Sein zeigt sich als Gewolltsein

In seinem neu erschienenen Hauptwerk zeigt der Philosoph Jörg Splett, wie die christliche Philosophie der Glaubensbotschaft dienlich sein kann. Von Michael Karger
Foto: KNA | Jörg Splett während seines Vortrags zum Thema „Christentum als Aufklärung“ beim diesjährigen Katholikentag in Leipzig.

Im Verlag der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz ist eine Sammlung von 20 Aufsätzen des Religionsphilosophen Jörg Splett erschienen. Der Verfasser hat seine Auswahl aus Einzelveröffentlichungen der letzten 15 Jahre unter den Titel „Philosophie für die Theologie“ gestellt. Der Band soll „etwas von der Breite und Vielfalt der Möglichkeiten zeigen, wie christliche Philosophie der Glaubensbotschaft und deren theologischer Reflexion dienlich sein kann“.

Hinter der für Jörg Splett bezeichnenden Bescheidenheit der Ankündigung verbirgt sich eine umfassende christliche Anthropo-Theologie, die dem philosophischen Hauptwerk Spletts, „Freiheits-Erfahrung“ (1986), gleichrangig und ergänzend an die Seite gestellt werden darf. Bewusst bezieht sich „Philosophie für die Theologie“ auf die mittelalterliche Vorstellung von der Philosophie als der Dienstmagd der Theologie. Darauf hat Immanuel Kant bekanntlich geantwortet, dass, selbst wenn man der Theologie diesen „stolzen Anspruch“ ließe, immer noch die Frage bliebe, ob die Philosophie „ihrer gnädigen Frau die Fackel voranträgt oder die Schleppe nachträgt“, wenn man ihr nur nicht „den Mund zubindet“. Für Splett sind Philosophie und Theologie keine Gegensätze. Philosophie als methodisch-kritische Reflexion von Grundfragen mittels der natürlichen Vernunft geschieht bei Gläubigen und Ungläubigen nicht voraussetzungslos. Entscheidend ist, dass die jeweiligen Voraussetzungen mitreflektiert werden. Für den christlichen Philosophen ist der Glaube eine Lebensvoraussetzung – seine Perspektive auf die Welt. Für Splett gehört der Glaube zum „Entdeckungszusammenhang“, nicht aber zum „Begründungsinstrumentar“ seines Denkens.

Offensiv tritt Splett einer Abqualifizierung christlicher Philosophie als Un-Philosophie etwa durch Martin Heidegger („hölzernes Eisen“) entgegen und erinnert daran, dass eine Philosophie, die weder Mythos noch Theologie kennt, nicht mehr das ist, was seit Platon und Aristoteles unter Philosophie verstanden worden ist. Der Bucheinband zeigt den Philosophen, wie er den Drei-Bezug „Ich-Du-Gott“ anschreibt und erläutert. In dieser Struktur-Formel ist die Zielthese des gesamten Bandes, ja des Denkens von Splett insgesamt enthalten: Nicht bereits das im zwanzigsten Jahrhundert entdeckte Ich-Du, auch nicht das Kollektiv ist das Grundmaß von Freiheits-Erfahrung, sondern das Drei-Gespräch.

Eigenständigkeit und Gemeinschaft zwischen den Menschen und zu ihrem Gott bleibt nur in der höheren Einheit von Ich-Du-Gegenüber gewahrt. Dabei ist Gott der Grund dieses Bezuges, der sich in Schöpfung (Anruf erschafft Person) und Erlösung (Gnadenanruf Jesu Christi) selbst zum Partner des Menschen macht. Wer Gott als Liebe denkt, muss ihn philosophisch als Selbst-Verhältnis denken, als Person-Gegenüber und trinitarisches Mit-Sein. „Gottes Dreieinigkeit denken“ ist Thema des sechsten Kapitels, das sich auch dem Glaubensbegriff zuwendet: So wenig wie die Anerkennung des Anderen als Jemand als Hypothese oder Theorie verstanden werden darf, so wenig ist auch der religiöse Glaube ein bloßes Vermuten oder Für-Wahrscheinlich-halten. In beiden Fällen geht es um Kommunikation zwischen Personen. Christlicher Glaube ist kein bloß subjektiver Vertrauensglaube, sondern ein objektiv zu verstehender Credo-Glaube, der sich in Bekenntnissätzen aussagt.

Nicht die Bergpredigt, sagt Splett, bilde das Zentrum des Glaubens, sondern das Bekenntnis zur ergangenen Heilsinitiative Gottes in der Geschichte: „Jesus Christus ist der Herr.“ Ansatzpunkt für den „Gottesbeweis“ ist bei Splett nicht der Blick auf die Welt, sondern die sittliche Erfahrung („Das ist mir näher, weil es uns näher ist“). Zur sittlichen Erfahrung gehört das Bewusstsein, im Gewissen von einem unbedingten Anspruch getroffen zu sein: „Das Gute soll unbedingt sein. Das Böse auf gar keinen Fall.“ Die Unbedingtheit dieses Anspruchs wird als Anruf erfahren, dem antwortend Verehrung gebührt. Darum wird Gott definiert als „das Wovon-her des so einsichtigen wie kategorisch-unbedingten ,Gut-Sein-Sollens‘“. Nicht irgendwelche Werte, von denen kein Anspruch ausgehen kann, sondern das sittliche Bewusstsein ist Inhalt der Ethik.

Von innerkirchlich gegenwartskritischer Dringlichkeit sind die ebenfalls im sechsten Kapitel zu findenden Klarstellungen zum Wesensverhältnis von Gerechtigkeit Gottes und Barmherzigkeit Gottes. Splett weist darauf hin, dass „Fünf gerade sein lassen“ von Platon bis Kant als „blasphemisch“ verworfen wird, und auch nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes erwartet der Heilige in seiner Gegenwart Heiligkeit: „Gott in seiner Güte will nicht so sehr, dass es uns gut gehe, wie, dass wir gut seien.“ Wahre Liebe ist unerbittlich: Täter müssen mit der Schuld und ihren Opfern konfrontiert werden, „wobei sie dies im Ruf zu Reue und Vergebungsbitte als Barmherzigkeit erfahren“.

Am Anfang des ersten Kapitels steht die Wahrheitsfrage. Wahrheit, „das Da (-Sein) von etwas oder jemandem für (jemanden)“, zwingt den Menschen nicht, aber ihr hoheitlicher Anspruch fordert von dem, den er trifft, Wahrheitspflicht und Wahrheitsdienst.

Von Leiblichkeit und Mitmenschlichkeit als den zwei Dimensionen der Freiheit handelt das zweite, dem Personbegriff gewidmete Kapitel. Vom Philosophen wird die vielfach schöpfungsvergessene Theologie an die eminente Bedeutung des Glaubenssatzes von der Schöpfung aus dem Nichts zur Begründung des Gewolltseins jedes Menschen („Jeder ist gerufen, keiner ist passiert“) erinnert.

Im dritten Kapitel („Leid, Glück, Dank“) wird gezeigt, wie wenig die Gesundheit als heutiger höchster Wert auf die Frage „Wozu lebe ich?“ eine Antwort geben kann. Demgegenüber bestimmt Splett den Menschen geradezu als das Wesen, „dem sein Leben nichts mehr wert ist, wenn ihm nichts mehr wert ist als sein Leben“. Auf die Frage: „Wenn Gott ist, woher kommen Übel und Leid?“ antwortet der Glaubende mit der Überzeugung „Gott werde sich verantworten können, auch wenn er nicht sagen kann wie.“

Im vierten Kapitel („Eros, Ehe, Ethik“) wird die Skepsis gegenüber Sexus und Eros im Christentum nicht einseitig als bloße „Leibfeindlichkeit“ wegerklärt, sondern damit begründet, dass weder Eros noch Sexualität für sich genommen „über den Horizont von Begehren und Faszination hinaus“ so etwas wie personale Treue kennen.

Kunst und Dichtung werden im fünften Kapitel thematisiert. Im abschließenden siebten Kapitel wird der Buchtitel umgekehrt und nach der Dienlichkeit der Theologie für die Philosophie gefragt. Unter anderem wird dabei auf die bleibende Herausforderung der Philosophie durch den in der Theologie entwickelten Personbegriff hingewiesen. Vorangestellt ist dem Band eine Laudatio von Bischof Rudolf Voderholzer auf seinen philosophischen Lehrer Jörg Splett. Die Rede wurde 2014 anlässlich der Ehrenpromotion von Splett zum Doktor der Theologie durch die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Augsburg gehalten.

Thematische Fülle und argumentative Klarheit der von Splett vorgelegten philosophischen Daseinsinterpretation überzeugen. Nicht zuletzt tragen dazu die zahlreichen Begriffsbestimmungen bei, denn: „Allererst gilt es, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Darum ist Sprachkritik […] seit je eine Hauptaufgabe der Philosophie und eine Grund-Voraussetzung seelisch-geistiger Gesundheit und Gesundung.“ In einer Zeit, in der Christentum auch innerkirchlich und mit verheerenden Folgen mit Humanismus gleichgesetzt wird, ist Jörg Splett für seinen Wahrheitsdienst zu danken: Sinnspitze christlichen Glaubens ist es, sich von der Heiligkeit und Hoheit dessen ergreifen zu lassen, „dem nicht bloß Respekt und Verehrung, sondern Anbetung gebührt.“

Jörg Splett: Philosophie für die Theologie. Herausgegeben von Peter Hofmann und Justinus Pech OCist. Be & Be Verlag Heiligenkreuz im Wienerwald 2016, geb., 412 Seiten, EUR 27,90

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