Würzburg

Christliche Demut: Gott erhöht die Niedrigen

Die Sonntagslesung vom 1. September

Table set up for wedding reception with people out of focus in background.
"Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein!", sagt Jesus im Lukasevangelium. Foto: Wollwerth Imagery/stock.adobe.com

Auf den ersten Blick enthält das Evangelium dieses Sonntags vor allem allgemeine Lebensregeln. Wenn man zu einem Hochzeitsmahl eingeladen ist, soll man sich nicht gleich einen Ehrenplatz aussuchen, sondern am unteren Ende der Tafel Platz nehmen. Es könnte ein höherer, angesehenerer Gast kommen. Dann blamierte man sich vor allen Gästen, weil man vom Gastgeber auf den untersten Platz versetzt würde. Da inzwischen die anderen Plätze belegt wären, wäre ja nur ganz unten noch ein Platz frei. Wenn man sich dagegen auf den untersten Platz setzt, bekommt man vom Gastgeber einen höheren Platz zugewiesen, was dann eine Ehre vor allen anderen ist. In diesen Regeln spiegelt sich die streng am gesellschaftlichen Rang der Gäste orientierte Tischordnung beim antiken Gastmahl wider.

Sirach 3,17-31
Hebräer 12,18-24a
Lukas 14,1-14
Die Lesungen des 22. Sonntags im Jahreskreis

Doch dürfte Lukas uns kaum Klugheitsregeln für das Verhalten bei einem Gastmahl überliefern. In seinem Evangelium will er die Christusbotschaft verkünden. Doch worin liegt hier das Christliche?

Das Evangelium gibt zwei Antworten: in Vers 11 und in den Versen 13 und 14. In Vers 11 wird die Verhaltensregel bei einer Einladung auf das Verhältnis zu Gott übertragen. Es kommt überhaupt im Leben darauf an, sich selbst zu erniedrigen, damit man von Gott erhöht wird: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lukas 14, 11).

Vielfache Mahnung zur Demut

Dieses Wort erinnert an andere Stellen im lukanischen Doppelwerk. Maria hat sich selbst erniedrigt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lukas 1, 38), um dann von Gott erhöht zu werden: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“ (Lukas 1, 48). Auch hat der Leser Jesus selbst vor Augen, der sich am Kreuz erniedrigte, um dann von Gott durch die Auferstehung in den Himmel erhoben zu werden (Apostelgeschichte 2, 22–36; 3, 13–21).

Die Mahnung, demütig zu sein, um von Gott erhöht zu werden, begegnet überhaupt mehrfach im Neuen Testament (zum Beispiel Römer 12, 16; Jakobus 4, 6.10; 1 Petrus 5, 6, vgl. auch 2 Korinther 11, 7). Gott erhöht den Menschen, denn auch Christus ist nach seiner Erniedrigung am Kreuz von Gott – wie es wörtlich im Hymnus des Philipperbriefes heißt – „übererhöht“ (Philipper 2, 8) worden über alle Mächte und Gewalten (Philipper 2, 9–11). Gott „stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“ (Lukas 1, 52).

Einwand: Schadet eine solche Demutshaltung uns Christen nicht? Andere bestimmen dann die Politik und die öffentliche Meinung. Gibt es nicht auch eine falsche Bescheidenheit? Gewiss, aber Lukas geht es hier um die rechte Haltung Gott gegenüber und um ein Verhalten, das vor Gott zählt. Das mutige öffentliche Zeugnis und das tatkräftige politische Agieren aus christlicher Verantwortung heraus sind damit nicht ausgeschlossen. Dieses christliche Agieren wird umso glaubwürdiger, je mehr es aus einer Haltung der Achtung vor Gott als dem Größeren und aus einer demütigen Grundhaltung heraus geschieht.

Die zweite Antwort auf die Frage nach dem spezifisch christlichen Gehalt der Botschaft des heutigen Evangeliums findet sich in den Versen 13–14: Wenn man zu einem Essen einlädt, soll man nicht sozial Gleichrangige einladen, die die Einladung durch eine Gegeneinladung vergelten. „Nein, wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein. Du wirst selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“

Jesu Nachfolger sollen sich um die Ausgestoßenen sorgen

Eine solche Anweisung entspricht der Intention Jesu, wie sie sich auch in seiner übrigen Verkündigung nachweisen lässt. Die Jünger sollen ganz auf die Gottesherrschaft ausgerichtet sein. Sie sollen das Wesentliche von Gott erwarten und nicht auf innerweltlichen Ausgleich setzen. Dies schließt ein, dass man sich gerade um die Menschen am unteren Ende der sozialen Skala kümmert. Arme, Krüppel, Lahme und Blinde waren zur Zeit Jesu nicht versorgt. Sie konnten nicht arbeiten und sich selbst nicht helfen. Sie waren auf die Almosen der Menschen angewiesen. Sie bettelten, wie zum Beispiel der Blinde Bartimäus, den Jesus heilt (Markus 10, 46–52, lukanische Parallele in Lukas 18, 35–43).

Die Verpflichtung, sich den Armen zuzuwenden und ihnen Almosen zu geben, kannte das Judentum auch. Allerdings gab es auch eine jüdische Gruppierung, die hinter den sogenannten Qumrantexten steht und die zur Zeit Jesu noch existierte, in der körperlich eingeschränkte Menschen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden. In einem Text dieser Gemeinschaft (1QSa II, 5–8) heißt es: „Und jeder Mann, der an seinem Fleisch geschlagen ist, gelähmt an den Füßen oder Händen, hinkend oder blind oder taub oder stumm oder... ein alter Mann, der zittert, so dass er sich nicht aufrecht halten kann inmitten der Gemeinde: nicht dürfen diese kommen, um inmitten der Gemeinde... einen Platz einzunehmen.“; Behinderte galten als unrein und beeinträchtigten die Heiligkeit der Gemeinschaft. Jesus wendet sich ganz im Gegenteil gerade den gebrechlichen Menschen zu und er erwartet dies auch von seinen Jüngern.

Der hohe Anspruch der Ethik Jesu ist nur verständlich vor dem Hintergrund seiner Reich-Gottes-Botschaft. Demjenigen, dem es in seinem Leben letztlich darauf ankommt, sich nach dem Gottesreich auszustrecken und sich von seiner Wirklichkeit anregen zu lassen, dem fällt die selbstlose Liebe nicht so schwer wie jemandem, der rein diesseitig-materialistisch orientiert ist. Im christlich geprägten Kulturbereich gibt es daher bis heute eine organisierte Sorge für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen.

Dieser Geist der Reich-Gottes-Botschaft Jesu ist es auch, der uns Christen verbietet, einer vorgeburtlichen Diagnostik zuzustimmen, die darauf abzielt, menschliches Leben im frühen Stadium zu töten, weil Behinderungen zu erwarten sind. Das heutige Evangelium lenkt in seinem letzten Teil unseren Blick auf die Menschen, die aufgrund eines Handicaps nicht vollumfänglich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Jeder Einzelne von uns kann durch seine Hinwendung zu Behinderten einen Beitrag zu deren besserer Akzeptanz und Integration leisten.