Die Sonntagslesung: Das Ziel der Geschichte der Menschen

Zu den Lesungen des

ersten Adventssonntags 2012 (Lesejahr C) von Klaus Berger

Jer 33, 14–16; 1 Thess 3, 12–4, 2; Lk 21, 25–28.34–36

Mit Lukas 21 begeben wir uns in den Bannkreis der Apokalyptik, und diese ist das eigentliche Thema des Advent. Denn „Apokalyptik“ nennt man eine umfassende, auch internationale Kultur, die das Ende der Geschichte, das Ende der Reiche der Menschheit zu erfassen sucht. Und speziell die jüdische Apokalyptik fragt: Wie verhält sich am Ende und überhaupt die Macht irdischer Großreiche zu der Macht des einzigen und wahren Gottes?

Es hat viel zu bedeuten, dass in dem dramatisch zugespitzten Inferno als Krönung und am Ende die Gestalt des Menschensohnes am Himmel erscheint. Denn in der krachenden Katastrophe des Weltendes ist die Gestalt des Menschen etwas Vertrautes, Zartes, Zerbrechliches. Etwas, in dem die menschlichen Leser des Lukas-Evangeliums sich wiedererkennen können. Die apokalyptischen Visionen seit Daniel hatten hauptsächlich starke Tiere im Angebot: Bär, Panther, Leopard, Drache. Am Ende aber steht der Mensch, freilich nicht irgendeiner, sondern er, der Menschensohn. Wie aber kommt Jesus in dieses Gemälde vom Jüngsten Gericht? So sagt es das Judentum dieser Zeit: Während die Engel vom Himmel stürzten, wurde ein Mensch zu den Engeln erhoben. Er, Henoch, ist das Urbild eines Menschen „im Himmel“. Wie er wird der Menschensohn gedacht. Die seinen Lehren folgen, werden mit ihm und bei ihm bei Gott sein. Allen Menschen gilt diese Einladung. Und insofern redet auch Jesus, weil er schon vor Ostern von sich als dem Menschensohn redet, nicht über nationale Merkmale, sondern über alle Menschen, die sich in ihm sollen wiedererkennen können.

Weil aber Jesus auferstanden und erhöht ist, kann man ihn als den wahrhaft zu Gott erhöhten Menschen ansehen. Und wenn er wiederkommt, dann um die abzuholen und einzusammeln, die zu ihm gehören. Es kam darauf an, vorher und rechtzeitig Partei zu ergreifen für diesen Gott und seinen Menschensohn. Und dieses „es kam darauf an“, spielt jetzt.

So macht das Evangelium des 1. Adventssonntags klar: Es geht im Advent um den kommenden Menschensohn. Und die Theologiegeschichte des Judentums spricht zweifellos eben von diesem Kommenden. Das macht die Vision von Daniel 7 aus: Im Unterschied zu den tierischen Gewalten und Brutalitäten gehört die Zukunft allein dem Reich des von Gott erwählten und geliebten Menschensohn. Es ist ein Stück Schöpfungsgeschichte, das sich hier spiegelt: Nach all den Tieren wird als letztes der Mensch erschaffen. Dieser Mensch ist ranghöher als sie alle, denn er ist Gottes Bild und Gesprächspartner. Diese Differenz zwischen Mensch und Tieren äußert sich darin, dass am Ende unter dem Bild des Menschen sich die Heiligen und Erwählten Gottes versammeln.

In Genesis 1 herrscht dieselbe Rangordnung wie in Daniel 7. Wie überall dort, wo das Antlitz des Menschen Mitte des Geheimnisses Gottes ist, so in Ezechiel 1, 26 und bei Dante am Schluss des Paradiso. Gott hat den Menschen aus allen Kreaturen erwählt, weil er ihn voll Liebe sich gleich gestaltet hat, indem er ihm ein menschliches Antlitz geschenkt hat. Diese Liebe zu den Menschen ging so weit, dass am Ende Gott selbst Mensch werden wollte – weil er sein Herz an die Menschen verloren hat. In der Apokalyptik, etwa in Daniel 7, wo zuerst der Ausdruck Menschensohn vorkommt, wird der Schlussabschnitt der dramatischen Liebesgeschichte Gottes mit dem Menschen erzählt. Es wird darin zugleich ein internationaler Zug der Apokalyptik erkennbar, denn „der Mensch“ steht für alle Menschen ohne Rücksicht auf Volk oder Rasse. Der, der aussieht wie ein Mensch, ist nicht nur Gottes Erwählter und Regent seines Reiches, sondern sein Repräsentant und geliebter Sohn. Wenn es aber um diese Attribute geht, kann nur Jesus als ihr prädestinierter Träger in Frage kommen. Auf ihn warteten diese jüdischen Hoffnungen. So findet sich in dieser mutmaßlich ältesten Selbstbezeichnung Jesu (Menschensohn) zugleich der Schlüssel für die universale Völkermission, die dann Paulus und Petrus als Konsequenz aus der Menschwerdung Gottes begonnen haben. Sie liegt auf der Linie der Menschensohntheologie Jesu von Anfang an.

Das hat die christlich-liturgische Spiritualität des Advents stets betont: Veni redemptor gentium, komm, der Heiden Heiland. Daher geht es nicht nur um die adventliche Sehnsucht der Propheten und apokalyptischen Seher, also um die Erwartung des Judentums. In ganz besonderer Weise steht die Hoffnung der Heiden im Mittelpunkt der Theologie und der Betrachtung der Kirche. Lactantius und die von ihm gerne zitierten Sibyllen sind hier zu nennen. Die Sibyllen zieren nicht nur die Sixtina, sondern auch den Huldigungssaal des Goslarer Rathauses. Die Gestalten der Sibyllen mit ihren Sprüchen illustrieren die Seitenwände dieses kostbaren Saales. An ihren geheimnisvollen Sprüchen, die dort auf lateinischen Spruchbändern um sie herumgelegt sind, hatte ich schon als Schuljunge meine Freude. Denn mit Zitaten aus der ganzen antiken Philosophie wird dort die Jungfrau und Mutter gefeiert. Indem dieser schöne Raum Propheten und Sibyllen in Tafelgemälden und kunstvoll gestalteten Sprüchen die Menschwerdung Gottes feiert, stellt er das Programm des Abendlandes in seiner faszinierenden Ausstrahlung für alle Völker der Welt dar. Die Menschwerdung Gottes ist nachvollziehbar schön. Lukas 21 stellt nichts Geringeres dar als das Ziel der Geschichte der Menschheit. Das geschieht hier so modern, dass die Gestalt des Menschen (Menschensohnes) als ihr eigentliches Thema erscheint.

Was aber bleibt für uns? Die Antwort Jesu ist frappierend einfach und höchst nüchtern: Betet, damit ihr nicht einschlaft. Hier geht es um die Gefahr einzuschlafen. Das ist wörtlich gemeint und im übertragenen Sinn. Wer öfter mit Trappisten die Vigiliae betet, die um drei Uhr in der Frühe beginnen, dürfte spontan einsehen, inwiefern Beten vor dem Einschlafen schützt. Aber was soll das? Warum so früh und warum darf man nicht schlafen? Jesus spricht hier ganz sicher aus Erfahrung. Es ist der Kampf gegen die Müdigkeit in der Frühe, im Laufe des Tages, im Leben einer Gemeinde, um die Müdigkeit der Kirche insgesamt. Es ist das, was die Glieder wie Blei werden lässt, der eigentlich doch vielleicht verständliche Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden. Jesus hat dafür wenig Verständnis. Dreitausend Jahre Judentum und Mönchtum der Kirche sind der festen Überzeugung, dass alles Wesentliche früh am Morgen geschieht. Also gerade nicht zu unserer besten Fernsehzeit, sondern indem man den Sonnenaufgang mitfeiert. Es ist der Zauber der Frühe und des Anfangs, des Neubeginns und des ersten Gesangs der Vögel. Es ist der Ehrgeiz der Mönche und Schwestern, jeweils die ersten zu sein, die an einem neuen Tag Gott loben. Alle Wachsamkeitsmahnungen Jesu gehen nicht dahin, den Schlaf überhaupt zu vermeiden, sondern am frühen Morgen Gott zu loben. So ist die Mahnung im Römerbrief zu verstehen, wo Paulus sagt: Es ist schon Zeit, vom Schlaf aufzustehen.

Wer betet, kann wachen. Die Begründung gibt 1 Petrus 5: „Seid wachsam, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe.“ Das Wachen schützt vor dem Schlaf, während dessen die Mächte der Nacht und der Finsternis freien Zugang zu den Menschen haben. Wer schläft und vor sich hin träumt, ist, so stellt man sich das vor, ohne Wachtposten.

Die Kirchenväter haben oft die erste Ankunft Christi (in Bethlehem) verglichen mit der zweiten Ankunft, der Wiederkunft des Herrn auf den Wolken. Das Zeichen des Menschensohnes ist übrigens seit Daniel 7 die Wolke. Später hat man das Kreuz als dieses „Zeichen des Menschensohnes“ betrachtet. Die zweite Ankunft wird, wie Lukas 21 sagt, vom Himmel her sein und mit Macht und Herrlichkeit.

Die erste Ankunft ist auf der Erde, verborgen und im Zeichen des Leidens. Dennoch haben beide Ankünfte des Herrn viel miteinander zu tun: Obwohl die erste in Israel beginnt und Jesus sorgsam darauf bedacht ist, kein heidnisches Haus zu betreten, sind doch beide Ankünfte für alle Völker gedacht. Die erste Ankunft wurde durch Propheten (und Sibyllen) geweissagt, die zweite durch Propheten wie den Seher Johannes (Apokalypse), der sich selbst als Propheten bezeichnet. Die richterliche Vollmacht zur Vergebung der Sünden wird ausgeweitet zur umfassenden Vollmacht des Weltenrichters. Einen Hauch von Herrlichkeit gibt es auch bei der ersten Ankunft (Lukas 2,14). Daher bestätigen sich beide Ankünfte gegenseitig.