Die Sonntagslesung: Christus anziehen: Wie geht das?

Zu den Lesungen vom 1. Adventssonntag von Klaus Berger

Jes 2,1–5; Röm 13,11–14a; Mt 24,37–44 oder 24,29–44

„Ihr müsst langsam aufwachen…, die Nacht geht dem Ende zu, der Tag ist zum Greifen nahe… zieht alles an, was strahlendes Licht ist… Zieht Jesus Christus an…, seid nicht gierig.“ Paulus schildert das morgendliche Aufwachen und Ankleiden. Jesus Christus anziehen – wie soll das gehen?

Irgendwie haben wir das alle mitbekommen: in diesem Jahr ist alles viel drängender als sonst, viel ernster. Gerade was den Zustand der Kirche betrifft: Die Austrittszahlen sind wieder um das Doppelte gestiegen, ein Preisgeld der Bischofskonferenz wird für das Anliegen der unbegrenzten sexuellen Freizügigkeit (man nennt das „Recht auf den eigenen Körper“) verliehen. Als lebten wir vor 45 Jahren. Man sieht Anlass für die Jagd auf Bischöfe und fragt: Wer wird der nächste sein? Kein Zweifel: Das Wasser steht uns in jeder Hinsicht bis zum Hals. Denn nie war Dummheit so frech.

Paulus sagt nur: Ihr müsst langsam aufwachen und Christus anziehen. Kaum etwas habe sich in den letzten vierzig Jahren so stark verändert wie die katholische Kirche, meinten kürzlich anglikanische Vertreter auf einer Bibelkonferenz in Rom. Sollte das stimmen, dann ist ein Datum wie der Erste Advent 2013 genau der richtige Zeitpunkt, innezuhalten und sich mit Leidenschaft an dem zu orientieren, der das wahre und einzige Licht ist.

„Gier macht blind, Leidenschaft behält das Ziel im Auge. Leidenschaftliche Liebe achtet auf den geliebten Menschen“

Noch einmal: Jesus Christus anziehen – wie soll das gehen? Bei jedem Ankleiden ist das so: Bevor man das Neue anzieht, muss man das Alte ausziehen (und sei es der Schlafanzug). Denn die Klamotten übereinander tragen, ohne das Alte abzulegen, wollen sich zwar viele vorstellen. Aber es funktioniert nicht. Also vorher nackt werden, den Mut haben, nackt dazustehen, vor allem ganz ohne Zwang zunächst den eigenen kritischen Blicken ausgesetzt. Jeden Morgen tun wir das. Daher sollten wir zum Ersten Advent nicht zu verkrampften Willensakten aufrufen, sondern das tun, was jeden Morgen geschieht, leicht und fast aus Gewohnheit. Wie geht es mir? Wo bin ich zu mollig? Wo habe ich blaue Flecken? Vielleicht: Ist der Pieks von gestern verheilt? Und am Ende der morgendlichen Kontrolle: Wofür kann ich danken? Für die ruhige Nacht und für gestern. Doch bald: Nur nackt dazustehen bringt einen leicht ans Frieren. Paulus meint auf jeden Fall frische Wäsche, wenn er sagt: Christus anziehen.

Frische Wäsche wärmt mehr und besser als ausgelaberte. Christus anziehen schützt vor Kälte. Aber man achtet darauf, dass sie nicht gleich wieder ramponiert wird, verknittert oder voll Flecken. Letzteres geschieht leicht, besonders wenn man gierig Tomatensuppe löffelt. Paulus weiß, warum er vor Gier warnt. Aus den Anfängen der Psychologie in Antike und Mittelalter wissen wir: Leidenschaft und Gier sind einander entgegengesetzt. Doch kann man sie leicht verwechseln, besonders wenn man sich ständig selbst verteidigen will. Beide, Leidenschaft und Gier, wollen unersättlich immer mehr, ja alles für sich. Bei beiden achtet der Täter nicht auf sich selbst. Aber Gier macht blind, Leidenschaft behält das Ziel im Auge. Leidenschaftliche Liebe achtet auf den geliebten Menschen dabei, Gier will ihn nur haben. Gier gibt es beim Fressen und Saufen, besonders zu Anfang jeweils. Leidenschaft ist so, dass Thomas von Aquin sagt, man solle und könne leidenschaftlich gerecht sein.

Sie haben recht gelesen: solle und könne, ja man solle, weil man könne. Denn nach christlichem Verständnis ist es nicht Sinn der ethischen Anstrengung, mit verkrampftem Willen nach dem zu streben, was sowieso zu hoch ist für einen. Sondern zu tun, was man kann. Denn die Gnade steht vor dem Sollen, die Scholastiker sagten: agere sequitur esse. Wir handeln nach dem, was wir sind. Zwei Fragen: Erstens: Was hat das mit Christus zu tun, den wir anziehen? Und Zweitens: Woher wissen wir, was wir können?

Christus ist kein fernes Ideal, kein unerreichbarer Held. Er ist kein Krönungsmantel in einem Museum, den nur Habsburger und dann nur einmal, bei der Krönung anlegen durften. Er will unser Hemd sein, ist unser Hemd, ganz nah und sehr alltäglich. Und man sagt: Das Hemd ist einem näher als der Rock. Er schützt uns und wärmt uns, und wenn wir ihn nicht beschmutzen oder zerreißen oder verkaufen oder verleugnen, dann ist er auch unser Ansehen vor den Menschen. Deshalb darf ich stolz darauf sein, katholischer Christ zu sein. Du, Herr, bist mein Stolz, du bist meine Medaille, mein Siegerkranz, du bist mein guter Ruf. Du bist mir näher als ich mir selbst bin, du bist mein frisches Hemd. – Deshalb kommt es nicht darauf an, nach Unerreichbarem zu streben, deshalb ist christliches Verhalten keine „Ethik des Scheiterns“. Denn wenn Christus mein guter Ruf ist, gibt es kein Scheitern, nur immer wieder Schutz und Wärme und werden, was man ist: Gottes Kind, Bruder oder Schwester Jesu, wahrhaft erlöst und begnadet.

Große Veränderungen fangen klein an. Aber wie soll aus dem bescheidenen Anfang, dass Christus mein neues, sauberes, warmes Hemd ist, die große Veränderung werden? Wenn der Kirche in Deutschland das Wasser bis zum Hals steht? Je länger ich über das Bild vom Anziehen nachdenke, umso mehr will mir scheinen, dass das mit dem Wasser am Hals gar nicht stimmt. Dass ich jeden Tag neu mich von den Medien blenden lasse. Zum Geblendetwerden aber gehören immer zwei, einer, der blendet und einer, der jeden Tag darauf hereinfällt. Das ist die Geheimparole, die wir weitersagen dürfen, bis sie auch die Bischöfe erreicht: Die Herrschaft der Medien und die Schlagwörter, aus denen sie die Hetzjagden machen, sind nicht real, sondern nur Stimmungsmache, Theaterdonner, vergängliches Feuerwerk. Wir sind in Wahrheit die Getrösteten. Daher wissen wir, was wir können.

„Zu jedem Advent gehören die drei großen Figuren: Johannes der Täufer, der Prophet Jesaja und die Muttergottes“

Ein altes Nachtgebet für Kinder sagte: „Zwei, die mich decken“, gemeint zudecken. Christus deckt mich nicht nur zu, sondern ist mein neues weißes Hemd, er ist meine Kraft und mein Christophoros, Christus als der, der mich trägt. Manchmal helfen ihm auch Menschen dabei, wie der heilige Christophoros. Vielleicht ist das auch wechselseitig: Er trägt mich, und ich trage ihn als mein Hemd zu den Menschen, das mir selbst Sicherheit gibt und den Menschen den neugierigen Blick auf meinen Bauch verwehrt.

Die vielen, die dasselbe Hemd tragen, die Hemdgenossen: Als ich kürzlich in Rom war, habe ich geradezu handgreiflich die Schönheit der Uniformen der Schweizergardisten, entworfen von Michelangelo, vergleichen können mit dem auffällig-unauffälligem Dunkelgrau der neuen Sicherheitsbeamten, die nach CIA-Manier den Papst schützen müssen, seitdem er in Sancta Martha wohnt. Also: Schweizergardist ja, unauffälliger Sicherheitsbeamter nein. Priesterkleidung ja, unauffälliger Sakko nein. Unsere Religion ist schön, und Christus anziehen bedeutet unsichtbar-sichtbare Schönheit. Man sieht es an den strahlenden Gesichtern, von denen schon der Zisterzienser Wilhelm von Saint-Thierry sagte, es gebe in jedem Kloster auf jeden Fall und mindestens eines. Und von dem Nietzsche wünschte, dass wir erlöster aussähen. Mit einem frischen Hemd lebt es sich leichter unbeschwert und fröhlich.

Zum Advent 2013 gehören wie zu jedem Advent die drei großen Figuren: Johannes der Täufer, der Prophet Jesaja und die Muttergottes. Leider gehört auch der Teufel dazu, nicht weil wir „an ihn glauben“ müssten, sondern weil wir mit Gottes Hilfe nicht zulassen dürfen, dass er Menschen der Kirche fest am Nacken hält. Denn so etwas hat immer zur Folge, dass man den Kopf nicht mehr drehen kann. Wenn ich mich anziehe, muss ich für das Hemd den Kopf etwas beugen, damit es leichter geht. Flectamus capita: Lasst uns das Haupt beugen in Demut, denn der Herr ist nahe.