Sonntagslesung

Der bedeutendste Mensch auf Erden Jesaja 49, 1–6; Apostelgeschichte 13, 16–22–26; Lukas 1, 57–66.80 Zu den Lesungen zur Geburt Johannes des Täufers (Lesejahr B). Von Klaus Berger
Sonntagslesung

Nach Jesu Einschätzung war Johannes der Täufer der bedeutendste Mensch, der je auf Erden gelebt hat. Also bedeutender als Abraham, Moses, Adam oder Eva, Hiob oder Kaiser Augustus. Fragen wir: Warum? Groß ist Johannes durch seinen Mut, dem König Herodes direkt ins Messer zu laufen. Denn er hatte es gewagt zu sagen: Herodes ist ein Mörder und Ehebrecher. Keiner der Propheten hat so schonungslos die Wahrheit gesagt. Jesus findet das groß. Man stelle sich nur vor, wir würden dieses Kriterium Jesu heute übernehmen und auf den überaus sanften Umgang der Kirche mit den meisten Regierenden beziehen.

Bei uns in Norddeutschland hat man vor tausend Jahren oft das erste Kirchlein an einem Ort Johanneskirche genannt, Taufkirche also, so zum Beispiel in meiner Heimatstadt Goslar im Bistum Hildesheim („St. Johannes im Bergedorf“) oder auf der Insel Föhr, denn Johannes war der Täufer. Auf Föhr gibt es dazu ein altes Fresko Es zeigt Johannes als wilden Typ, wir würden sagen als Wald- oder Wüstenschrat. Züge davon hat später Christophorus geerbt. Also nicht das Krippenkind oder die zarte Verkündigung an Maria wurde den wilden Germanen vorgesetzt, sondern Johannes der Täufer. Ein extremer Typ, wild und ohne Kenntnis über Messer und Gabel, wie Helmut Kohl von norddeutschen Eingeborenen meinte. Total unangepasst, sich von gebratenem Ungeziefer ernährend, weil Heuschrecken viel Protein enthalten. Und dort wo wir uns gerne fragen lassen: „Darf's ein bisschen mehr sein?“, hat er immer und grundsätzlich gesagt: Nein, es muss um des Himmels willen ein bisschen weniger sein. Vor einiger Zeit hatten meine Frau und ich Besuch von einem strengen Muslim, der sich über meinen alten arabischen Koran freute und den ganzen frühen Abend Essen und Trinken verschmähte wegen Ramadan. Ein Mönch benediktinischer Prägung dagegen, der neulich bei uns war, hat auf die Frage, ob er Wein trinke, gesagt: Machen Sie das Glas ruhig ganz voll. Johannes der Täufer hätte dem Muslim applaudiert.

Aber Jesus? Es gibt noch ein schönes Jesuswort über Johannes den Täufer: Der ist, sagt er, ein Beerdigungstyp, ich dagegen bin der Hochzeitstyp. „Beerdigungstyp“ das heißt: Viel weinen über die schlechte Welt und ihre bösen Herrscher. Oder zumindest Aschermittwoch hoch ansetzen. Hochzeitstyp, die Braut gibt es zwar erst später. Man nennt sie das himmlische Jerusalem, eine Stadt wie Jerusalem, wenn man von Jericho durch das Tal kommt und die Stadt leuchtend in der Morgensonne sieht. Also die Braut hat Jesus noch nicht, wohl aber schon Wein. Man nennt das Vor-Hochzeit. So sind wir hin- und hergeworfen zwischen Jesus und Johannes dem Täufer. Es gibt eine Zeit zum Fasten, und es gibt eine Zeit zum Weintrinken.

Zum Stichwort „Beerdigung“: In dem Abschnitt Lukas 7,32–35 karikiert Jesus den Täufer und seine Botschaft als Klagen und Heulen, wie wir es von orientalischen Klagefrauen bis heute kennen. In unserer Kultur sind daraus zumeist ein paar Tränchen geworden. Jedenfalls gilt öffentlich zu weinen als peinlich. Ebenso reduzieren wir die Umkehr, zu der Johannes aufruft, auf ein paar stille Gedanken und wischen die Asche vom Aschermittwoch jedenfalls noch innerhalb der Kirche ab, wo wir das Aschenkreuz empfangen haben. So wurden Buße, Trauer, Klage und Umkehr immer unsichtbarer, immer mehr „verinnerlicht“; die nordische angebliche Temperamentlosigkeit lässt auch alle Sakramente immer stiller und unsichtbarer, ja abstrakter werden. Wer denkt schon noch daran, dass die Leiblichkeit zum Beispiel der Taufe ein Hinweis darauf ist, dass auch die Auferstehung leiblich ist und sein wird – und nicht nur eine Art von „Meinung“. So setzen wir an die Stelle des Kirchgangs am Sonntagmorgen bestenfalls oft ein paar nette Gedanken über den Pfarrer, und dass auch viele Katholiken nicht mehr wagen, ein Kreuzzeichen zu machen; und dass viele gar ein sichtbar aufgehängtes Kreuz scheuen „wie der Teufel das Weihwasser“ hängt eben damit zusammen, dass unser Glaube immer weniger leibhaftig wird.

Im Ganzen eine merkwürdige Truppe, die uns da im frühesten Christentum gegenübersteht: alle ohne Abitur, alle unverheiratet. Johannes der Täufer zuerst – welche Frau hätte das schon ausgehalten: Heuschrecken von Samstag bis Donnerstag, mal rechts gegrillt, mal links gegrillt, mal nur gekocht; Freitags vegetarisch von dem, was in der Wüste so wächst. Keinen schwarzen Anzug zum Predigen. Auch die übrigen alle unverheiratet: Maria, Jakobus der Herrenbruder, der im Tempel lebte und nie ein Badezimmer von innen sah, die beiden Zebedäussöhne, also der andere Johannes und der andere Jakobus, die nur eine um himmlische Posten besorgte Mutter aufzubieten haben, unverheiratet auch Stephanus und Paulus. Und wohl auch Johannes, der Verfasser der Apokalypse, der für bleibende Jungfrauen schwärmt. Auch der heilige Joseph war wohl nicht der Typ von katholischem Familienvater, der den Pfarrern meiner Jugend gefallen würde. Auch Maria Magdalena war wohl so etwas wie eine ledige Lehrerin.

Kurzum: Lauter Zölibatäre am Anfang. Plus Martyrium bei den meisten von ihnen. Der amerikanische Diakon Peter Brown verfasste in den achtziger Jahren ein viel gelesenes Buch über Sex und Ehe der frühen Christen und nannte das „Die Keuschheit der Engel“. Darin konnte er unbestritten sagen: Die strengere Auffassung von Sexualität, insbesondere die Neigung zur Jungfräulichkeit, war ein Markenzeichen der ersten christlichen Jahrhunderte bis zum fünften Jahrhundert. Man darf vorsichtig fragen. ob das alles, speziell die große Menge von Zölibatären rund um Jesus, reiner Zufall ist. Oder vielmehr: Was könnte der Sinn einer solchen Existenz sein? Die Askese ist doch kein Selbstzweck, und auch ein Trappist kann es oft vor Sehnsucht nach Besserem kaum aushalten.

Der Sinn ist bei dieser ganzen Truppe: Die Biografie, die Existenz selbst wird zum Zeichen für ihre Botschaft. Über den Zölibat hat Karl Rahner deshalb gesagt: Viele Ehen scheitern daran, dass sie wider Erwarten kein Himmelreich sind, so dass sich Zölibat und Ehe gegenseitig erhellen: Zölibat steht für das Unabgegoltene, für die bleibende Einsamkeit auch in der Ehe, Ehe steht für die Verletzlichkeit auch der reinsten Absicht, für die Gefährdung des bisweilen allzu schönen Scheins. Beides bleibt Stückwerk, und Zölibat lehrt auch, gelassen weinen zu können. Und er lehrt uns, dass wir schier unendlich liebesbedürftig bleiben, arm und abhängig von Einladungen und Geschenken.

Mit dem gelassenen Weinen sind wir wieder beim Beerdigungstyp. Auch mir geht es oft so, dass der Blick auf fließendes Wasser tröstet, zum Beispiel, wenn ich in Kloster Weltenburg aus dem Fenster meiner Zelle auf die jederzeit breit dahinfließende Donau blicken kann. Und irgendwie ähneln ja auch die Tränen dem Taufwasser. Johannes hat Jesus getauft; Jesus hat auch diese reinigende Kraft der Tränen mit uns geteilt. Und dadurch hat er, so sagt die Alte Kirche, jedem Taufwasser die geheime Kraft gegeben, Sünden wegzunehmen. Was am Ende nichts anderes ist als Freiheit pur. Auch jede Freiheit bleibt unabgegolten. Und auch ein Mönch aus einem Schweigeorden könnte wohl sagen: Der Rest ist Schweigen. Aber nicht aus Ratlosigkeit, vielmehr so, dass jedes ratlose Schweigen doch nur eine Vorstufe ist für das erlösende Wort, das wir aber nicht selbst uns sprechen, sondern das uns befreit.

Aber vielleicht kann man gerade an einem Leben wie dem Johannes des Täufers in seiner wahrhaft beunruhigenden Kargheit und Sparsamkeit viel klarer als anderswo erkennen: Es gibt immer ein paar mehr Gründe zu danken, als zu klagen.

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