Singen, um zu schauen

Wie Gregorianik auf den Tod vorbereitet. Von Urs Buhlmann

Gregorianik ist angesagt. Das Singen in der eigentlichen Sprache der Kirche schafft für den, der es ausübt, wie für den, der es hört, eine andere Welt. Seit es den Mönchen des spanischen Benediktinerklosters Silos 1994 gelang, sich mit ihrer Platte „Chant“ 53 Wochen lang in der Liste der hundert am meisten verkauften Tonträger der USA zu halten – worüber niemand mehr erstaunt war als sie selber – ist selbst klassik- und kirchenfernen Kreisen klar, dass den jahrhundertealten, schlichten Melodien eine innere Kraft innewohnt, die auch den hektischen Menschen der Moderne innehalten lässt. Besonders gepflegt wird die Gregorianik in den Klöstern der alten Orden.

Der im 90. Lebensjahr stehende, aus Wien stammende amerikanische Benediktiner David Steindl-Rast, der seine Zeit zwischen einem halbjährigen Eremiten-Dasein auf dem Gelände seines unweit New Yorks gelegenen Klosters und ebenso vielen Monaten rastloser Vortragstätigkeit in der ganzen Welt aufteilt, ist nicht im eigentlichen Sinn Gregorianik-Experte. Und wohl auch eine ganz besondere Art von Mönch. Denn sich selber sieht der promovierte Psychologe eher als Panenthenist (nicht Pantheist!), überzeugt von der gleichzeitigen Transzendenz und Immanenz Gottes von und in der Welt, aber ebenso auch als Vertreter eines christlich interpretierten Zen-Buddhismus. Unproblematisch vom Standpunkt einer Offenbarungsreligion ist das sicher nicht. Wenn aber so jemand, der auch noch Kunstgeschichte und Anthropologie studiert hat, über den gregorianischen Choral schreibt, kann es spannend werden. Doch sollte der Leser nicht musik- oder liturgiewissenschaftliche Ausführungen im engeren Sinn erwarten.

Steindl-Rast hat ein anderes Ziel: Er will die Horen des Stundengebets in Beziehung setzen zum Rhythmus des Tages und des Lebens. Er nimmt sie zum Anlass, um über das Miteinander von Schweigen und Singen, von Rasten und Tun nachzudenken. Oder, wie Pater Anselm Grün in seinem Vorwort schreibt: „Bruder David lädt uns mit dem Engel der Zeit dazu ein, Gott in jeder Stunde unseres Tages zu schauen als die Liebe, die unsere Zeit erfüllt.“

Der Autor erklärt Genese und Sinn des kirchlichen Stundengebets, das einen Kontrapunkt zur bisweilen sinnlosen Geschäftigkeit des „weltlichen“ Tages bietet: „Unbehagen und hektisches Herumjagen sind das Ergebnis unserer verkehrten Zeitempfindung – einer Zeit, die stets abzulaufen scheint“. Die Gesänge dagegen riefen ein anderes Verhältnis zur Zeit in Erinnerung, die als wertvoll, aber eben nicht als knapp erlebt wird: „Sie beschwören die Urform des klösterlichen Lebens herauf, in welcher die Zeit harmonisch dahinfließt. Die verfügbare Zeit entspricht der vorliegenden Aufgabe. Es ist immer genügend Zeit da für alles, was getan werden muss.“ Die Wechselgesänge des in Stunden, in „Horen“, eingeteilten Tages helfen dem Menschen, so Steindl-Rast, „voll in die flüchtige Dimension des Jetzt einzutreten“. Das wirkliche Leben fände ja nicht in der Uhr-Zeit statt, sondern in dem, was die Griechen kairos nannten: Zeit als Gelegenheit oder Begegnung. So gesehen ist das Einschwingen in den monastischen Tagesablauf, wie es das gregorianische Singen lehrt, eine Lebensschule: „Wir leben im Jetzt, indem wir uns auf den Ruf eines jeden Augenblicks einstimmen, indem wir hören, was jede Stunde und jede Situation von uns verlangt, und indem wir darauf antworten.“ Die Mönche mögen sich daran erinnern, sagt Steindl-Rast, dass sie, jedes Mal, wenn sie singen, sich in der Gegenwart von Engelschören befinden. Deswegen ordnet er jedem der Kapitel, die sich mit einer der Horen des Stundengebets befassen, einen bestimmten Engel zu. Der Engel der Vigil etwa, der frühesten, noch im Dunkel der Nacht geborgenen Gebetszeit „trägt ein dunkel-scharlachrotes Gewand und hält sein Horn, als wäre er bereit, es erklingen zu lassen, doch wartet er noch ab. Seine linke Hand ist in einer seltsamen Gebärde erhoben, als wollte er sagen: Warte, noch nicht!“. Das scheut nicht die Nähe zum Edelkitsch. Doch soll sich der geneigte Leser nicht von solchen imaginierten Bildern abhalten lassen, auch nicht, wenn der Autor bei der Mittagshore seiner (von einem amerikanischen Zen-Abt empfangenen) Vision nachhängt: „Wie schön wäre es, wenn mittags im Radio und Fernsehen Glocken und Geläute von Heiligtümern zu hören wären, die allerorts den Frieden verkünden.“

Aber Steindl-Rast hat nicht nur Bukolisch-Buddhistisches im Angebot. Es spricht auch tiefe Lebenserfahrung aus vielen seiner Betrachtungen, die – am Stundengebet und am Gregorianischen Choral aufgehängt – zeitlose Einsichten vermitteln. Er ruft dazu auf, jeden Tag als neue Chance zu sehen und zu nutzen: „Ganz egal, in was wir uns hineinmanövriert haben, genau der jetzige Augenblick kann der Beginn eines neuen Lebens sein. Gott hat uns vergeben, bevor wir überhaupt je Fehler begingen. Wir brauchen nur diese Vergebung anzunehmen und uns selbst zu vergeben, um einen völlig neuen Anfang zu machen.“ Es ist in der Tat gut benediktinisch und christlich, jeden Tag als neue Chance anzugehen – und das auch in der Vorbereitung auf den Tod: „Wenn wir etwas aus dem Tag gemacht haben, werden wir auch loslassen können. (...) Jedes Mal, wenn wir an unsere Sterblichkeit denken, wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass wir dann etwas tun, was uns wirklich glücklich macht und erfüllt.“ Zur Vesper heißt es bei ihm: „Wir rücken näher zusammen, wenn es dunkel wird. Die Stunde der Vesper ist ein Aufruf zur Nachbarlichkeit (...) Wenn das Gemeinschaftsbewusstsein, das den Gregorianischen Gesang prägt, zu einem stärkeren Füreinandersorgen führt, dann kann das ein großes Geschenk der Mönche an die Welt sein.“ Der Gebetszyklus des Tages mündet in die Komplet, dem eigentlichen Nachtgebet der Kirche. Nicht ohne Grund steht an ihrem Anfang eine Gewissenserforschung. Das, was einen dann bewegt, kann nicht nur das Bewusstsein des eigenen Versagens, es können auch die Dämonen der Nacht sein, die je eigenen Ängste, die den nächtlichen Beter heimsuchen. Dazu sagt der Mönch: „Wenn wir die Höhen des Glaubens erklimmen wollen, zu denen die Komplet uns aufruft, müssen wir unsere Ängste geradewegs anschauen und sie auf die einfache, aber direkte Frage zurückführen: Was eigentlich macht mir Angst? Wenn wir uns dieser Frage stellen, geben wir unseren Ängsten Gestalt und begrenzen sie, und das nimmt ihnen die Macht. Albträume üben nur so lange Macht über uns aus, wie sie undefiniert bleiben.“ Vielmehr soll man, meint der Autor, um gute Träume beten!

Es ist also Lebenshilfe, die der österreichisch-amerikanische Benediktiner anbietet, Ratschläge zu einer achtsamen Lebensführung, die sich am Stundengebet entzünden, aber weit darüber hinaus reichen. Die Gregorianik ist so etwas wie die Folie dafür – Reflexionen zur rechten Art des Singens wird man in seinem Buch vergebens suchen. Wohl aber zeitlose Einsichten zur rechten Lebensweise zwischen vita contemplativa und vita activa: „Der Kern der mönchischen Botschaft, die sich im Gregorianischen Gesang äußert, ist die außerordentliche Bedeutung der Zeit und wie wichtig es ist, wie wir mit ihr umgehen – wie wir den gegenwärtigen Augenblick, das, was gerade jetzt vor uns liegt, nutzen und darauf antworten.“ Genau das ist es, was jeder Christenmensch und jeder Mensch guten Willens vom uralt-bewährten Lebensrhythmus der Mönche lernen und mitnehmen kann. So mündet die verrinnende Zeit in die Ewigkeit.

David Steindl-Rast: Musik der Stille – Die Gregorianischen Gesänge und der Rhythmus des Lebens. Verlag Herder, Freiburg-Brsg./Basel/Wien, NA 2015, 156 Seiten, ISBN 978-3-451-31583-1,

EUR 16,99

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