden Kräfte sind auch in der Kirche unserer Zeit wirksam. Es ist der Geist Gottes, der neue Erkenntnis schenkt aus dem Schatz der kirchlichen Überlieferung. Und jedes Mal, wenn sich ein Christ bekehrt, wenn er umkehrt und sich bessert, ja wenn er wenigstens den ehrlichen Willen dazu hat, dann wird die Kirche geheilt. Jedes Mal, wenn wir, jede und jeder von uns, betet, in gläubiger Hoffnung sein Leben weiterlebt, das Wort Gottes hört und die Sakramente empfängt, wird die Kirche geheilt. Und so geht die Reise des Schiffes Petri weiter.

Wir haben also keinen Grund zu verzweifeln oder an der helfenden Gegenwart des Herrn zu zweifeln. Vielleicht rutscht auch uns einmal das Wort heraus, das schon die Jünger in ihrer Notlage dem Jesus zuriefen: „Herr, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“. Aber wenn wir so zum Herrn rufen, wird er auch uns das sagen, was er damals den Aposteln gesagt hat: „Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?“ (Mk 4, 40).

Gehen wir also tapfer voran. Der Herr ist immer im Boot, auch wenn wir es nicht wahrnehmen. Er lässt das Boot nicht untergehen. Er heilt und heiligt seine Kirche immer wieder, auch in unseren Zeiten. Leben wir in diesem Vertrauen unser Leben als Christen. Dann sind wir selbst heilende Kräfte, die Jesus einsetzt, damit seine Kirche ans Ziel ihrer Reise kommt. Denn er ist und bleibt der Allmächtige.