Die Sonntagslesung: Der Tempel Gottes

Zu den Lesungen des

Weihetags der Lateranbasilika (Lesejahr A) Von Harm Klueting

Ez 47, 1–2.8–9.12; 1 Kor 3, 9c–11.16–17; Joh 2, 13–22

Unter der Peterskirche in Rom liegt das Grab des Apostels Petrus, zu dem Jesus gesagt hat: „Du bist Petrus – der Fels –, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“ (Mt 16, 18). In diesen Worten liegt die Begründung des Papstamtes durch Jesus. Petrus war der erste Bischof von Rom. Wohin es führt, wenn man den Sitz der Päpste vom Petrusgrab trennt, zeigt die Zeit der Päpste in Avignon in Südfrankreich zwischen 1309 und 1377. Aber St. Peter war nicht immer die Kirche der Päpste, die auch nicht immer in dem Palast bei St. Peter, dem Vatikanischen Palast, residierten. Residenz der Päpste war in den Jahrhunderten vor der Übersiedlung nach Avignon der Lateranpalast, dessen Name auf die Familie der Laterani zurückgeht, die dort im ersten Jahrhundert n. Chr. ein Haus besessen haben soll. Kaiser Konstantin I. soll das zum kaiserlichen Palast gewordene Haus 312 Papst Miltiades, der von 311 bis 314 Bischof von Rom war, geschenkt haben. Doch ist das nicht sicher, wie auch eine Papstresidenz im Lateran in konstantinischer Zeit nicht gesichert ist; tatsächlich wird der Sitz des Bischofs von Rom im Lateran erst 640 im „Liber Pontificalis“ erwähnt. Sicher aber ist, dass die Errichtung der Christus, dem Erlöser, geweihten Salvator-Basilika im Lateran 312 oder 313 begann, die seitdem dem Bischof von Rom als Bischofskirche diente, sodass es sehr wahrscheinlich ist, dass er auch in der Nähe residierte.

Wahrscheinlich seit Gregor dem Großen – er war Papst von 590 bis 604 – stand die Lateranbasilika, die mit vollem lateinischem Namen „Archibasilica Sanctissimi Salvatoris et Sanctorum Iohannis Baptistae et Evangelistae in Laterano“ heißt, unter dem Patrozinium Johannes des Täufers und Johannes des Evangelisten. Als älteste Papstkirche und als „Mutter und Haupt aller Kirchen der Stadt und des Erdkreises“ – „Omnium Urbis et Orbis ecclesiarum Mater et caput“ – verehrt, spielte sie eine hervorragende Rolle, auch wenn die ebenfalls unter Konstantin I. errichtete Basilika (Alt-) St. Peter im Vatikan wegen des Apostelgrabes schon seit dem Ende des vierten Jahrhunderts mit ihr im Rang konkurrierte. Seit dem zwölften Jahrhundert ist die Feier des Weihetags der Lateranbasilika am 9. November bezeugt. In diesem Jahr fällt dieser Tag auf einen Sonntag.

Für diesen Tag gibt die Ordnung der Kirche die Geschichte von der Vertreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem aus dem Johannesevangelium zur Betrachtung auf, die auch bei Markus (Mk 11, 15–17), Matthäus (Mt 21, 12f.) und Lukas (Lk 19, 45f.) überliefert ist. Aber während sie bei Markus, Matthäus und Lukas Teil der Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem vor der Passion ist, folgt sie bei Johannes auf die Geschichte von der Hochzeit von Kana, müsste also – nimmt man die Sache historisch – bei einem früheren Besuch in Jerusalem stattgefunden haben. Durch die Stellung am Beginn der öffentlichen Wirksamkeit Jesu bekommt die Geschichte bei Johannes einen anderen Akzent. Es geht nicht um die Reinigung des Tempels, der als „Räuberhöhle“ zweckentfremdet wurde, wie Markus, Matthäus und Lukas den Propheten Jeremia (Jer 7, 11) zitieren – ein Zitat, das bei Johannes fehlt – und auch nicht um die Ankündigung, den Tempel nach seiner Zerstörung in drei Tagen wieder aufzurichten, die Jesus im Verhör vor dem Hohepriester Kajaphas vorgeworfen wird (Mt 26, 61), sondern um den Erweis seiner Vollmacht als Sohn Gottes.

Jesus kommt zum Paschafest nach Jerusalem und sucht den Tempel auf. Dort findet er „die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler“, die ihren Geschäften nachgehen. Er macht sich „eine Geißel aus Stricken“, treibt die Händler und die Tiere aus dem Tempel hinaus, stößt die Tische der Geldwechsler um und verschüttet ihre Münzen. Man stelle sich vor, heute kommt einer in eine Kathedrale, wird an den bisweilen dort zu findenden Verkaufsstellen für Ansichtskarten, Kirchenführer, Kunsthefte und religiöse Literatur, Andachtsbilder, Kerzen oder Rosenkränze gewalttätig, wirft die Waren aus ihren Ständern und verprügelt und verjagt die Händler. Kein Domkapitel und kein Dompfarramt würde einem solchen Treiben untätig zuschauen. Sicher ein Fall für die Polizei. Anders bei Jesus! Er kann sagen: „Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markhalle!“ Er ist der Gottessohn. Das ist seine Vollmacht. Die Leute, die dabeistehen – Johannes spricht von Juden, nicht von Pharisäern und Schriftgelehrten – stellen ihn zur Rede und fragen nach seiner Vollmacht: „Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst?“ Seine Antwort: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“. Die Juden beziehen das auf das Bauwerk, in dem sich das Geschehen abspielt. Halb erstaunt und halb empört entgegnen sie: „Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten?“ Aber Jesus spricht nicht von dem Tempelbauwerk, sondern vom „Tempel seines Leibes“. Nach seiner Auferstehung, drei Tage nach seinem Tod am Kreuz, begreifen seine Jünger das. Jesus selbst ist der Tempel Gottes.

Aber warum die Szene mit der Vertreibung der Händler und Geldwechsler? Richtet sich das gegen die Profanierung des Gotteshauses durch Kommerz und Profit? Wie sich in einer heutigen Kathedrale der Schriften- und Postkartenstand, falls es ihn überhaupt gibt, nicht im Altarbereich, sondern im Eingangsbereich oder in einem Nebenraum befindet – auch in der Lateranbasilika gibt es in einem Nebenraum einen solchen Laden –, so saßen die Händler und Geldwechsler – auch wenn die Evangelisten das nicht ausdrücklich sagen – nicht im Inneren des Tempels, sondern im äußeren Vorhof des Tempels, den der Prophet Ezechiel beschreibt (Ez 40, 17–27). Was sie dort taten, diente der Gottesverehrung und damit dem Zweck des Tempels. Die Tiere, die die Händler zum Kauf anboten, waren Opfertiere. Die Geldwechsler wechselten Münzen in besondere Tempelmünzen, mit denen das Tempelopfer entrichtet wurde. Das gehörte zum Kult im Tempel. Wenn Jesus die Händler und die Opfertiere vertreibt und das Geschäft der Geldwechsler unterbindet, so vertreibt er damit den Tempelkult – die Aufforderung „Reißt diesen Tempel nieder“ bekommt hier seinen Sinn – und hebt den alttestamentlichen Kult auf. Er selbst ist der Tempel Gottes – hier bekommt die Ankündigung „in drei Tagen werde ich ihn aufrichten“ ihren Sinn.

Der alte, von König Salomo errichtete Tempel in Jerusalem, war 587 v. Chr. bei der Eroberung durch die Babylonier zerstört worden. Der zweite Tempel, nach dem babylonischen Exil seit 520 v. Chr. erbaut und 70 n. Chr. von den Römern zerstört, war der Tempel, den der irdische Jesus kannte. Das Buch des Propheten Ezechiel enthält in den Kapiteln 40 bis 47 eine Vision dieses zweiten Tempels, der zur Zeit Ezechiels noch nicht existierte. Der Prophet wird von Gott nach Jerusalem geführt, wo ihm ein „Mann, der aussah, als sei er aus Bronze. Er hatte eine leinene Schnur und eine Messlatte in der Hand“ (Ez 40, 3) begegnet. Dieser Mann zeigt ihm den künftigen Tempel. So auch in der ersten Lesung: „Der Mann, der mich begleitete, führte mich zum Eingang des Tempels.“ Wer ist dieser Mann, der mit Lot und Zollstock wie der Baumeister des Tempels auftritt? Man kann ihn deuten als den präinkarnierten, noch nicht durch die Geburt aus Maria, der Jungfrau, Mensch gewordenen Gottessohn. Das ist das eine in unserem Lesetext: Christus als Baumeister des neuen Tempels. Das andere ist das Wasser, das in dieser Vision von dem Tempel ausgeht und nach Osten strömt, in das salzige Meer – das Tote Meer: „Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen leben können. Wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“ Wir denken an das Wort Jesu im Gespräch mit der Samariterin: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Joh 4, 14). In der zweiten Lesung erscheint Christus nicht als Tempel Gottes, sondern als dessen Fundament: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“ Der Baumeister wird auch genannt. Das ist der Apostel, der von sich sagt: „Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt.“ Der Tempel Gottes sind hier die Gläubigen, denen Paulus zuruft: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“. Dann folgt die Warnung: „Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben. Denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.“

Der Tempel Gottes und der Weihetag der Lateranbasilika am 9. November – man kann darüber nicht sprechen, ohne daran zu denken, dass 1938 am 9. November in Deutschland und in Österreich in großer Zahl die Gotteshäuser der älteren Brüder der Christen – wie Johannes Paul II. die Juden 1986 bei seinem Besuch der römischen Synagoge nannte –, die Synagogen der Juden, geschändet oder zerstört wurden.