Seelsorger aus der Diaspora

Zum Tod des Berliner Alterzbischofs Georg Kardinal Sterzinsky. Von Regina Einig
Foto: KNA | Sein Wahlspruch lautete: Deus semper major: Georg Kardinal Sterzinsky.
Foto: KNA | Sein Wahlspruch lautete: Deus semper major: Georg Kardinal Sterzinsky.

Würzburg (DT) Dass Ruhestandspläne deutscher Mitraträger schnell durchkreuzt sind, musste der Berliner Alterzbischof Georg Kardinal Sterzinsky im vergangenen Herbst erfahren. Da fiel in Rom die Entscheidung Benedikts XVI., im September 2011 erstmals Berlin zu besuchen. Ein Papstbesuch im Hauptstadtbistum ohne Oberhirten konnte sich an der Spree niemand so recht vorstellen. So hatte dann auch Kardinal Sterzinsky zwar seinen Rücktritt gemäß dem Kirchenrecht pflichtgemäß zu seinem 75. Geburtstag am 9. Februar eingereicht, doch erwarteten Mitarbeiter und Gläubige, dass er mit Blick auf den Papstbesuch noch über die Altersgrenze hinaus an Bord bleiben würde.

Seine schwere Erkrankung und zwei Operationen, denen ein künstliches Koma folgte, wendeten das Blatt. Am 24. Februar nahm der Papst das Rücktrittsgesuch des Berliner Erzbischofs an, der von 1989 an als Nachfolger Joachim Kardinal Meisners die Geschicke der Katholiken an der Spree geleitet hatte. Nach langer schwerer Krankheit starb Kardinal Sterzinsky am Donnerstagmorgen. Das Requiem findet am 9. Juli um 15 Uhr in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale statt.

Ideologische und politische Auseinandersetzungen um die katholische Kirche inmitten einer Diasporasituation hatten ihn durch das Leben begleitet. Der im Ermland geborene Ostpreuße erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg die Schrecken der Vertreibung und wuchs in Thüringen auf. 1960 empfing er in Erfurt die Priesterweihe. Zwanzig Jahre lang wirkte der spätere Kardinal in der ordentlichen Seelsorge – ein Ausnahmefall in einer deutschen Bischofsbiografie. 1981 holte Bischof Joachim Wanke Pfarrer Sterzinsky von Jena als Generalvikar nach Erfurt. Kurz vor dem Mauerfall sollte der am 9. September 1989 im noch geteilten Berlin zum Bischof geweihte Sterzinsky seine Lebensaufgabe anpacken: das Hauptstadtbistum in eine neue kirchenpolitische Ära zu führen. In den turbulenten Jahren nach der Wende, in denen auch die Christen in Ost und West mitunter fremdelten, bedeutete das Herkulesarbeit. Die neue Freiheit wurde in der Berliner Ortskirche von der Finanzmisere überschattet. Als das 1994 von Johannes Paul II. zur Erzdiözese erhobene Hauptstadtbistum mehr als hundert Millionen Euro Schulden angehäuft hatte, mussten andere Bistümer einspringen. Dem nach der Jahrtausendwende vor der Zahlungsunfähigkeit stehenden Erzbistum wurde ein radikaler Sparkurs verordnet. Entlassungen kirchlicher Angestellter und der Verkauf von Kirchengebäuden machten Schlagzeilen. Bemerkenswert war damals das Wohlwollen der Berliner Katholiken gegenüber ihrer Bistumsleitung. Mochten sich andere Diözesanbischöfe im deutschsprachigen Raum nach unglücklichen Entscheidungen lautstarken öffentlichen Rücktrittsforderungen ausgesetzt sehen, im multikulturell-katholischen Berlin reagierten die Gläubigen relativ gelassen. Spendenaufrufe der Diözese verhallten keineswegs ungehört.

Der 1991 zum Kardinal kreierte Sterzinsky leitete in der Deutschen Bischofskonferenz die Kommission für Ehe und Familie sowie die Unterkommission „Frauen in Kirche und Gesellschaft“. Zudem war er stellvertretender Vorsitzender der Migrationskommission. In gesellschaftlichen Debatten blieb er eher zurückhaltend, während beispielsweise die evangelische Kirche mit Margot Käßmann und Wolfgang Huber jahrelang ein wahres Medienfeuerwerk am politischen Himmel entzündete. Profilierungsversuche auf der Berliner Polittheaterbühne schienen ihm zuwider zu sein. Talkshows mied er, wissenschaftliche Debatten waren auch nicht seine Welt.

Als 1999 die Debatte um die gesetzliche Schwangerenkonfliktberatung einen tiefen Keil in die katholische Kirche in Deutschland trieb, folgte Sterzinsky der Aufforderung des Papstes nach einem Ausstieg der kirchlichen Beratungsstellen aus dem staatlichen System. Eine in liberalen Kirchenkreisen erhoffte antirömische Achse Berlin-Limburg kam nicht zustande.

Wie scharf der Berliner Wind den Christen in der Hauptstadt ins Gesicht blies, erlebte Sterzinsky in seinen letzten Lebensjahren bei seinem oft erfolglosen Einsatz für den katholischen Religionsunterricht im Rahmen der Initiative „Pro Reli“ und in den Auseinandersetzungen um den Lebensschutz. Vor der Bundestagsabstimmung über die Verschiebung der Stichtagsregelung im April 2008 appellierte er an die Abgeordneten. Jedes Aufweichen des Lebensschutzes führe zu Dammbrüchen im Bewusstsein einer Gesellschaft, warnte der Berliner Erzbischof. Wenn man menschliche Embryonen töten dürfe, dürfe man auch abtreiben oder unheilbar Kranken die Todesspritze geben. Beim „Marsch für das Leben“ des Bundesverbandes Lebensrecht setzte Sterzinsky 2010 ein Zeichen und kam zum ökumenischen Gottesdienst.

Dass er als Erzbischof von Berlin auch weltkirchlich eine Rolle zu spielen hatte, wurde im Ausland bisweilen sorgfältiger registriert als in Deutschland. Als Merkels Papstrüge in der emotional aufgeheizten Atmosphäre nach dem „Fall Williamson“ viele Katholiken verärgerte, meldete sich der Kardinal zum Erstaunen vieler Christen in einem Boulevardblatt zu Wort: Mit einem Interview, das mehr Verständnis für Benedikts Kritiker durchblicken ließ als für den Nachfolger Petri.

Oft unbeschwerter verliefen seine Auftritte außerhalb Deutschlands: Beim Weltfamilientag in Valencia 2006 und beim Internationalen Treffen für die christliche Familie 2009 in Madrid genoss er das fröhliche Fest mit jungen Gläubigen aus vielen Nationen als einer unter wenigen deutschen Katholiken. In gewissem Sinn wirkten diese Auftritte, die der Kardinal als deutscher Familienbischof wahrnahm, wie ein wortloser Kommentar zur Situation der Kirche in Deutschland.

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