Sonntagslesung: Messianische Fülle besiegt sogar den Tod

Zu den Lesungen des 18. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

Jes 55, 1–3

Röm 8, 35.37–39

Mt 14, 13–21

Wasser (Jes 55) und Brot (Mt 14) und die Liebe (Röm 8) sind wie die Requisiten zu einem großen, sehr dramatischen Film. In jedem der drei Fälle verweist die unerschöpfliche Fülle auf Gott. Und der Film läuft so: Gott der Herr lässt sich durch den Propheten Jesaja darstellen. Mitten im Suk, auf dem orientalischen Markt, steht der bekannte Prophet und inszeniert das Verkaufsgeschäft eines Wasserverkäufers. Wasser ist kostbar, verlässliche Leitungen gibt es kaum (nur den berühmten Wassertunnel in Jerusalem). Wasser muss man daher kaufen, Schluck für Schluck, Tasse für Tasse. Bis heute ist trinkbares Wasser das Problem Nummer eins im ganzen Orient. Die scheinbare Besonderheit dieses Wasserverkäufers kennen wir freilich von allen orientalischen Verkäufern: Alles gibt es gratis heute: Wasser, Wein, Milch. Und weiter: Alles andere Brot sonst, das könnt ihr vergessen, das macht nicht satt. Ich aber verkaufe euch Brot, das einen Tag lang vorhält. Wahres Kraftfutter! Und Speisen mit viel Fett gibt es auch bei mir, das ist gut bei Hitze und hält vor. Der Wasserverkäufer wird durch immer weitere Sprüche zum einladenden Gastwirt. Doch spätestens mit Jes 55, 3 wird es ernst: Gott kündigt einen ewigen Bund an, er meint es ernst mit seinen Verheißungen an David. Das ist das Ende von Szene 1: Werberuf und große Ankündigungen Gottes durch seinen Propheten. Seit David König war, lässt das Stichwort „David“ jeden Juden an das einmalige und freie Großreich des Königs David denken.

Wunderzeichen illustrieren Gottes Unbegreiflichkeit

Szene 2: Jesus geht in die Wüste, aber die Leute laufen ihm nach. Es wird Abend, es wird kühl, die Menschen haben Hunger. Der Bestand an Verpflegung: Fünf Fladenbrote, zwei Fische. Anzahl der Menschen: Allein 5 000 Männer, noch ohne Frauen und Kinder. Jesus nimmt den Vorrat, blickt zum Himmel auf und segnet ihn, gibt ihn den Jüngern zum Verteilen. Alle essen. Resultat: Zwölf volle Körbe mit Brotstücken bleiben übrig. War es Suggestion? War es Magie? Haben die Jünger nur ihre geheimen Privatrationen verteilt? Im Unterschied zu heutigen Auslegern muss Matthäus nichts erklären. Durch die nüchterne Präzision seiner Angaben bewirkt er Staunen bei den Lesern. Für ihn ist klar: Jesus ist Gottes Sohn, das heißt: Gott ist in ihm gegenwärtig. Daher das Wunder, das nur der Schöpfer bewirken kann. Jede weitere Erklärung wäre lächerlich. Auch die moralische Erklärung, als ginge es nur darum, dass die Jünger ihre Hasenbrote verteilten.

Jesus überbietet die prophetische Brot-vermehrung von 2 Kge 4, 42–44. Er ist mehr als ein Prophet. Bei den irdischen Gütern, mit denen Jesus oder die Jünger in Berührung kommen, gilt stets die unfassbare messianische Fülle. Das reicht von der Hochzeit von Kana bis zu den Äckern und Häusern, die die Jünger hundertfach ersetzt bekommen, wenn sie diese verlassen haben.

Für Mt ist nicht das Faktum fraglich, wohl aber die mangelhafte Weise der Aufnahme durch Juden und Jünger. An diesen massiven Zeichen Gottes können Menschen nur scheitern. Wunderzeichen wie die Speisungsgeschichten illustrieren daher jedenfalls die strikte Unbegreiflichkeit des Handelns Gottes – und sagen zugleich, dass man vor diesem Gott dennoch keine Angst haben muss, weil die Unfassbarkeit, die er demonstriert, ganz und gar dazu da ist, den Menschen zu verwöhnen und reichlich zu ernähren. Es ist die Unbegreiflichkeit zärtlicher Liebe, die man buchstäblich essen kann.

Aus demselben „Holz“ ist auch Jesu Auferstehung von den Toten „geschnitzt“. Erklärungen von Theologen sind so wenig verboten wie ihre Neugier. Aber sie könnten die falsche Reaktion sein, der Schreibtisch des Philologen ist der falsche „Sitz im Leben“. Dieser ist vielmehr die Anbetung. Jesus hat den Menschen Gott gebracht – aber eben den Gott, der mit vollen Händen und überreichlich speist. Dessen Offenbarung die Menschen aus Hunger, Durst und Tod rettet.

Szene 3: Irgendwann nach Ostern sitzen bedrängte, verfolgte Christen in einem Versteck zusammen. Hat sich die ganze Welt gegen sie verschworen? Was ist, wenn sie sterben müssen? Paulus rechnet damit, wenn er in Röm 8, 36 schreibt: „In der Schrift steht, dass wir bis aufs Blut für unseren Glauben verfolgt werden: ,Weil wir zu dir gehören, sind wir ständig in Lebensgefahr. Wir werden schon als Schlachtvieh betrachtet.‘“ Und Paulus antwortet darauf, dass nichts, auch die extremsten Gegensätze nicht, die Christen von Gott trennen können, der die Christen sichtbar geliebt hat. Auch hier wird messianische Fülle geschildert, und zwar in einem tieferen Sinne als bei Speisung und Weisheit, nämlich als unbesiegliche Liebe. In der Parallele zu diesem Abschnitt in Offb 12, 10–12 fällt denn auch das Wort vom Siegen der Märtyrer (V.10). Denn selbst durch Tod und Verfolgung hindurch sind sie von Gott bewahrt.

Zwischen den Gegensätzen, die Paulus in Röm 8 aufzählt, könnte der Mensch buchstäblich zermalmt werden. Und für Christen ist nicht gerade Schonzeit angesagt. So wird Röm 8, 38f zitiert in den mittelalterlichen bischöflichen Segensgebeten am Tag des hl. Stephanus: „Gott, von dessen Liebe den hl. Stephanus nicht trennen konnten weder Tod noch Engel.., Gott gebe euch, dass ihr zur Nachahmung des hl. Stephanus den Wettlauf bewältigen könnt, der vor euch liegt“ Auch Paulus, der wohl sein Martyrium vor sich liegen sieht, meint wirklich, dass ihn nichts von Gott trennen kann, seitdem es Jesus Christus gibt. Diese Aussage ist allein schon deshalb erstaunlich, weil es doch den Tod gibt. Und der war bisher im Judentum – so erfährt es auch Jesus, als er am Kreuz ruft „Wozu hast du mich verlassen?“ – eine strikte Trennung von Gott, wenigstens für eine Zeitlang. Aber Paulus weiß, dass es jetzt anders ist. Denn wenn er stirbt, wird er bei Jesus sein, aus dem Exil befreit in der Heimat ankommen (Phil 1, 21; 2 Kor 5, 3f). Seitdem Jesus als der Erhöhte auf ihn wartet, also seit Ostern, wird es zumindest für die Christen keine Trennung von Jesus mehr geben. Denn die Christen sind hineingetauft in den Leib Christi – wie sollte der Tod diese lebendige Verbindung unterbrechen können?

Auch im JohEv spricht Jesus ähnlich, wenn er in Kap. 4, 14 sagt: „Vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm selbst zu einer Quelle werden, die bis ins ewige Leben sprudelt.“ Auch hier gibt es keine tödliche Unterbrechung, Jesus bleibt Licht und Leben auch im zeitweiligen biologischen Tod. Die jüdische Messiaserwartung wird damit im pharisäischen Milieu, in dem Jesus wie Paulus zuhause sind, um eine entscheidende Etappe erweitert. Es geht nicht mehr nur um irdische Segnungen wie die Fülle von Korn, Wein, Öl und Kindern, sondern die Pharisäer wagen den Schritt über das endliche Leben hinaus und wagen die Hoffnung auf Auferstehung. Sie knüpfen diese Hoffnung freilich an ein engelgleiches Leben in Reinheit von jeder Befleckung.

Ewiges Leben als Ausdruck der unfassbaren Liebe Gottes

So aber kann Gott zu seinem Ziel kommen und Menschen in seine himmlische Gemeinschaft hineinrufen. Die Henoch-Literatur hat parallel dazu Henochs Himmelsreise zu einem Weg gemacht, auf dem der Mensch (wie beispielsweise R. Ismael nach 3 Hen) für immer in die Nähe Gottes kommt, wenn er sich an Henochs Mahnreden hält.

Für Paulus ist es also gar keine Frage, dass Gott dem Menschen nichts nehmen will, schon gar nicht das Leben, sondern ihn verwandeln und mit Jesus Christus ewig leben lassen will. Anders als viele moderne Menschen sieht Paulus darin kein lästiges, kaum nachvollziehbares Anhängsel an den christlichen Glauben, sondern den Ausdruck der unfassbaren Liebe Gottes. Der hl. Bernhard verbindet das Motiv der unüberwindlichen Liebe in Röm 8 mit der frühen zisterziensischen Auslegung des Hohenlieds und sagt in seiner 79. Predigt (zu Hohelied 3) im Anschluss an diese Sätze des hl. Paulus: „Die Seele konnte weder durch das Gerede der Philosophen noch die Betrügereien der Häretiker noch das Schwert der Verfolger von der Liebe Gottes getrennt werden, ,so fest klammert sie sich an den, den ihre Seele liebt, so sehr ist es ihr Glück, Gott anzuhangen‘ (Ps 72, 28). ,Die Lötstelle ist gut‘, sagt Jesaja (Jes 41, 7). Was ist haltbarer als diese Lötstelle, die von den Wassern nicht ausgewaschen, von den Stürmen nicht gelockert, von den Schwertern nicht zerschnitten wird? Schließlich ,können mächtige Wasser die Liebe nicht löschen‘. (Hoheslied 8, 7). ,Ich hielt ihn fest und will ihn nicht mehr loslassen.‘“(Hoheslied 3, 4).

Den Gedanken, dass der Mensch sich an diese Liebe klammern darf, halte ich für eine sinngemäße und schöne Ergänzung zu Röm 8. Und das Hohelied ist ein wirklich angemessener Text, von jeglicher Liebe in jeder Hinsicht zu reden. Klaus Berger

Themen & Autoren

Kirche