Die Sonntagslesung: Der Heilige Geist hat ein klares Profil

Zu den Lesungen des

Pfingstsonntags 2012

(Lesejahr B). von Klaus Berger

Apg 2, 1–11; 1 Kor 12, 3b–7.12–13; Joh 20, 19–23

Anhauchen und Gottes Atem mitteilen, das kennen wir aus der Bibel. Das war schon bei Adam und Eva so. Gott hauchte sie an mit seinem eigenen Atem, und sie wurden lebendig. Die erste Mund-zu-Mund-Beatmung. Jesus kennt die Schöpfungsgeschichten gut. Schon den Blinden im neunten Kapitel des Johannesevangeliums hatte Jesus mit feuchtem Lehm geheilt, den er auf die bei der Geburt scheinbar vergessene Augenhöhlung strich. Der Blinde wird als Blinder neu geschaffen. Durch den Geist Gottes, den ihnen der Auferstandene zubläst, erhalten die Jünger die göttliche Vollmacht der Sündenvergebung. Und so kann man sich den johanneischen Taufritus vorstellen: Untertauchen, auftauchen und angepustet werden. Neu geboren werden aus Wasser und Geist. Eine deutliche Erinnerung daran, dass alles Leben aus dem Wasser kommt.

Was nach den Kapiteln drei und 20 des Johannesevangeliums vom Wasser gilt, sagt Jesus auch von seinem Wort. Durch diese Weise der Anhauchung werden die Jünger genauso rein wie es durch den Wasserritus bei der Taufe dargestellt wird. Jesu Wort ist Schöpfungswort und macht daher rein, weil es neue Schöpfung hinstellt. Daher heißt es nach der Verlesung des Evangeliums: per evangelica dicta deleantur nostra delicta. „Durch die Worte des Evangeliums mögen unsere Sünden getilgt werden“.

Das Johannesevangelium liefert mithin das Stichwort Neuschöpfung, aber um neue Schöpfung geht es auch in den entsprechenden Passagen bei Paulus. Deren besondere Pointe ist freilich, dass diese Neuschöpfung nicht von der Gattung und von der äußeren Gestalt her erkennbar ist, sondern dass sie sich von innen her bildet. Denn der Ansatzpunkt für den Heiligen Geist, der die Neuschöpfung bewirkt, ist das Pneuma des Menschen, sein Innerstes. Daher heißt es in einem der Pfingstgebete der Kirche: reple cordis intima tuorum fidelium. (Erfülle mit dir selbst das Innerste des Herzens deiner Gläubigen). Nach 2 Korinther 4, 16f wirkt der Geist Gottes Tag um Tag in unserem Innersten in Richtung auf neue Schöpfung hin (5, 17).

Weil die neue Schöpfung unmerklich und unsichtbar von innen her in einem nicht unterbrochenen Prozess errichtet wird, geht ihr alles Bombastische und Theatralische ab. Es ist auch nicht vorausgesetzt, dass zuvor die alte Schöpfung ins Nichts gelaufen und darin verschwunden ist und völlig zerstört wurde. Die neue Schöpfung nach Paulus ist die sanfteste Revolution. Es ist eine neue Ordnung von innen her, eine bewusste und bedachte Steuerung.

Ausgerechnet an der Neubesinnung auf die fast in Vergessenheit geratene Tugend Keuschheit kann man das verdeutlichen: Dem Lexikon zufolge ist das Wort „veraltend“, doch das deutsche Wort „keusch“ war eigentlich so schlecht nicht. Denn es kommt vom lateinischen „conscius“ und meint einen Menschen, der bewusst lebt, sich nicht einfach gehen lässt und Lust und Laune nicht blindlings folgt. Einer, der weiß, was er tut.

Noch nach Karl Rahner ist es „das geordnete Verhalten gegenüber dem Geschlechtlichen“. Das Problem liegt in dem Wort „Ordnung“; wir verstehen das Wort heute entweder preußisch oder technisch, wie die Ordnung in einem Büroschrank. Aber bei der Sexualität geht es doch nach unserem Verständnis um Spontaneität, Fantasie und Zärtlichkeit. Die Spiritualität der Zisterzienser spricht von caritas ordinata, einer Liebe, die sich am Wert des Geliebten orientiert. „Auf die Weise des Gewaltverzichts und der Selbstzurücknahme durchdringt der Heilige Geist alle Verhaltensweisen gegenüber Mitmenschen. Deswegen könnte man in dieser Hinsicht sagen: Spiritus sanctus forma virtutum („Der Heilige Geist verleiht jedem Tun seinen christlichen Charakter“). Deshalb ist bei der Keuschheit nicht die unverletzte Jungfräulichkeit das entscheidende Merkmal, sondern die bewahrte Distanz und die bewahrte Freiheit.

Nicht nur an dieser Stelle, auch in jeder anderen Pfingstmeditation fällt auf, dass der Heilige Geist für eine große Vielfalt an Gaben steht. Die Frage, wie der eine und einzige Gott sich in der Vielheit der Engel darstellt, ist nämlich verwandt. Der eine Gott steht den vielen Engeln vor und gegenüber. Er wirkt durch sie. Und Gott Heiliger Geist ist Gott der vielen Gaben (die sieben Gaben des Heiligen Geistes, die Charismenkataloge, die vielen Funktionen des Heiligen Geistes nach den alten Pfingsthymnen und –sequenzen). Wird dadurch der Heilige Geist nicht vollends unerfassbar und undefinierbar? Hat nicht gerade deshalb jeder Erzhäretiker sich auf „seinen“ heiligen Geist berufen?

Die Reformatoren haben das dann vornehm „testimonium internum spiritus sancti“ (inneres Zeugnis des heiligen Geistes) genannt. Hier könnte Exegese einiges klären. Denn „Heiliger Geist“ ist nicht Beliebiges, das wir heilig sprechen, sondern trotz der vielen Gaben (gerade in ihnen) hat der Heilige Geist ein klares Profil: Erstens steht er in seinen ethischen Auswirkungen für Sanftheit, Geduld, Achtsamkeit, Zurücknehmen von Macht, Ungeduld, Zwang und damit eher für Verknüpfen als für brutales Vereinheitlichen. Das ist nicht mit Passivität zu verwechseln, bedeutet aber nicht forsches Darauflosgehen. Weil der Heilige Geist verknüpft und nicht zusammenpfercht, ist er der Brückenbauer und nicht der gewaltsame Revolutionär. Er stampft nicht aus dem Boden, sondern schenkt zweitens organisches Wachstum. Aber diese Art von Werden kann auch wirklich Neues, nicht nur scheinbar Neues hervorbringen. So wirkt nach Paulus der Heilige Geist noch innerhalb der alten und ersten Schöpfung Tag um Tag den neuen Menschen, der nach der Auferstehung voll sichtbar sein wird.

Von daher gewinnen die Kindheitsberichte Jesu nach Matthäus und Lukas ihren Sinn in der Zielrichtung auf die Auferstehung, denn grundgelegt wird im Heiligen Geist, was dann in der Auferstehung voll entfaltet wird. Und Maria ist „Gefäß der neuen Schöpfung“. Und auch die Verklärung Jesu nach den Synoptikern gewinnt einen besonderen Sinn als Vorbereitung der Auferstehung. Schließlich gewinnt drittens der Heilige Geist eine besondere Bedeutung für das neue Israel, weil er zu Pfingsten dem Zwölferkreis geschenkt wird; die Ergänzung der Zwölf durch Matthias war daher kein Akt bürokratischer Vollständigkeit.

Dadurch spannt Pfingsten die Brücke vom historischen Zwölferkreis zum himmlischen Jerusalem im 21. Kapitel der Geheimen Offenbarung und dem vierten Kapitel des Galaterbriefs. Die Kirche ist, weil der Heilige Geist den Zwölf Aposteln verliehen wird, in den Zwölfen als den Repräsentanten der himmlischen Stadt dargestellt. Daher betrifft der Heilige Geist keineswegs nur das innere Zeugnis jedes Einzelnen („Mein heiliger Geist sagt mir dies und das?“), wie die Reformation meinte, sondern er schenkt den Stadtplan der himmlischen Stadt.

Das erklärt auch, weshalb durch den Heiligen Geist nach Paulus die Charismen ihre Ordnung finden (1 Korinther 12–13). Denn durch das kunstvolle Gespinst der Charismen ist diese Stadt in ihrer irdischen Gestalt verschiedenartig und doch eine. Durch diese Zuordnung der Dienste und Begabungen wirkt sich das Neue Jerusalem vom Himmel her auf seine Kinder aus. Gerade an der neutestamentlichen Konzeption der „Neuen Schöpfung“ lässt sich erkennen, dass und wie total und grundlegend Neues durch das organische Werden zustande kommt, das der Heilige Geist eröffnet.

Weil diese Revolution sanft und organisch, nicht gewaltsam, nicht im Hau-Ruck-Verfahren entsteht, ist damit viertens ein Maßstab für jede andere Revolution auf Erden geliefert. Ein Maßstab dafür, wie sie hätte sein sollen und wie man sie für die Zukunft überhaupt denken könnte. Ebenfalls vom Neuen Testament her wird klar, dass eine Umgestaltung immer das miteinander Leben von Menschen betreffen muss. Das ist die Lehre aus Pfingsten für Menschen, die meinen, dass sich viel, sehr viel ändern muss in Kirche und Welt.