Seminar als ,,Ernstfall Gemeinde“

Das Collegium Willibaldinum in Eichstätt feiert vierhundertfünfzigjähriges Jubiläum. Von Reinhard Nixdorf
Foto: pde-Foto | Den Festgottesdienst zelebrierte der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes (Mitte) in der Schutzengelkirche.
Foto: pde-Foto | Den Festgottesdienst zelebrierte der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes (Mitte) in der Schutzengelkirche.

Eichstätt (DT) Die Vorbereitungen hatten 2012 begonnen, über tausend Einladungen wurden ins In- und Ausland geschickt, das Echo am Wochenende war überwältigend, galt es doch das Jubiläum des Eichstätter Priesterseminars der Diözese Eichstätt, des Collegium Willibaldinum zu feiern, das in diesem Jahr vierhundertfünfzig Jahre alt wird: Am Samstag waren zahlreiche Bischöfe nach Eichstätt gekommen, darunter die Bischöfe der Eichstätter Partnerdiözesen, Thomas Dabre aus Poona in Indien, Simon Ntamwana aus Gitega im ostafrikanischen Burundi und der Bischof von Leitmeritz Jan Baxant. An den Feiern nahmen auch der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes als Sondergesandter von Papst Franziskus, der Apostolische Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eteroviæ sowie der emeritierte Erzbischof von München-Freising, Friedrich Kardinal Wetter teil. Letzter hat eine besondere Beziehung zum Seminar: Er lehrte hier bis zu seiner Berufung zum Bischof von Speyer 1967 Fundamentaltheologie. Aber auch viele Priester, die im Collegium Willibaldinum studiert hatten, frühere Alumnen und Knabenseminaristen mit ihren Familien ließen sich das Fest nicht entgehen. Zwei Tage lang feierten die Eichstätter das Jubiläum – mit Gottesdiensten, einem Festakt und einem Tag der Offenen Tür.

1546 konstatierte der Eichstätter Generalvikar Willibald Frankmann einen „erschröcklichen defectum personarum in ecclesiis“ – einen erschreckenden Personalmangel in den Kirchen: Auf ein Siebtel war die Zahl der Weihekandidaten gesunken. Die Reformation hatte die katholische Kirche in eine existenzielle Krise gestürzt. Deshalb enthielt die Wahlkapitulation für Bischof Martin von Schaumberg die Forderung nach einer ,,Particularschule", um „leuth zu dem gaistlichen standt und ambt“ zu gewinnen. In dieser Lage war dem Bischof das Seminardekret des Konzils von Trient vom Juli 1563, das jeden Bischof zur Errichtung eines Seminars zur Priesterausbildung am Ort seines Bischofssitzes verpflichtete, hoch willkommen. Im November 1564 waren die Seminarkirche und das Seminargebäude fertiggestellt, fünf Professoren aus Ingolstadt bildeten den Lehrkörper. Das Collegium Willibaldinum nahm seine Arbeit auf – als erstes Tridentinisches Priesterseminar nördlich der Alpen.

Entsprechend würdigte der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes, der am Samstag als Päpstlicher Legat den Festgottesdienst in der vollbesetzten Schutzengelkirche, der Seminar- und Universitätskirche, zelebrierte, das vierhundertfünfzigjährige Bestehen des Eichstätter Priesterseminars als „bedeutsames Datum nicht nur der Diözese Eichstätt, sondern mindestens der katholischen Kirche Deutschlands, wenn nicht der Universalkirche“. Freilich dürfe das Jubiläum nicht dazu verleiten, „aus Festesfreude in wohliger Erinnerung zu schwelgen“, warnte Cordes. Der Mangel an Priesteramtskandidaten laste heute kaum weniger drückend auf Bischöfen, Priestern und Gläubigen als zur Zeit der Gründung des Collegium Willibaldinum.

Mögliche Priesteramtskandidaten würden aus verschiedenen Gründen verunsichert: „Da sind die Skandale der Pädophilie, die manchen erschrecken. Sie schaffen ein Klima von Animosität und wecken Scham.“ Innerkirchliche Querschläge kämen hinzu: „Schon nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bemerkten besorgte Hirten selbstkritisch: ,Das Konzil hat die Priester zerrieben zwischen den Laien und den Bischöfen‘.“ Zur Verunsicherung hätten aber auch „unglückliche und unhaltbare Stellungnahmen von renommierten deutschen Dogmatikern“ beigetragen, hob der Kardinal hervor: „Ein Beispiel eines Ordinarius der Theologie gefällig? Ich zitiere: ,In der Eucharistiefeier spricht der Priester als Rezitator, nicht als Person Christi und er kann nichts, was nicht andere auch können‘.“

Kein Realist könne die Augen vor dem Mangel an geistlichen Berufungen verschließen, sagte Kardinal Cordes. „Doch wird er uns nicht zu kurzatmigen Schnellschüssen oder larmoyantem Selbstmitleid verleiten.“ Auch gehe es nicht darum, die Wiederentdeckung des Laienapostolats durch das Zweite Vatikanische Konzil abzuwerten. Er habe in langen Jahren der Verantwortung im Päpstlichen Rat für die Laien die Früchte dieses Aufbruchs kennen- gelernt und begleitet.

Fraglos seien in der Kirche Strukturerneuerung und Verwaltungsreformen geboten, blieben die Sorge für die Armen und der brüderliche Umgang unentbehrlich. „Aber all das kann das geweihte Amt, das Gott selbst uns schenkt, nicht aufwiegen“, sagte Cordes. Denn Ersatzlösungen setzten auf Irdisches und machten oft Gott vergessen. „Darum wird das Jubiläum zum Anlass, den Glauben an den Rang des Ordo-Sakraments zu wecken; uns neu daran zu erinnern, dass der geweihte Priester unersetzbar ist. Geistliche Berufe reifen, sofern der Glaube in den Herzen der Hirten und in den Gemeinden lebt.“ Die Sorge um das Priestertum bestimmte auch den Vortrag des Bischofs von Münster, Felix Genn, auf dem Festakt im alten Stadttheater am Samstag. Felix Genn war früher Regens des Spätberufenenseminars Lantershofen und leitet heute die Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste der Deutschen Bischofskonferenz. Er frage sich, ob die immer größer werdenden pastoralen Räume die Seminaristen nicht überforderten: „Wird der Priester zum Manager? Ist er mehr Organisator und Verwalter als Seelsorger?“ Wo bleibe in der Rolle des Pfarrers noch die Möglichkeit, im Leitungsdienst, der oft mit Leitungsformen anderer Organisationen verglichen werden könne, die geistliche Dimension zu erleben? Und: „Wie ist in der Vielfalt der Ansprüche, die Menschen heute, vor allem im Bereich der Kasualien, immer individueller an den Priester stellen, noch Raum, um die erste priesterliche Berufung, nämlich zu Christus, dem Bräutigam der Kirche, zu gehören, leben zu können?“

In einer gewissen Weise sei das Seminar ein „Ernstfall Gemeinde“, meinte Genn. Doch frage es sich, wie heutige Seminarien diesem Anspruch gerecht würden: „Können wir uns in Deutschland noch so viele kleine Priesterseminare leisten? Braucht es nicht eine bestimmte Größe für eine Lerngruppe, damit diese Kirchenerfahrung gemacht werden kann?“ Es erscheine ihm notwendig, „sich endlich zu entscheiden, einige wenige größere Seminare in Deutschland zu bilden, die interdiözesanen Charakter hätten“. Nur dann sei gewährleistet, „dass die Lerngruppen so groß sind, wie sie für die Erfahrung einer kirchlichen Gemeinschaft und einer Glaubensgruppe ebenso notwendig sind wie für die Entwicklung gruppendynamischer Prozesse, die eine gegenseitige Erziehung gewährleisten, wie es sie zu allen Zeiten im Seminar gegeben hat.“ Solche Seminare, so Genn, „sollten durchaus an Studienorten sein, an denen es Fakultäten gibt. Zugleich sollten sie die Möglichkeit bieten, das ganze Jahr hindurch, selbstverständlich durch Ferienzeiten unterbrochen, eine integrative Ausbildung zu entwickeln, in welcher sich pastorale Erfahrung und Studium gegenseitig befruchten und prägen“.

In dieser Hinsicht verfügt das Collegium Willibaldinum über eine reiche Erfahrung. Immer wieder wurden hier in der Vergangenheit auch Priesteramtskandidaten anderer Diözesen mit ausgebildet – im Kulturkampf etwa oder in der Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Schematismus von 1948 verzeichnete Alumnen aus acht Orden und 25 Diözesen, darunter sechs litauische, vier ungarische und vier tschechische. Auch heute ist das Collegium Willibaldinum international – neben Studenten aus der Diözese Eichstätt trifft man etwa auch auf Priesteramtskandidaten afrikanischer Bistümer. Und mit dem Collegium Orientale beherbergt das Willibaldinum ein zweites Seminar, in dem Priesteramtskandidaten unterschiedlicher Ostkirchen studieren.

Ihnen allen gab der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke in seiner Predigt beim Festgottesdienst am Sonntag einen theologischen Impuls mit auf den Weg. „Die Kirche als priesterliches Volk Gottes braucht den sakramental bestellten Priester, um nicht zur Organisation zu degenerieren“, betonte Hanke. Der Priester habe der Berufung, allen zu einem Leben in und aus der Beziehung zu Gott zu dienen. „Und deswegen gibt es ein Seminar. Darauf muss die Seminarausbildung sich ausrichten. Die von Christus am Kreuz errichtete Brücke der Liebe zwischen Gott und seiner Schöpfung soll im Leben der Menschen Gestalt annehmen. Der Priester hat Geburtshilfe für die liebende Begegnung zu leisten.“

Ein Priesterseminar könne weder als Lehrlingsheim kirchlichen Kultpersonals noch als bloßes pastorales Kompetenzzentrum, schon gar nicht als Kaderschmiede geführt werden, betonte der Bischof. „Sicherlich benötigt ein Priester heute zur Verwirklichung seiner Aufgaben vielfältige Kompetenzen“, sagte Hanke. Den priesterlichen Dienst aber nur an Kompetenzen festzumachen wäre ebenso kurz gedacht, wie Heiratswilligen bei der Vorbereitung auf die Ehe nur Kompetenzen vor Augen zu stellen, ohne der Liebe Aufmerksamkeit zu schenken. Als geistliche und ganzheitliche Schule der Menschwerdung müsse das Seminar das Berührtsein von Christus erfahrbar machen und das Verlangen danach stärken.

Auf eine Grundhaltung zielte dieser Impuls des Bischofs ab, nicht eine uniforme Spiritualität. „Wir sind verschiedene Typen“, sagte ein junger Seminarist, der sich am Tag der Offenen Tür am Sonntagnachmittag Fragen zur Priesterausbildung stellte. „Es gibt keinen einheitlichen Seminaristen. Ich werde auch andere Menschen ansprechen und andere Milieus erreichen als mein Kollege. Und zur Klugheit unseres Bischofs gehört, dass er uns in den Pfarreien so verteilt, dass wir unsere Talente und Eigenschaften am besten entfalten können.“

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