Sonntagslesung

Gott lässt uns die Freiheit zum Unglauben Ezechiel 1, 28b–2,5; 2 Korinther 12, 7–10; Markus 6, 1b–6 Zu den Lesungen des 14. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B): Von Harm Klueting
Sonntagslesung

„Er konnte dort keine Wunder tun“ – ist das nicht erstaunlich? Ist Jesus Christus nach dem Glauben der Kirche nicht Gottes Sohn? Und ist Gottes Sohn nicht selber Gott? – „Gottes eingeborener Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“, wie wir im Großen Glaubensbekenntnis sagen. Und ist Gott nicht allmächtig? „The Almighty God“, wie es im Englischen heißt? In den Psalmen hören wir: „Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen …“ (Psalm 91, 1), wie über-haupt im Alten Testament oft vom All-mächtigen Gott die Rede ist, so im Buch Genesis, wo Gott sich dem Abram vorstellt: „Ich bin Gott, der Allmächtige“ (Genesis 17, 1), vor allem aber im Buch Ijob. Im Neuen Testament wird hingegen nur selten vom Allmächtigen Gott gesprochen, häufiger nur in der Offenbarung. Im Griechischen steht dort „pantokrator“ – „Herrscher über die ganze Schöpfung“ (unter anderem Offenbarung 19, 6). Aber auch im Neuen Testament gibt es keinen Zweifel an der Allmacht Gottes. Als Pantokrator wurde Jesus Christus vor allem im Mittelalter verehrt und in Wand- und Deckenfresken mittelalterlicher Kirchen dargestellt. Wie passt dazu das Wort: „Er konnte dort keine Wunder tun“?

Jesus kommt in seine Heimatstadt Na-zaret. Aus der Weihnachtsgeschichte kennen wir seinen irdischen Vater: „Joseph von der Stadt Nazaret in Galiläa“ (Lukas 2, 4). Er selbst heißt auch „Jesus von Nazaret“ (unter anderem Markus 16, 6). Bei Matthäus (Matthäus 13, 53–58) und bei Lukas (Lukas 4, 15–30) wird die Geschichte von Jesu Auftreten in Nazaret ebenfalls berichtet. Bei Lukas hören wir auch von seiner Predigt in der Synagoge von Nazaret, die nur aus dem einen Satz besteht: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“ (Lukas 4, 21), aber auch davon, dass seine Zuhörer ihn anschließend töten – von einem Berg hinabstürzen (Lukas 4, 29) – wollen. Bei Markus heißt es: „Am Sabbat lehrte er in der Synagoge“. Und auch bei Markus staunen und wundern sich die Zuhörer über seine Predigt. Man könnte auch sagen: Sie sind empört. „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria“, so rufen sie. Den kennen wir doch! Der ist doch nichts Besseres als wir! Was spielt der sich so auf! „Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen!“. Vor solchen Leuten kann Jesus „kein Wunder tun“. Warum nicht?

Jesus verlässt mit seinen Jüngern Nazaret. Es fällt das Wort: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat“, das in der an Martin Luthers Übersetzung anklingenden Form „Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterland“ zum Sprichwort geworden ist. Aber das ist eine Alltagserfahrung! Wichtiger ist das folgende Wort: „Er wunderte sich über ihren Unglauben“, das uns zu einem der tiefsten Geheimnisse des Verhältnisses zwischen Gott und den Menschen führt: Gott ist die Liebe. Und Gott ist allmächtig. Dort, wo man nicht an ihn glaubt, könnte er als Allmächtiger zwar etwas tun, aber er tut es nicht und kann es nicht, weil er die Liebe ist, und weil er dem Menschen die Freiheit zum Unglauben lässt, die freie Entscheidung, ihn – den Allmächtigen Gott – abzulehnen oder anzunehmen.

„Niemand hat Gott je gesehen“ (Johannes 1, 18) – so steht es in der Bibel. Wir kön-nen Gott nicht sehen. Und wir sehen auch Jesus Christus nicht wie wir die Türme des Kölner Doms sehen. Wie wir den Apfel in der Obstschale oder das Brot auf dem Tisch sehen. Der Atheist, der sagt: „Es gibt keinen Gott“ (Psalm 14, 1; 53, 2), hat ja recht. Für ihn, den Ungläubigen, existiert Gott nicht.

Wenn Gott auf seine Allmacht verzichtet

Aber der Gläubige, der betet: „Mein Gott, auf dich vertraue ich“ (Psalm 25, 2), und der Jesus als den Auferstandenen – als den „Lebenden“ (Lukas 24, 5), den man nicht bei den Toten suchen soll – bekennt, hat auch recht. Wer glaubt, der sieht Gott zwar auch nicht wie wir Menschen uns gegenseitig sehen. Aber er nimmt Gott und er nimmt Jesus Christus wahr.

Die Kraft Gottes, aus der heraus Jesus Wunder tut, erfahren nur die, die ihm im Glauben begegnen. Nur sie haben Anteil am Reich Gottes. Die anderen, die nicht glauben, nehmen die göttliche Kraft nicht wahr und sehen in Jesus nur den Zimmermann. Das Messiasgeheimnis – die Tatsache, dass er der Sohn Gottes ist – bleibt ihnen verschlossen. Dazu gehört auch seine irdische Familie in Nazaret. Jesus sagt ja an der zum Sprichwort gewordenen Stelle nicht nur: „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat“, sondern auch: „bei seinen Verwandten und in seiner Familie“. Wir wissen aus den Evangelien, dass auch Maria – die Jungfrau und Gottesmutter und die gehorsame Magd des Herrn – sich nicht immer klar war über die Sendung ihres Sohnes, so bei der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel – „Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen, und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte“ (Lukas 2, 48–50) –, so auch in der Geschichte von Jesus und seinen Angehörigen, die ihn für „von Sinnen“ (Markus 3, 21) halten. Deshalb kann Jesus in Nazaret „kein Wunder tun“. „Nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.“ Das waren die Wenigen, die ihm Glauben schenkten, wenige Gläubige inmitten vieler Ungläubiger. Gott lässt uns die Freiheit, nicht zu glauben.

Für die, die nicht glauben, existiert Gott nicht. Bei ihnen verzichtet Gott gleichsam auf seine Allmacht und lässt sie gewähren, wie Jesus in unserer Geschichte unter den vielen Ungläubigen in Nazaret „keine Wunder tun“ kann. Wir sehen Gott nicht wie wir die Türme des Kölner Doms sehen. Jesus sagt zu Thomas: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Johannes 20, 29). Glauben ohne zu sehen, wie man den Apfel in der Obstschale sieht.

Der Abschnitt aus dem Buch des Pro-pheten Ezechiel beginnt mit der „Erschei-nung der Herrlichkeit des Herrn“ vor Eze-chiel, wobei die Formulierung wohl so zu deuten ist, dass der Prophet nicht Gott selbst – „niemand hat Gott je gesehen“ –, sondern nur die herrliche Szenerie seines Auftritts sieht. Was folgt, ist Teil der Berufungsgeschichte Ezechiels, der zu „den abtrünnigen Söhnen Israels“ geschickt wird, Söhnen „mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen“. Das sind, vom Neuen Testament her betrachtet, die, die in Jesus nur den Zimmermann sehen. Gottes Auftrag an Ezechiel scheint aussichtslos, aber, „ob sie dann hören oder nicht“, so werden diese Trotzigen doch „erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war“. Das erinnert an den Prolog des Johannesevangeliums: „Er war in der Welt, aber die Welt erkannte ihn nicht“ (Johannes 1, 10) – bis auf die, „die ihn aufnahmen und seine Herrlichkeit gesehen haben“ (Johannes 1, 12.14).

Im zweiten Korintherbrief tritt Paulus, der „einzigartige Offenbarungen“ erfahren hat, der Versuchung zum Selbstlob entgegen. Er will sich seiner „Schwachheit rühmen“, damit „die Kraft Christi“ auf ihn herabkommt, und spricht von einem „Stachel ins Fleisch“, der ihm als Präservativ gegen Überheblichkeit versetzt wurde. Man hat das als Migräne oder Epilepsie oder mit anderen Krankheiten zu erklären versucht. Paulus bejaht seine Ohnmacht und die Nöte, die er für Christus erträgt, „denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“.

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