Sonntagslesung: Stellvertretung ist das Grundgesetz des Lebens

Zu den Lesungen des Gedächtnisses Allerseelen (Lesejahr A)

2 Kor 5, 1–11

Joh 11, 17–27

Zu Allerseelen fragen die Menschen nicht zuerst nach Gericht und Auferstehung, nach Reich Gottes und Neuer Welt. Sie fragen vielmehr: Was kommt direkt nach dem Tod? Wo sind unsere Toten jetzt? Die Auskunft „im Fegefeuer“ muss biblisch eingeordnet werden in einen größeren Zusammenhang. Denn sonst wird sie leicht lächerlich gemacht. Joh 11 gibt eine grundsätzliche, sehr tröstliche Antwort: Für die, die an Christus glauben, ist der Tod keine wirkliche Unterbrechung ihrer Verbindung mit Christus. Wer an Jesus glaubt, wird leben in Ewigkeit, auch wenn er gestorben ist (11, 25). Das ist Verheißung und Aufforderung. Es ist nicht „zerpflückbares“ Einzelwissen wie aus dem Touristenführer. Bei Jesus zu sein, nicht von Jesus getrennt zu sein auch im Tod, diese Auskunft ist schon angesichts des generellen Nicht-Wissens über das, was nach dem Tod ist, eine ungeheure Bereicherung. Der biologische Tod ist nur wie ein Priel, ein Wasserlauf im Watt. Und wenn man nur den Leuchtturm im Auge behält, kann man auch durch den Priel waten und verliert die Richtung nicht. Immer wieder haben die alten Kulturen die Todesgrenze mit einem reißenden Fluss verglichen. Der Glaube ist das Himmelsgeschenk, die Brücke zwischen beiden Ufern.

Bei Paulus und in den Totenliturgien der alten Ostkirchen „östlich von Byzanz“ erfahren wir mehr: Die Theologen nennen das Zwischenzustand und kennen doch nur Bilder. Es sind die Bilder vom Paradies, vom Tempel, von Abrahams Schoß oder Saras Schoß (für die Frauen), vom Land der Verheißung, das gelobte Land, das Gott Abraham versprochen hat und das immer mehr als das „Licht“ vorgestellt wird. Der himmlische Tempel aber ist ein Haus mit Wänden aus Feuer und einem Dach aus Wasser. Es ist die heilige Stadt, das himmlische Jerusalem (Sion). Auch Jesus denkt an diesen Zwischenzustand in einem vertrauten Bild aus der heiligen Schrift, wenn er dem gerechten Schächer versichert: Heute wirst du mit mir im Paradies sein (Lk 23, 43). Die Liturgien der Kirche gehen davon aus, dass die verstorbenen Christen im Paradies sind. Insbesondere die Märtyrer gelangen direkt ins Paradies. Nach Lk 24 ist dieser Zwischenzustand, der bis zur Auferstehung dauert, für Jesus kurz (zwei Tage), und mit seiner Auferstehung erlangt er in der Osternacht genau jenen Status der Vollendung, nämlich die Auferstehung, auf den die anderen noch warten. Aber durch den Zwischenzustand muss auch er hindurch, auch wenn es nur kurz dauert. Der gerechte Schächer und jedenfalls viele Heilige sind auch in diesem Zustand, aber noch nicht auferstanden. Paulus sagt weiter über diesen Zwischenzustand: Die Seele ist da nicht ohne Leib. Sie hat einen neuen, nicht-irdischen Leib aus heiligem Geist erhalten. Ohne Leib wäre sie ein Gespenst, und das wäre das Schlimmste, was man sich vorstellen könnte, ein bloßer „Geist“, der nicht essen und trinken könnte. Der neue Leib, den der Mensch bekommt, ist zwar nicht sichtbar, er ist aber sein Haus, sein neues himmlisches Haus. Es ist die neue Wohnung, die für ihn im Himmel bereit steht, wenn das irdische Zelt, das heißt sein irdischer Leib, abgebrochen, aufgelöst und dem biologischen Tod verfallen ist. Sowohl für die irdische Existenz als auch für das, was danach kommt, spricht Paulus von einem Haus. Das Haus ist jeweils ein Leib. Wir bewohnen jetzt ein irdisches Haus, und wir werden dann ein himmlisches Haus bewohnen. Paulus interessiert sich sehr für diese Art von Leiblichkeit, denn Existenz nach dem Tod ist für ihn Existenz mit Christus und bei ihm. Auch wenn wir dann noch nicht auferstanden sind, er dagegen ist es sehr wohl. Paulus hat Sehnsucht nach dieser Existenz.

Denn wir sind nach dem Tod nicht einfach mausetot, sondern bei Christus, und zwar leibhaftig. Das ist der Zwischenzustand. Man muss fragen: Was unterscheidet diesen Zwischenzustand dann von der allgemeinen Auferstehung? Antwort: Die allgemeine Auferstehung ist keineswegs darin schon aufgehoben, sondern sie geschieht am Ende dieses Zustands, am Ende der Zwischenzeit. Und dreierlei bietet die Auferstehung mehr als das Sein mit Christus im Zwischenzustand: Auferstehung hat sichtbare Folgen, so wie man Jesus, den Auferstandenen sehen konnte. Der Zwischenzustand dagegen bedeutet Unsichtbarkeit. Auferstehung wird universal sein, alle Menschen und die ganze Schöpfung betreffen (Röm 8, 21), denn die Vergänglichkeit wird besiegt sein. Und Auferstehung bedeutet die Integrierung der toten Knochen aus dem Grab in den neuen Leib hinein (1 Kor 15, 54f). Die Gräber werden leer sein, wie es Jesu Grab war. Paulus und andere gebrauchen dafür das Bild des Verschlingens. Der tote Leichnam wird in den auferstandenen Leib hinein verschlungen.

Aber was ist mit denen, die nicht an Jesus glauben? Was ist mit den schweren Sündern, mit dem Fegefeuer? Im Grunde entsteht hier auch die Frage nach der Sünde der Christen und ihren möglicherweise extremen Folgen. Auch hier hält Paulus Antworten bereit: Vernichtung gibt es, wenn einer Christ ist, nur für die Sünde wider den heiligen Geist, und das heißt bei Paulus: Kirchenspaltung (1 Kor 3, 16f). Wer die Gemeinde/Kirche spaltet, vergeht sich physisch gegen Gott selbst. Und wer das tut, den vernichtet Gott. Nur in diesem Fall droht dem Christen wirklich direkt der ewige Tod. Auch die Sünde „wider den heiligen Geist“ nach den Evangelien meint Ähnliches, bezieht sich aber nur auf Jesus und das Bekenntnis zu ihm. Alle anderen, sagt Paulus, werden lediglich dadurch blamiert, dass ihre „Werke“ verbrannt werden. Sie selbst aber werden gerettet, wie durch Feuer hindurch (1 Kor 3, 15).

Für die Menschen, die nie von Jesus gehört haben oder durch Verschulden der Christen nicht glauben konnten, gibt das Neue Testament keine Antwort, und wir müssen das Geschick dieser Menschen in Gottes Hand belassen. Das hat seinen guten Grund: Das Neue Testament ist kein Handbuch oder Katalog über ultimative Gerichtsstrafen, sondern ein werbender Appell, an Jesus zu glauben. Es geht also darum, das Christentum für diese Menschen attraktiv zu machen, und zwar in deren eigenem Interesse.

Aber was ist mit den unvollkommenen Christen? Mit dem Fegefeuer? Geht es nicht darum an Allerseelen? Ich denke, dass man den Sinn von Allerseelen auch Skeptikern und Andersgläubigen durch ein Gebet verständlich machen kann. Besonders zu Allerseelen gibt es verschiedene Gestalten des Gebets für die Verstorbenen, sei es im Zusammenhang mit dem Messopfer, sei es als Ablass oder im Rosenkranzgebet. Alle Dogmen sind aus dem Gebet entstanden. Besonders aus Dank und Lob. Aber auch aus dem Bekenntnis von Schuld und der Erkenntnis von Sühne und Stellvertretung. Ich stelle mir das Gebet für einen Verstorbenen zum Beispiel zu Allerseelen so vor: „Herr, unser Gott. Wir sind deine Kinder, und die Briefe des Neuen Testaments sprechen uns Freimut zu. Deshalb dürfen wir dir alles sagen, was uns Sorge macht. Einer von uns, der Verstorbene NN., ist jetzt vor dich getreten. Wir wissen um alle seine Fehler, genauso wie um unsere. Wir machen uns einfach Sorgen um ihn. Wir teilen seine Angst, vor dir zu stehen. Denn du bist der heilige Gott. Doch wir kommen zu Dir mit unserer Sorge. Zu wem sollten wir sonst gehen? Wir wissen nicht, ob der Verstorbene im Leben je wirklich umgekehrt ist zu dir. Aber wir ahnen, dass er jetzt höchst unvollkommen vor dir steht. Wir sagen dir unsere Sorge, weil wir ihn lieben. Weil wir ahnen, dass auch du ihn liebst. Und wir ahnen, dass deine Liebe dasselbe Ziel hat wie unsere: ihn zu retten. Denn er ist doch dein Geschöpf.

Für eine Umkehr ist es jetzt zu spät. Und so, wie er vor dir ankommt, passt er kaum zu dir – was auch von uns selbst gilt. Wir denken das in einem Bild, wie wenn einer eine neue Hüfte oder zwei neue Hüften braucht. Vielleicht ist es eine schmerzhafte Operation, wenn du ihn in die Lage versetzen musst und willst, dass er vor dir bestehen kann. Oder wenn einer neue Herzklappen braucht. Das ist kein Spaß, sondern Teil einer Rundum-Erneuerung. Ja, vielleicht braucht unser lieber Verstorbener so eine Verwandlung, so eine Therapie. Dein Handeln kann die Chance geben, dass er von allem Rost und Schrott, den er an sich trägt, gereinigt wird. Tu es um deiner Kirche willen, denk besonders an die vielen Heiligen, derer wir gestern gedacht haben, der bekannten und der unbekannten. Blick auf unsere Liebe und nicht auf unsere und seine Sünden. Blick auf den Glauben deiner Kirche. Ja, vielleicht können wir so Ablass verstehen: Blick nicht auf die Sünden, sondern auf dem Schatz des Glaubens deiner Kirche. Du bist doch die Freude selbst, du freust dich über deine Heiligen. Schau auf sie! Wir wissen: Stellvertretung ist das Grundgesetz des Lebens vor dir und mit dir. Nimm unser Gebet, die Gebete für die Toten der ganzen Kirche, nimm Jesu Opfer am Kreuz, nimm all das als Stellvertretung, in deren Licht du den Sünder veränderst, der vor dir steht. Wir ahnen: Für die Bitte um Erbarmen ist es zu spät. Du bist jetzt vielmehr als der Chirurg gefragt, der Menschen, für die andere eintreten, kritisch anschaut und der durch einen beherzten Eingriff seine Liebe siegen lässt. So bitten wir dich in Verbindung mit Jesus Christus, unserem Herrn.“

Klaus Berger

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