Siegerin im Namen des Herrn

Eine umfassende Beitragssammlung widmet sich der Verehrung Mariens als „Patrona Bavariae“. Von Klaus-Peter Vosen
Sonnenschein in München
Foto: dpa | Die Mariensäule in München ist das Zentrum der Verehrung Mariens als Patrona Bavariae.
Sonnenschein in München
Foto: dpa | Die Mariensäule in München ist das Zentrum der Verehrung Mariens als Patrona Bavariae.

Am Christkönigssonntag geht das Fatima-Jubiläumsjahr offiziell zu Ende. Anlässlich der 100-jährigen Erscheinungen der Gottesmutter in Portugal konnten die Gläubigen ein Jahr lang den Jubiläumsablass gewinnen. Gleichzeitig brachte das Jahr 2017 ein weiteres Zentenarjubiläum: Im Jahre 1916 hat Papst Benedikt XV. die allerseligste Jungfrau zur Hauptpatronin Bayerns erhoben und ein entsprechendes Fest zu ihren Ehren gestattet. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass zwischen Fatima und der Patrona Bavariae eine interessante Verbindung besteht: Im Jahre 1917, am 14. beziehungsweise 20. Mai, also unmittelbar nach der ersten Erscheinung Mariens am Gnadenort in Portugal, wurde erstmals regulär mit entsprechenden liturgischen Texten das Fest der Patronin Bayerns gefeiert. Außerdem fallen sowohl das Dekret „Conspicua erga“ der Ritenkongregation, gleichsam die Proklamationsbulle der Schutzpatronin, wie auch die Engelserscheinungen von Fatima in das Frühjahr des Vorjahres, 1916.

Zwei Professoren der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten, Josef Kreiml und Veit Neumann, haben den lesenswerten Band „100 Jahre Patrona Bavariae“ herausgegeben. Er beleuchtet historische Aspekte der Marienverehrung in Bayern wie auch theologische und pastorale Akzente der Verehrung der Gottesmutter überhaupt. In einem dritten Teil kehrt das Werk dann zur lokalen Ebene zurück und geht auf Momente des Marienkultes, insbesondere Marienwallfahrtsstätten, in den Bistümern Regensburg und Augsburg ein. Ein Geleitwort von Bischof Rudolf Voderholzer und ein Vorwort der Herausgeber leiten das Buch, den ersten Band der Reihe „Regensburger Marianische Beiträge“, ein.

In Bezugnahme auf die Figur der „Patrona Bavariae“ auf dem Marienplatz in München schreibt Vorderholzer: „Sie verweist auf einen Mann, der als erster die Gottesmutter mit dem Christuskind auf dem Arm als Schutzfrau Bayerns angerufen hat. Der erste Kurfürst von Bayern, Maximilian I., ließ die Mariensäule im Jahre 1638 zum Dank für die Bewahrung vor der Zerstörung der Städte München und Landshut durch die schwedischen Truppen im Dreißigjährigen Krieg errichten. Es war die erste ihrer Art in Deutschland und sie sollte zum geistlichen Zentrum Bayerns werden. Alle Entfernungen im Land werden von ihr aus gemessen. Inmitten der Kriege spendete die über das Markttreiben erhöhte Gottesmutter der Bevölkerung Trost und Kraft. Sie ist zum Wahrzeichen der Marienverehrung in Bayern geworden. So ist sie auch der Zielpunkt der Wallfahrten zum 100-jährigen Jubiläum des Festes ,Patrona Bavariae‘ im Jahre 2017.“ Hier findet sich der historische Ursprung der Anrufung der Schutzfrau Bayerns dargestellt und zugleich auch der Bedeutungsrahmen ins Bewusstsein gehoben, den der Aufblick zur „Patrona Bavariae“ für das flächengrößte deutsche Bundesland seit bald 400 Jahren besitzt. Die Feier der Gottesmutter als Schutzpatronin unterstreicht, dass die Verehrung Mariens auch in unseren Tagen oft säkularisierten Lebens in Bayern lebendig ist und viele bewegt.

Der Kurfürst sah sich als Statthalter Mariens

Im historischen Teil des Bandes beschäftigt sich der Beitrag von Josef Ammer mit Entstehung und Rezeption des Hochfestes der Schutzfrau Bayerns. Florian Trenner schreibt sodann über den bereits erwähnten Vater der Verehrung Mariens als „Patrona Bavariae“, Kurfürst Maximilian I.. Dieser ging in der Sorge für die Bevölkerung seines Landes ganz auf. Maximilian, der auch einen Staatsbankrott abwehren konnte, war ein durch und durch marianischer Mann, ein eifriger Beter und Pilger zur Gottesmutter und Generalpräfekt aller marianischen Sodalitäten Deutschlands. Für ihn war Maria die eigentliche Herrscherin Bayerns, er selbst sah sich nur als Statthalter der Gottesmutter.

Julia Wächter untersucht in ihrem Aufsatz die „Siegesmotivik im Kontext der Patrona Bavariae“. Christliche Glaubenserfahrung sieht die Gottesmutter als „Siegerin in allen Schlachten Gottes“, und in ihrer Verehrung als Schutzpatronin Bayerns vereinen sich „Sieg- und Schutzmotivik“. Interessant sind im ersten Hauptteil des hier rezensierten Buches auch die Darlegungen von Veit Neumann zu den sechs diözesanen Wallfahrten in der Vorbereitung auf die 100-Jahr-Feier der römischen Erhebung Mariens zur Patrona Bavariae, zu denen die bayerischen Bischöfe aufgerufen hatten, und das von diesen Wallfahrten ausgelöste Presseecho. Es klingt positiv, wenn Neumann resümieren kann: „An der durchgehend neutralen und phasenweise positiven bis hin zu sehr positiven Berichterstattung durch die säkularen Regionalzeitungen, auch die mächtigen (…), zeigt sich – wenigstens am Beispiel einer nicht politischen und nicht ,glaubenspolitisch umstrittenen‘ Thematik –, dass die Verlagsverantwortlichen bis heute bereit sind, das Anliegen der christlichen Verkündigung indirekt mitzutragen, ohne dabei in kirchliches Verkündigungsfahrwasser zu geraten.“

Im zweiten, mehr allgemein theologischen und pastoralen Teil des Werkes finden sich ebenfalls in Fülle sehr beachtenswerte Beiträge, aus deren Gesamtheit hier – wie schon aus dem ersten Teil – nur einige hervorgehoben werden können. Es sei auf die Aufsätze von Kardinal Schönborn, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Manfred Hauke und Josef Kreiml verwiesen. Kreiml setzt in einem umfangreichen Beitrag die Gottesmutter zur Berufung der Frau insgesamt in Beziehung, und zwar nach der grandiosen Konzeption des heiligen Papstes Johannes Paul II., die besonders in seinem Apostolischen Schreiben „Mulieris Dignitatem“ von 1988 aufleuchtet. Und Manfred Hauke beendet seine Betrachtung der theologischen Grundlagen der geistlichen Mutterschaft Mariens mit jenem wegweisenden Zitat Papst Benedikts XVI. von 2007, das für die Lehrentwicklung der Kirche vielleicht noch einmal besondere Relevanz gewinnt: „Es gibt in der Heilsgeschichte keine Frucht der Gnade, die nicht als notwendiges Werkzeug die Vermittlung Unserer Lieben Frau hätte. […] Danken wir Gott dem Vater, Gott dem Sohn und Gott dem Heiligen Geist, von denen uns auf die Fürsprache der Jungfrau Maria aller Segen des Himmels kommt.“ Hierdurch tritt nicht zuletzt auch die große Sinnhaftigkeit der Verehrung Mariens als Patronin eines Landes, so als Schutzfrau Bayerns, mit besonderer Eindringlichkeit zutage.

Bayerns reiche Marienverehrung

Im dritten Hauptteil des Buches bieten schließlich die Beiträge insbesondere von Josef Kreiml und Karlheinz Sieber Aufschlussreiches zum Marienwallfahrtsort Bogenberg im Bistum Regensburg beziehungsweise zur Knotenlöserin in Sankt Peter am Perlach in Augsburg. Letztere hatte bekanntlich auf den späteren Papst Franziskus inspirierende Wirkung: Sieber notiert über den Heiligen Vater, der 1986 in Augsburg dem Bild begegnete: „Er war von der Aussagekraft des Motivs ergriffen und nahm Abbildungen des Gemäldes mit nach Buenos Aires, wo es – vielfach kopiert – heute sehr verehrt wird.“

Die einzelnen Beiträge zeigen, dass es sich beim Band „100 Jahre Patrona Bavariae“ um ein überaus facettenreiches Buch mit anregenden Thematiken handelt. Seine klare Ausrichtung findet es an der katholischen Glaubenslehre. Man darf im Übrigen wünschen, dass dieses Buch nicht nur in dem Gebiet Verbreitung findet, das der Schutzfrau Bayerns besonders anvertraut ist, sondern dass es seinen Weg in das ganze katholische Deutschland und auch nach Österreich und in die Schweiz macht.

Josef Kreiml/ Veit Neumann (Hg.):

100 Jahre Patrona Bavariae.

Marienverehrung in Bayern. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2017,

ISBN 978-3-7917-2892-6, 360 Seiten,

EUR 29,95

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