Sonntagslesung: Gottes Heilsangebot ist Maßstab für jede Neuheit

Zu den Lesungen des fünften Fastensonntags (Lesejahr C)

Jes 43, 16–21

Phil 3, 8–14

Joh 8, 1–11

Es ist der verführerische Gegensatz von Alt und Neu, der das Pathos aller Revolutionen bestimmt. Ihre Anführer wollen stets das „alte Regime“ stürzen, und dann soll endlich Neues in den Blick kommen. Auch die meisten demokratischen Wahlen versprechen jeweils einen grundlegenden Wandel. Und „neue Besen kehren gut“. Die Wirtschaft scheint auf Messe-Neuheiten angewiesen zu sein. Und jeder Doktorand meint, er müsse ein neues Thema nebst neuer These erarbeiten (was inzwischen fast unmöglich ist). Doch mit keinem Wort ist in Politik und Kultur soviel Missbrauch getrieben worden wie mit dem Wort „neu“ oder „neuartig“. Daher gilt es, Kriterien zu klären. Aber sollen Kriterien für richtiges Neusein ausgerechnet aus der Bibel kommen? Aus einer Religion, die bei vielen jungen Menschen als total veraltet gilt, bei der man immer fragt: „Glaubst du das noch?“ – „Immer noch und schon wieder neu“, wäre die richtige Antwort.

Die drei Texte dieses Sonntags stehen insgesamt für einen wirklichen Neuanfang. Daher sind sie insgesamt für die Fastenzeit wie geschaffen. Nach Jesaja ist es Gott selbst, der Neues schafft. Denn er hat nicht nur vor Zeiten Israel aus Ägypten geführt und dafür einen Weg durch die Fluten gebahnt. Er bahnt vielmehr jetzt Wege durch die Steppe, die er zum Blühen bringt. Denn er leitet Wasser in verödetes Land. Es gibt viele Zionisten, die diesen Text auf die Rekultivierung des Heiligen Landes durch Israel beziehen. Aber nach Jesaja handelt Gott, und daher geht es jedenfalls um mehr als nur um neue Anpflanzungen. Der Prophet verwendet das Bild der Verwandlung der Steppe in fruchtbares Land, um die Erneuerung des Gottesvolkes im ganzen anzudeuten. Daher hat auch die Vision des frühen Christentums vom neuen Gottesvolk aus Juden und Heiden Platz bei Jesaja. Theologisch wichtig ist an diesem Kapitel: Damals wie heute bereitet Gott einen Weg, auf dem Menschen ziehen. Auf dem Weg gehen müssen die Menschen schon selbst. Aber alles, was sie zum Leben brauchen, schenkt Gott. „Neu“ heißt hier: Gott hört nicht auf, Wunder zu schaffen. Insofern ist er „ganz der alte“ und zugleich der ewig neue.

Warnung vor dem „Weg zurück“

Anders sieht der Apostel Paulus Neuheit im Philipperbrief: Die Gegner in Philippi wollen nur scheinbare Heilswerte verkaufen. In Wirklichkeit sind alle diese Werte inklusive Beschneidung angesichts des Heiligen Geistes geradezu Dreck und ein Nichts. Paulus muss das so drastisch sagen, weil er es kommen sieht, dass man auf ihn als Vorbild verweist. Er muss so deutlich reden, weil er selbst einen anderen Weg gegangen ist als ihn die Heidenchristen in Philippi gehen würden. Sein Weg war vom Judentum zum Christentum, der Weg der Philipper wäre, ließen sie sich auf die Gegner ein und beschneiden, einer vom Christentum zum Judentum. Die Frage ist hier allerdings nicht die der Bewertung des Judentums für Juden oder Judenchristen, die Frage ist lediglich, ob Heidenchristen zusätzlich Juden werden müssen, und sei es, indem sie sich „nur“ zusätzlich beschneiden lassen. Die Erlösung durch Jesus Christus, insbesondere die Gabe des Heiligen Geistes, ist unüberbietbar. Diesen Weg ist Paulus selbst gegangen, vom höchst unvollkommenen „Fleisch“ zum Heiligen Geist. Der umgekehrte Weg, an den die Philipper denken könnten, verbietet sich daher von selbst, und zwar nicht zuletzt um der paulinischen Identität und Glaubwürdigkeit willen. Die kritischen Aussagen gegen jüdische Institutionen richten sich nur gegen den „Weg zurück“, vor dem Paulus warnt. Paulus sitzt der galatische Schock so tief in den Knochen, dass er die Rejudaisierung des Christentums für eine generelle Gefährdung seines Lebenswerkes hält. Das erlaubt einen Umkehrschluss: Der Weg von den Juden zu den Heiden ist für Paulus nach wie vor das Wichtigste. Daher kämpft er mit allen Mitteln.

Der Satz liest sich wie eine Formulierung aus dem Römerbrief. „Meine Gerechtigkeit aus dem Gesetz“ entspricht dabei der „eigenen Gerechtigkeit“, die die nicht-christlichen Juden dem Römerbrief zufolge erstreben. Paulus spricht hier von sich selbst, weil er durch den Rekurs auf die eigene Person im Vorangehenden schon den potenziellen Gegnern das Argument aus der Hand schlagen wollte, er (Paulus) selbst sei doch beschnitten. Entscheidend ist, dass hier nicht „Glaube und Werke“ oder „Gesetz und Glaube“ gegenüberstehen, sondern Gesetz ohne Glaube an Jesus Christus (als Inbegriff des jüdischen vorchristlichen Weges) und der Glaube an Jesus Christus. Auf diesem Wege kommt die Gerechtigkeit, die Gott den Menschen erweisen will, die er ihnen jetzt anbietet, zum Zuge. Denn es ist keine eigene Gerechtigkeit, sondern die Gerechtigkeit, die auf der neuen Initiative Gottes beruht, Jesus Christus zum Heil für alle Menschen in die Welt zu senden. Gott bietet diese Gerechtigkeit an, und sie ist nicht mehr der jüdische Sonderweg („meine“ oder „die eigene Gerechtigkeit“). Von „Gesetz“ ist in V.9 die Rede im Sinne des Inbegriffs und Markenzeichens des Judentums. Dabei geht es hier nicht um die anthropologische Frage der Leistung im Gegensatz zur Gnade, sondern um die strikt theologische Alternative zwischen dem (nur) jüdischen Gesetz und dem universalen Glauben an Jesus Christus, der das Gesetz als Kriterium der Erwählung und als Grund des Stolzes einfach abgelöst hat.

Gottes neues Handeln ist die Sendung Jesu mit dem Ziel der Auferstehung. Der Maßstab für jegliche Neuheit ist das exklusive Heilsangebot in Jesus Christus.

Im Johannesevangelium schafft Jesus Neues, indem er durch seine Aufforderung (Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein) die übliche Reaktion von Menschen, auf den ertappten Sünder mit dem Finger zu zeigen, abbricht. Neu ist, dass alle ihr Sündersein anerkennen müssen und daher als erstes ihr liebstes Spiel, nämlich andere zu verurteilen, aufgeben müssen.

Die Ausleger möchten Jesus als Lebensretter darstellen, denn er habe der Frau das Leben gerettet. Nun wissen wir aus zeitgenössischen jüdischen Quellen, dass die Strafe der Steinigung keineswegs regelmäßig zum Tod führte (auch Sir 23, 24–26 und 2 Kor 11, 25). Steinigung steht vor allem für Verfluchung. – Diese Strafe „reicht“ freilich durchaus, wenn man bedenkt, dass in der damaligen Gesellschaft ein zerstörtes Ansehen sozialen Tod bedeutet. Während heute notorische Ehebrecher oft erst richtig berühmt werden, ist zur Zeit Jesu öffentliches Bekanntwerden eines solchen Deliktes „tödlich“.

Keiner ist glaubwürdig

Jesus verurteilt die Frau nicht, und er ist darin konsequent. Immer wieder unterstreicht er, der Menschensohn sei nicht gekommen zu richten, sondern zu retten (wie Joh 3, 17). Allerdings sagt Jesus zu der Ehebrecherin am Schluss: „Nun geh und sündige nie wieder!“ (8, 11) Dieser Satz wird von all den Auslegern übersehen, die hier auf Anarchie plädieren. Denn im Zusammenhang der gesamten Botschaft Jesu ist die Nicht-Verurteilung kein Freibrief zur Sittenlosigkeit, sondern ein Ruf in die Umkehr (wie Joh 5, 14). Nach dem Johannesevangelium ist dieser Neuanfang daran gebunden, dass der Mensch nicht mehr sündigt. Das heißt doch: Dass er nicht in alte Gewohnheiten zurückfällt. Das Johannesevangelium sagt auch, weshalb niemand das Recht zu Moralpredigten hat: Weil keiner glaubwürdig und ohne Sünde ist. Das, was Menschen als Voraussetzung des Urteilens über andere benutzen, das Treppchen erhabener und besserer Moral, ist nicht nur brüchig, sondern purer Schein. Deshalb ist seit dieser Episode die Waffe der Moralpredigt seitens des vorgeblich Besseren verwehrt. Allein eines kann helfen: Der radikale Neuanfang im Rahmen eines Wunders oder als Sündenvergebung durch Gott selbst. Dass Menschen nicht mehr sündigen, wird nicht durch Moralpredigt erreicht, sondern nur durch einen Einbruch Gottes in diese Welt, also durch die vormoralische Dimension des Heiligen.

Von diesen Beobachtungen her kann man auch die Rolle Jesu in diesem Kapitel des Johannesevangeliums verstehen. Die Aufforderung „Derjenige von euch, der ohne Sünde ist, soll als erster den Stein auf sie werfen!“ kann Jesus deshalb an die Umstehenden richten, weil er selbst der Gerechte und Heilige ist. Denn keiner wagt ihm zu antworten: „Du bist ja selbst auch Sünder! Und manche besonders gefährlichen Sünden müssen eben besonders hart bestraft werden!“ Vielmehr weichen angesichts seiner unkritisierbaren eigenen Heiligkeit alle zurück. Es lässt sich sehr eindrucksvoll als Rollenspiel darstellen, dass der Höhepunkt dieses Berichtes darin besteht, dass sich alle potenziellen Richter, einer nach dem anderen, schweigend zurückziehen. Dieser Text scheint wie für unsere Gesellschaft geschrieben, die von moralischer Entrüstung über Menschen lebt, die Fehler begingen. Damals wie heute verdient Jesu Wort und Tun durchaus das Prädikat „umwerfend, entwaffnend neu“. Leider hat sich das übliche Verhalten gar nicht geändert, vielmehr nimmt die correctness geradezu ihre Maßstäbe an Heuchelei und Schadenfreude. Ein wenig Neuheit aus dieser alten Religion kann daher nicht schaden. Denn es gibt Dinge, die so altmodisch sind, dass sie schon wieder modern sind. Klaus Berger

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