Würzburg

Christliche Gelassenheit - Leben in der Gegenwart des dreifaltigen Gottes

Die Dreifaltigkeit ist eines der großen Geheimnisse des Christentums. Selbst vielen Gläubigen fällt die Vorstellung schwer. Dabei ist Gott in drei Personen bereits mitten unter uns.

Dreifaltigkeit
Die Dreifaltigkeit ist eines der großen Geheimnisse des Christentums. Selbst vielen Gläubigen fällt die Vorstellung schwer. Dabei ist Gott in drei Personen bereits mitten unter uns. Foto: N.N.

Das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit hat die Gläubigen im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder fasziniert. Dass da ein Gott ist, aber in drei Personen, ein Wesen, das sich in drei Personen äußert, hat das Denken der Menschen in Beschlag genommen. So hat etwa das Glaubensgeheimnis der Dreifaltigkeit unser Verständnis dessen geschärft, was man als Person bezeichnet.

Sprüche 8,22-31
Römer 5,1-5
Johannes 16,12-15
Die Lesungen zum Dreifaltigkeitssonntag

Aber die theologische Spekulation hat auch weniger gute Blüten hervorgebracht. So gab es im Mittelalter den Versuch, die Dreiheit in der Einheit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – zeitlich zu verstehen. Der Mönch Joachim von Fiore vertrat die Idee, dass das Alte Testament das Zeitalter des Vaters sei. Dieses war geprägt durch die zahlreichen Rechts

vorschriften des alttestamentlichen Gesetzes. Dann, so sagte Joachim von Fiore, kam mit Jesus Christus das Zeitalter des Sohnes. Dieses sollte erfüllt sein durch die Gnade. Aber leider nicht wenige Glieder der Kirche waren im Mittelalter sittlich verdorben und verweltlicht. So sagte er sich: Das kann immer noch nicht das Reich sein, auf das wir warten. Und er sah mit den reinen und blühenden Ordensgemeinschaften, die zu seinen Lebzeiten entstanden, das dritte Zeitalter anbrechen, das Zeitalter des Heiligen Geistes. Nun erst sollte es Freiheit und Liebe geben, wahren Glauben, die reine und heilige Gemeinschaft Gottes. Und in diesem Reich des Heiligen Geistes bräuchte es dann weder Gesetze wie im Zeitalter des Vaters, noch wie im Zeitalter des Sohnes eine Institution wie die Kirche.

Natürlich war das eine Utopie, etwas Irreales. Aber Utopien, phantastische Visionen, können gefährlich sein. Denn die Geschichtsdeutung des Joachim von Fiore lief darauf hinaus, die Gesetze und die Institutionen des Staates und der Kirche abzuschaffen. Das Chaos wäre wohl perfekt gewesen, wenn sich diese Sichtweise durchgesetzt hätte. Die Kirche hat deshalb solche Ideen bekämpft. Sie wollte damit nicht nur dem Chaos wehren, sondern vor allem der Vorstellung, dass es noch ein neues diesseitiges Reich geben werde, das die Herrschaft Jesu Christi ablösen sollte. Die Kirche hat gut daran getan, solchen Ideen die Wahrheit des Evangeliums entgegenzustellen. Denn später hat man gesehen, was die Hoffnung auf ein neues, ein drittes Reich bewirken konnte. Das Dritte Reich, die Nationalsozialisten, stützten sich gerade auf die Utopie, dass alles Bisherige ungenügend sei und das eigentliche Reich noch kommen müsse. Das schien ihnen die Legitimation zu verschaffen, diesem neuen Reich mit Gewalt zum Durchbruch zu verhelfen. Die tragischen Folgen sind bekannt.

Sonntagslesung: Seid wachsam Der Herr kommt unerwartet Jesaja 2, 1–5; Römer 13, 11–14a; Matthäus 24, 37–44 Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2019 (Lesejahr A) :
Zum Dreifaltigkeitssonntag legt Martin Grichting die Lesungen aus.

Christus wird einst wiederkommen in Herrlichkeit, am Ende der Zeit. Und er wird in einem neuen Himmel, jenseits von Raum und Zeit, alles vollenden. Aber davor warten wir Christen nicht mehr auf ein utopisches diesseitiges Reich. Für uns ist das Zeitalter des Vaters und des Sohnes und Heiligen Geistes schon da. Gott ist einer. Und er wirkt auch heute als einer. Gott, der Vater, ist der Schöpfer, der seine Schöpfung trägt und im Dasein erhält. Der Sohn Jesus Christus ist der Erlöser, der uns immer neu seine Gnade schenkt und uns in seiner Kirche eint. Und der Heilige Geist ist derjenige, der uns in die Wahrheit einführt (Johannes 16, 3), die Liebe Gottes in unsere Herzen eingießt (Römer 5, 5) und die Kirche begleitet auf ihrem Weg durch die Zeit. Das Wesentliche ist also schon geschehen und ist uns gegenwärtig. Wir Christen erwarten es nicht mehr in einem neuen diesseitigen Reich. Sondern das Entscheidende ist schon geschehen: Gott hat die Welt erschaffen, sie und alle Geschöpfe erlöst und dem Menschen seinen Geist gegeben bis zum Ende der Zeit.

Das ist der Grund, warum die Christen trotz der manchmal bestürzenden Zustände der Welt und auch der Kirche Gottes immer in einer gesunden Gelassenheit gelebt haben. Denn sie wissen: Wir müssen nicht ein neues Reich Gottes errichten, aus eigener Kraft, mit menschlichen Mitteln, gegen andere. Sondern unsere Aufgabe als Christinnen und Christen mitten in der Welt ist es „nur“ noch, aber immerhin, jeden Tag im Einklang mit Gottes Willen zu leben und zu handeln. Gott selber wird alles vollenden am jüngsten Tag. Wir jedoch sollen in dieser Welt und Zeit stets in Übereinstimmung mit dem Evangelium, der Lehre der Kirche und den Geboten Gottes durch unser Handeln dem, was Gott schon getan hat, zum Durchbruch verhelfen. Wir tun das, indem wir im alltäglichen Leben, in der Familie, bei der Arbeit, in der Gesellschaft, der Kultur, den Medien und der Politik alles nach Gottes Wort und seinen Geboten ordnen. Das ist die Sendung der Kirche in dieser Zeit, es ist unsere Sendung. Gerade daran hat auch das II. Vatikanische Konzil die Gläubigen, die mitten in der Welt leben, erinnert: „Sie sollen durch ihre Zuständigkeit in den profanen Bereichen (…) einen gültigen Beitrag leisten, dass die geschaffenen Güter gemäß der Ordnung des Schöpfers und im Lichte seines Wortes durch menschliche Arbeit, Technik und Kultur zum Nutzen wirklich aller Menschen entwickelt (…) werden (…). So wird Christus durch die Glieder der Kirche die ganze menschliche Gesellschaft mehr und mehr mit seinem heilsamen Licht erleuchten“ (LG 36). Das ist freilich schwer genug. Aber es bedarf keiner Revolution, um das zu bewirken. Sondern gefragt ist das stille und wirksame Zeugnis von uns allen, jeden Tag neu.

Aus dem Wissen darum, dass wir in allem, was wir als Christen und in Übereinstimmung mit Christi Wort tun und erleiden, vom dreifaltigen Gott getragen und begleitet sind, strömt eine große Gelassenheit, in der wir unser Leben leben dürfen. Ein wunderbarer Ausdruck dieser christlichen Gelassenheit ist das Lied von Dietrich Bonhoeffer, den die Nationalsozialisten im Namen eines neuen Reichs ermordet haben. Am Ende seines Lebens hat der evangelische Pastor in tiefem Vertrauen in die Gegenwart des dreifaltigen Gottes die Worte geschrieben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“