Sonntagslesung: Gericht ist Begegnung mit Gottes Heiligkeit

Zu den Lesungen des ersten Adventssonntags 2009 (Lesejahr C)b

Jer 33, 14–16

1 Thess 3, 12–4,2

Lk 21, 25–28.34–36

Davids Reich, Davids Geschlecht, Davids Sohn – bis heute haben diese Namen für jeden Juden und für Christen wie mich einen fast mythischen Klang. Denn unter Davids Großreich war die Welt „noch in Ordnung“ oder erstmals überhaupt in Ordnung). Nie war Israel so groß, so sicher und so reich. Viele Hoffnungen richteten sich daher immer wieder auf einen neuen Spross Davids. Wann würde er endlich kommen? Jer 33 verbindet diese Hoffnung wiederholt mit dem Stichwort „Gerechtigkeit“. Denn nicht um die Größe des Reiches geht es Jeremia, sondern um seine Gerechtigkeit. Nur wenn es gerecht zugeht, kann ein Reich stabil sein.

Hier sei ein Zwischengedanke erlaubt. Dem aufmerksamen Zeitgenossen wird es nicht entgangen sein, dass die katholische Soziallehre wieder erheblich an Beliebtheit und an Einfluss gewinnt. Das ist rundum zu begrüßen. Wer diese wunderbaren Texte kennt, weiß auch, dass sie bisweilen auf eine Anbindung an ein klares Geschichtsbild warten. Das kann man gut verstehen: Weil der Marxismus die Eschatologie säkularisiert und missbraucht hatte, weil er von Zukunft redet, ohne von Gott und seinem Reich zu sprechen, wollten viele Christen den Mund nicht zu voll nehmen. Doch mittlerweile ist es soweit gekommen, dass es in der christlichen Theologie generell kaum noch Impulse, neue Anregungen gibt. Es fehlen Entwürfe, Visionen über das Ganze. Genau an dieser Stelle läge nun ein wichtiger Impuls bereit, nämlich den biblischen Entwurf von Gerechtigkeit, zumal den von Jer 33, mit der katholischen Soziallehre zu verbinden. Das hätte zum Beispiel in diesem Fall zwei deutliche Vorteile: Der biblische Begriff von Gerechtigkeit ist nicht der des Aristoteles. Biblische Gerechtigkeit ist Gemeinschaftstreue, also kommunitär zu denken, nämlich dem anderen zu ermöglichen, dass er mit einem zusammenlebt. Biblische Gerechtigkeit ist auf die Ermöglichung des Miteinanders zu beziehen. Die Bibel sieht Gerechtigkeit weniger als Tugend des Einzelnen als vielmehr als praktizierte Gegenseitigkeit, zu der immer mehrere gehören.

Der andere Vorteil: Diese messianische Zielvorstellung meint nicht ökonomische oder militärische Macht, sondern gilt auch zwischenstaatlich und international. Das Reich Davids, von dem der Prophet spricht, dient nicht der Unterwerfung der Heidenvölker, sondern dem zukünftigen Miteinander unter der Führung Israels. Vielleicht sollte man auch in der Außenpolitik Israel zur Wahrnehmung dieser internationalen Aufgabe befähigen und ermuntern. – So könnte man fortfahren und auch im Blick auf andere Texte der Bibel viele Seiten abgewinnen, aus denen man Entwürfe oder Teilentwürfe entwickeln kann. Andere Seiten des biblischen Geschichtsbildes kann man fruchtbringend aus Lk 21 gewinnen.

Der erste Teil endet mit Lk 21, 28: „Wenn dies alles beginnt, dann richtet euch auf und erhebt euer Haupt. Denn eure Erlösung ist ganz nahe.“ Die Reaktion auf die großenteils schrecklichen Ereignisse vor dem Ende soll daher nicht Furcht oder Flucht, nicht eilends nachgeholte Umkehr sein, oder dass man sich auf den Boden wirft, sondern: Erhebt eure Häupter, seid fröhlich und stolz, lasst die Köpfe nicht hängen, sondern fasst Mut, denn es dauert nicht mehr lange. Dass Jesus seine Jünger dazu auffordert, steht in der ganzen Welt der Apokalypsen einzigartig da. Was ist das für eine Haltung, die da zugrundeliegt? Vor allem dieses: Jesus spricht nicht von irgendwelchen Gerechten, die irgendwann gerettet werden. Sondern er weiß, dass seine Jünger, die er vor sich hat, die Erlösten und Befreiten selbst sein werden. Daher ist Vorfreude angebracht und nicht verstärkte Angst. Unserer üblichen „Eschatologie“ (Enderwartung) fehlt dieses Element der Vorfreude und der Gewissheit der Erlösung. Das Gericht und die Schrecken stehen zu sehr im Vordergrund. Denn man weiß ja nicht, wie man beides übersteht. Jesus dagegen geht einfach selbstverständlich davon aus, dass seine Jünger die Erlösten sein werden. Ihnen kann das alles nichts anhaben. Er sagt ihnen: Ende der Welt, das müsst ihr euch denken wie Weihnachten. Und Weihnachten kann euch zum Bild werden, wie alles ausgeht. Das ist so ungewöhnlich, dass man sich erst daran gewöhnen muss. Aber wird es nicht eine faszinierende Wirkung auf das Handeln und Verhalten der Jünger ausüben? Wird nicht ein hoffnungsfroher Mensch ganz anders auf die Wechselfälle des Lebens und der Geschichte reagieren als einer, der die Hoffnung nicht hat?

Im zweiten Teil der Rede von Lk 21, in V. 34–36, fordert Jesus die Jünger gleichfalls zu Ungewöhnlichem auf. Denn man sollte erwarten, dass Jesus am Schluss seiner Rede das wichtigste konkrete Handeln kurz benennt, etwa die Zehn Gebote oder das Liebesgebot, Umkehr oder Verzicht auf Reichtum. Nichts dergleichen ist zu hören, keinerlei hektischer Aktivismus wird vor dem Gericht gefordert. Stattdessen hören wir eine geradezu therapeutische Rede: „Seid achtsam gegenüber euch selbst! Beschwert eure Herzen nicht.., sonst überrascht euch der Gerichtstag.“ Das Herz würde beschwert durch übermäßigen Konsum (Essen, Trinken) und durch die Sorgen des Alltags. Jesus hat hier nicht den Nächsten im Blick, sondern nur die gesundheitliche und nervliche Verfassung der Jünger. So redet man jemandem zu, der vor einer großen Anforderung steht. Er soll sich nicht belasten und sich nicht ablenken lassen. Wozu, das wird nicht gesagt, es sei denn man setze hier die unmittelbar folgende Mahnung zum Wachen und Beten ein.

Aber auch die folgende Mahnung zielt nicht auf moralischen Aktivismus: „Gönnt euch keinen Schlaf, sondern betet beharrlich, damit ihr dem kommenden Unheil entrinnen könnt“. Denn nur so könne man vor dem Menschensohn bestehen. Aber warum soll man beten, um vor dem Menschensohn im Gericht zu bestehen? Man könnte fragen: Was soll das helfen, wo doch das Gericht nach Werken vollzogen wird? Vorausgesetzt ist offensichtlich, was wir an den Psalmen auch wahrnehmen: Der Beter bereut und bekennt seine Sünden, er bittet um Vergebung, er hat dem Nächsten vergeben, kurzum, er betet so, wie es im Vaterunser steht (vgl. besonders Mt 6, 12f, dazu Mk 11, 25 und Mt 5, 23). Angesichts des kommenden Gerichts kommt es daher darauf an, vorher zu vergeben und Vergebung zu erlangen. Statt moralischer Aktivitäten kommt es daher darauf an, vorher die Schuld loszuwerden, damit für das Gericht nichts mehr zu strafen oder zu tilgen übrigbleibt.

In 1 Thess 3, 12–4, 2 entdecken wir eine weitere Variante der Rede vom Gericht in der Mahnrede des Apostels. Dass der Apostel zu „Liebe“ mahnt (in der Gemeinde, gegenüber Nicht-Christen, zwischen Apostel und Gemeinde), tritt hier schon mit überraschender Klarheit zutage. So wird es Paulus auch noch in Röm 13 sagen. Denn Liebe ist für ihn die Summe allen Tuns und die Erfüllung des Gesetzes – so wie für Jesus auch (Mk 12, 28–34). Zwei Stichworte sind in diesem Text aber bemerkenswert: Einmal, dass Gott die Liebe reich werden und überfließen lasse (3, 12 und 4, 1), sodann das Stichwort „Heiligkeit“ (3, 13 und dann auch in 4, 3.4). Das Überfließen funktioniert bei Paulus wie ein gotischer Brunnen: Wenn die obere Schale voll ist, fließt das Wasser (zumeist durch vier oder sechs Öffnungen) in die nächst tiefere Schale. So fließt Gottes eigener Reichtum, seine eigene Überfülle auf die Menschen, die davon erfüllt werden. Für Paulus ist Überfließen und Überreich sein ein Bild für die messianische Zeit. Dieses messianische Grundphänomen gilt auch jetzt schon, es ist die Bewegung überquellenden, sprudelnden, kaum zu bändigenden göttlichen Lebens, die von Gott ausgeht und die Menschen erfasst. – Mit dem Wort „Heiligkeit“ meint Paulus gerade in seinen frühen Briefen ein wichtiges Erbstück aus seiner pharisäischen Vergangenheit (vgl. das Wörtchen „untadelig“ in 3, 13 mit Phil 3, 6), das aber gesamtbiblisch wichtig ist und in der Gegenwart wieder Schlüsselfunktion gewinnt. Denn Gott ist vor allem und zunächst einmal heilig. Deshalb muss Moses die Schuhe vor dem Dornbusch ausziehen.

Der Verlust dieser Dimension ist ein wesentliches Merkmal säkularisierten Christentums der Gegenwart. Daher versteht man auch die Predigt vom Gericht nicht mehr, denn es ist vor allem Konfrontation mit Gottes Heiligkeit. Heiligkeit besagt, dass Gott der Herr ist, der Herr der Welt, des Lebens in der Welt, der Menschen und vor allem der Herr der Herren. Vor dieser Majestät gibt es keine einheitliche Antwort des Menschen. Die Reaktionen reichen von Angst über Furcht und Zittern bis zur Scheu und dem Sich-Schämen des Menschen vor Gottes strahlender Herrlichkeit. Vor allem wird in der Gegenwart vergessen, dass Gott der Herr des Lebens ist. Heiligkeit Gottes meint, dass Leben seinen Ursprung nicht in sich selbst trägt, sondern von dem Bereich des Heiligen ausgeht, dem man angemessen nur mit Scheu und Ehrfurcht begegnen kann. Das heißt: Leben kann sich der Mensch nur vom heiligen Gott schenken lassen. Wenn der Mensch mit seinen ungeschickten Fingern hier manipuliert, vergeht er sich gegen Gottes Heiligkeit. Klaus Berger

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann