Würzburg

Der barmherzige Samariter: Jesus erklärt die Nächstenliebe

Mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt Jesus, was Nächstenliebe bedeutet. Zugleich macht er damit seine eigene Rolle in der Geschichte deutlich.

Ein Ölgemälde der Perikope vom Barmherzigen Samariter.
Ein Ölgemälde der Perikope vom Barmherzigen Samariter. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Das Sonntagsevangelium vereinigt zwei der bekanntesten Abschnitte des Neuen Testaments: das Doppelgebot der Liebe, das aber bei Markus und vor allem bei Matthäus – „an diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Matthäus 22, 40) – deutlicher als zwei Gebote in einem und als eine Art Obergebot, das alle anderen Gebote in sich fasst, erscheint, und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Tatsächlich sind das aber nicht zwei Abschnitte, sondern einer oder eine Perikope – von griechisch „perikopto“, abhauen –, weil Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter die provokante Frage des Gesetzeslehrers, wer der Nächste ist, beantwortet und damit erklärt, was Nächstenliebe bedeutet.

Deuteronomium 30,10-14
Kolosser 1,15-20
Lukas 10,25-37
Die Lesungen zum 15. Sonntag im Jahreskreis

Wer waren die Samariter? Sie begegnen uns in den Evangelien bei dem Gespräch Jesu mit der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen bei dem Ort Sychar in Samarien (Johannes 4, 4–42), mit den samaritischen Dorfbewohnern, die ihm und seinen Jüngern auf der Durchreise von Galiläa nach Jerusalem die Nachtherberge verweigern (Lukas 9, 51–53), und mit dem barmherzigen Samariter. Samarien war eine Landschaft in Mittelpalästina, zwischen Judäa mit der Stadt Jerusalem im Süden und Galiläa mit Nazaret, Kana und Kapernaum im Norden. Samarien war das alte israelische Nordreich, das seit der Spaltung des Königreichs Sauls, Davids und Salomos 932 v. Chr. neben dem Südreich der in Jerusalem residierenden judäischen Könige bestand und „Israel“ genannt wurde. 722 v. Chr. war dieses Nordreich durch die assyrische Eroberung untergegangen.

Die Bewohner Samariens waren eine halb heidnische und halb dem jüdischen Glauben an den einen Gott Jahwe anhängende Mischbevölkerung. Sie setzte sich aus den Nachkommen der bei der Deportation der Bewohner durch die Assyrer 722 v. Chr. im Lande verbliebenen Israeliten und aus den Nachkommen assyrischer Kolonisten zusammen. Den aus dem Exil im Zweistromland zurückgekehrten Juden im Südreich galt der Glaube der Samariter als unrein. Die Samariter besuchten nicht den Tempel in Jerusalem. Sie hatten seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. ihren eigenen Tempel auf dem Berg Garizim, der 129 v. Chr. zerstört wurde. Auch die Samariter warteten auf den Messias, wurden aber von den Juden verachtet. Doch Jesus scheut sich als Jude nicht, das Land der Samariter zu betreten. Für ihn gilt das Heil der Samariten nicht weniger als der Juden.

Wer ist mein Nächster?

Bei Lukas kommt, wie bei Markus und bei Matthäus, ein Schriftgelehrter und fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu gewinnen. Nach Lukas war das, wie so oft bei den Pharisäern und Schriftgelehrten im Gespräch mit Jesus, eine Fangfrage. Er wollte Jesus auf die Probe stellen. Jesus verweist ihn auf das Gesetz, das er – jüdische Theologen waren immer auch Juristen – natürlich kennt. Der Gesetzeslehrer antwortet mit einer Kurzfassung der Zehn Gebote (Exodus 20, 1–17), die ja aus zwei Teilen bestehen, von denen der erste das Verhältnis zu Gott und der andere das Verhältnis der Menschen untereinander betrifft: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele“, und: „Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“, womit der Gelehrte Deuteromium 6, 5 und Leviticus 19, 18 zitiert. Jesus entgegnet: „Du hast richtig geantwortet.“ Doch sein Gegenüber lässt nicht locker und fragt: „Wer ist mein Nächster?“

Jesu Antwort darauf ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, die Geschichte von der Unbarmherzigkeit des jüdischen Priesters und der Lieblosigkeit des Leviten aus dem jüdischen Priestergeschlecht der „Söhne Levis“ (Hebräer 7, 5), die beide das Opfer eines Raubüberfalls halbtot am Wege liegen lassen, und die Geschichte von dem später vorbeikommenden Samariter, vielleicht ein reisender Kaufmann, der Mitleid mit dem halbtoten Ausgeraubten hat. Dann fragt Jesus den

Schriftgelehrten, wer von den Dreien sich als der Nächste dessen erwiesen habe, der von den Räubern überfallen wurde. Die Antwort kann nur lauten und lautet auch: „Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat.“ Der Mann aus dem von den Juden verachteten Volk der Samariter ist dem Opfer des Raubüberfalls der Nächste. Also der Fernste.

Papst Benedikt XVI. geht noch weiter. Für ihn ist der Weg, auf dem sich das alles ereignet, ein Bild der Weltgeschichte und der Halbtote am Wegesrand ein Bild der Menschheit. Er zitiert Karl Marx und dessen Begriff der „,Entfremdung‘ des Menschen“ und schreibt in seinem Werk „Jesus von Nazareth“: „Wenn der Überfallene das Bild des Menschen schlechthin ist, dann kann der Samariter nur das Bild Jesu Christi sein“, und spricht davon, „dass der Mensch entfremdet und hilflos an der Straße der Geschichte liegt und das Gott selbst in Jesus Christus sein Nächster geworden ist“.

"Denn dieses Gebot,
auf das ich dich heute verpflichte,
geht nicht über deine Kraft
und ist nicht fern von dir."
Deuteronomium 30,11

Der Abschnitt aus dem Buch Deuteronomium schließt an die Bundeserneuerung am Ende der vierzigjährigen Wüstenwanderung und die Aufforderung an die Israeliten an, sich an den Bund zu halten (Deuteronomium 29) und fasst zusammen: „Du sollst auf die Stimme des Herrn, deines Gottes, hören und auf seine Gebote und Gesetze achten. Du sollst zum Herrn, deinem Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zurückkehren.“ Hinzu kommt die Zusicherung, dass das Halten der Gebote nicht schwer ist. Die Gebote werden „das Wort“ genannt. Gott ist das Wort. Er hat sich am Berg Sinai, dem Horeb, mit seiner Stimme – im Wort – offenbart (Exodus 19, 5). Das „Wort“ stellt die Verbindung zu dem „Wort“ her, das „im Anfang“ war, das „bei Gott“ war, das Gott war und das „Fleisch geworden“ ist (Johannes 1, 1–2.14), also zu Jesu Christus. Das menschgewordene Wort preist der Christushymnus im Kolosserbrief als „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“, in dem „alles erschaffen“ wurde und in dem Gott „wohnen wollte mit seiner ganzen Fülle, um durch ihn alles zu versöhnen“. In Christus wird Gott sichtbar; durch Christus tritt Gott mit uns Menschen in Beziehung, durch ihn wird er uns der barmherzige Samariter.