Schüler mit religiösem Sensor bevorzugt

Katholische Bildungseinrichtungen (12) – Das Canisius-Kolleg in Berlin ist keine Eliteschule für Reiche

Direkt am Tiergarten, mitten im Zentrum Berlins und in unmittelbarer Nähe zahlreicher ausländischer Botschaften, liegt das Canisius-Kolleg – das erste katholische Gymnasium und sicherlich eine der bekanntesten Schulen in der Hauptstadt Deutschlands. Die von Insidern liebevoll CK genannte Ordensschule der Jesuiten blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, in der sich der Verlauf des vergangenen Jahrhunderts wie in einem Brennglas bündelt.

Bekannt ist, dass sich der Katholizismus in der Diaspora nicht immer leicht tat. So konnten sich die Jesuiten nach mehreren Versuchen, in der Hauptstadt Preußens Fuß zu fassen, erst nach der Aufhebung des Ordensverbots 1917 in Berlin niederlassen. Nicht zuletzt auf Drängen von Bernhard Lichtenberg, der damals als Seelsorger in Charlottenburg wirkte, gründeten sie zu Beginn der zwanziger Jahre in diesem Bezirk die Pfarrei St. Canisius – schon mit der Absicht, eine katholische Schule aufzubauen. Diese wurde zu Ostern 1925 nach langen Verhandlungen endlich eröffnet. Wegen Bedenken der zuständigen Behörden, die mehrheitlich evangelische Bevölkerung zu verärgern, durfte die Schule allerdings noch nicht den Namen des Zweiten Apostels Deutschlands tragen. So lernten die ersten Schüler im „Gymnasium am Lietzensee“.

Den Nationalsozialisten war die katholische Schule natürlich ein Dorn im Auge, so dass diese ab 1936 sukzessive abgewickelt wurde und 1940 vorzeitig den Lehrbetrieb einstellen musste. Ein übriges tat der Bombenkrieg, durch den die Gebäude völlig zerstört wurden. Doch bereits im Juni 1945 erwirkte man bei den Besatzungsbehörden die Genehmigung, das Gymnasium wieder zu eröffnen. Da noch kein Schulgebäude vorhanden war, begann der Unterricht zunächst mit hundert Schülern, die in acht Gruppen über die ganze Stadt verstreut waren. Auf der Suche nach einem geeigneten Schulgebäude stieß man auf die 1936 erbaute Repräsentanz der Firma Krupp in der Tiergartenstraße. Eine besondere Rolle bei der notwendigen ideellen und materiellen Unterstützung des Projekts spielte Papst Pius XII.

Nuntius Eugenio Pacelli leistete Geburtshilfe

Als Nuntius in Berlin hatte Eugenio Pacelli die Anfänge der Schule miterlebt, als Kardinalstaatssekretär 1933 das Reichskonkordat mit der Reichsregierung ausgehandelt, das die Nazis durch die Schließung der katholischen Schulen verletzt hatten. Nun steuerte er einen ansehnlichen Betrag zu der Geldsammlung bei, damit das ins Auge gefasste Gebäude erworben werden konnte. Am 1. Oktober 1947 begann das – nunmehr Canisius-Kolleg genannte – Gymnasium mit seinem Unterricht im noch total verwüsteten Tiergarten.

Heute werden etwa 850 Schülerinnen und Schüler – seit 1974 werden auch Mädchen aufgenommen – von 69 Lehrern, darunter sechs Jesuiten unterrichtet. Die Erinnerung an die schlimmste Zeit wird auf dem Schulgelände mit einer Dokumentation im Alfred-Delp-Haus wachgehalten, das als Jugendgästehaus genutzt wird. Wegen des Jesuitenpaters Alfred Delp, der mit seinen Freunden aus dem Kreisauer Kreis von den Nazis gehängt wurde, besteht auch eine besondere Verbindung des Kollegs zur Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in der Nähe der Hinrichtungsstätte Plötzensee.

Das Canisius-Kolleg ist eine staatlich anerkannte Schule in freier Trägerschaft. Schulträger ist die Canisius-Kolleg GmbH, an der wiederum die Deutsche Jesuitenprovinz die Mehrheit hält. Als Vertreter des Schulträgers vor Ort und Oberer des Kollegs, das aus der Schule und der Gemeinschaft christlichen Lebens (GCL) besteht, fungiert der Rektor. Dagegen wird das Gymnasium von der Schulleiterin geführt – eine besondere Struktur, die die Meinungsbildungs- und Abstimmungsprozesse im Interesse einer größeren Autonomie des Kollegs erleichtert. Rektor Pater Klaus Mertes SJ, der das Kolleg seit 2000 leitet, erläutert im Gespräch mit der Tagespost die Vorteile dieser Struktur sowie einer eigenen Schulordnung. „Als Vertreter des Schulträgers bin ich Arbeitgeber und kann Verträge mit den Eltern oder den volljährigen Schülern schließen. Ich kann zeitnah über Investitionen entscheiden oder – besonders in der Sekundarstufe I – Akzente bei der Stundentafel setzen und zum Beispiel eine Stunde pro Woche für pädagogische Fragen anordnen.“ Keine Hürden gebe es, Vertretungsanstellungen zu organisieren, ebenso einfach sei der Einsatz von flexiblen Instrumenten bei disziplinarischen Problemen – alles Dinge, die bei staatlichen Schulen wesentlich langwieriger und bürokratischer dauerten. Die Finanzierung der Schule erfolgt zu etwa zwei Dritteln über die Refinanzierung der Lehrergehälter durch den Staat, der Rest setzt sich aus dem Schulgeld von monatlich 65 Euro sowie Zuschüssen der Jesuiten zusammen. „Betteln ist unser Dauergeschäft“, sagt Mertes.

Das aus den Gründerjahren des Ordens stammende Bildungsideal, Menschen auf die Übernahme von Verantwortung für sich selbst, für die Kirche und die Gesellschaft vorzubereiten, ist in den neunziger Jahren in vier Grundsätze jesuitischer Pädagogik für den deutschen Sprachraum umformuliert worden. Demnach sollen Jesuitenschulen Orte sein, an denen die Schüler ihre Würde als Mensch erfahren, über die Bedeutung des Gelernten reflektiert wird, die Frage nach der Gerechtigkeit gestellt sowie die Frage nach Gott wachgehalten wird.

Mertes dekliniert diese vier Grundsätze in Bezug auf die tägliche Schulpraxis durch. Würde sei zu erfahren in der Lehrer-Schüler-Beziehung. „Würde heißt aber auch lernen, zu seiner Meinung zu stehen oder einmal Nein zu sagen und Verantwortung für andere zu übernehmen. Außerdem ist der gesamte Komplex Schuld, Schuldfähigkeit, Verzeihung, schließlich auch die Beichtpraxis, ein Aspekt von Würde.“ Zum zweiten Grundsatz der Reflexion gehöre ein Bildungsbegriff, der nicht allein um die Ansammlung von Wissen, sondern auch um die Kenntnis von Zusammenhängen bemüht sei – ganz gemäß dem ignatianischen Grundsatz: Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verkosten der Dinge von innen her. „Daher ist die Zeit zu reflektieren und das Gespräch im Unterricht genauso wichtig wie die angebotenen Exerzitien, in denen die Schüler lernen zu ,spüren‘ und auf ihre Affekte zu reagieren.“ Dass das Canisius-Kolleg allen sozialen Schichten offen- steht, im Einzelfall durch Übernahme des Schulgelds durch einen Sozialfonds, ist für Mertes eine Ausprägung des dritten Grundsatzes der Gerechtigkeit. „Gerechtigkeit heißt darüber hinaus, die ärmeren Eltern nicht von den reicheren abhängig zu machen, beispielsweise bei der Auswahl von Klassenfahrten. Die Soziallehre der Kirche muss auch gelebt werden.“

Die Schüler erhalten dazu Gelegenheit in einem verpflichtenden Sozialpraktikum bei einer Institution, wo sie – zum Beispiel in einer Behinderteneinrichtung – für mehrere Wochen die Welt aus der Sicht benachteiligter Menschen kennenlernen.

Markus Gehlen, Lehrer für alte Sprachen, Französisch und katholische Religion, bestätigt diese Grundsätze aus dem eigenen Erleben: „Der besondere Geist oder Stil, der das Canisius-Kolleg prägt, zeigt sich nicht nur zwischen Schülern und Lehrern, sondern herrscht auch bei den Schülern untereinander. Dieser spürbare Respekt, eine Art gegenseitiges Wohlwollen, wird dabei nicht ständig thematisiert oder durch Sanktionen erzwungen, sondern auf natürliche Art weitergegeben.“ Sichtbares Zeichen dieser inneren Haltung sei das „Mitfühlen“ und die Hilfsbereitschaft gegenüber leistungsschwächeren und generell gegenüber jüngeren Mitschülern. Dazu gehörten die Freizeitaktivitäten und Sommerlager der GCL, einer katholischen Jugendorganisation, in der sich die Schülerinnen und Schüler freiwillig und eigenverantwortlich organisieren. Hervorzuheben sei auch das Zusammengehörigkeitsgefühl, das die alten CK-ler oftmals Zeit ihres Lebens mit der Schule verbinde.

Und die Frage nach Gott? Gut fünfzehn Prozent der Schüler des Canisius-Kollegs sind evangelisch und erhalten einen eigenen Religionsunterricht, die übrigen – auch die etwa zehn Prozent Ungetauften – nehmen am katholischen Religionsunterricht teil, der bis zum Abitur verpflichtend ist. Gottesdienste bei aktuellen Ereignissen, wie zum Beispiel nach dem 11. September 2001 oder nach dem Tod eines Mitschülers, aber auch die Ereignisse im Kirchenjahr, haben einen hohen Stellenwert. Die Schüler werden in elementare religiöse Vollzüge eingeführt, etwa durch gemeinsames Schweigen oder die Einübung einer Körperhaltung beim Beten. Großer Wert wird auf gemeinsame Veranstaltungen und ökumenischen Austausch gelegt. Die Beziehung der Konfessionen untereinander ist unverkrampft, wie Gehlen zu berichten weiß: „Oft sagen mir evangelische Schüler von sich aus, dass sie sich in keiner Weise diskriminiert, sondern angenommen und verstanden fühlen. Und ein türkisches Mädchen in meiner Klasse erzählt – während die anderen Schüler üblicherweise ihren Geburtstag feiern – anlässlich des muslimischen Zuckerfestes von ihrem Glauben.“

Beim Aufnahmeverfahren werden Schüler mit einem religiösen „Sensor“ bevorzugt. Dies können Schüler sein, die mit den Eltern vielleicht den Bezug zur eigenen Pfarrgemeinde verloren haben, aber dennoch auf der Suche sind. Hier haben nach Ansicht von Mertes gerade die Ordensschulen eine einzigartige missionarische Chance:

Gesunde Konkurrenz – davon profitiert auch die Kirche

„In der Schule begegnen wir dem Leben in all seinen Facetten ungefiltert – mit der Not von Patchworkfamilien, mit den pubertären Problemen der Jugendlichen oder bei der Begleitung von Eltern mit ihren Erziehungsproblemen. Als katholische Schule und damit kirchliche Institution stehen wir mitten im gesellschaftlichen Prozess und müssen uns bewähren. Diese Konkurrenzsituation tut der Kirche nur gut.“ Noch ein zweites Kriterium sieht der Jesuitenrektor als Alleinstellungsmerkmal des kirchlichen Schulprofils: „Die kirchlichen Schulen sind die einzige nennenswerte Kraft in der Gesellschaft, die der zunehmenden Ökonomisierung der Bildungslandschaft etwas entgegenstellen kann. Wir betrachten Bildung nicht in erster Linie als Mittel, um möglichst erfolgreiche Absolventen und Karrieren zu produzieren, sondern um den Charakter der uns anvertrauten Jungen und Mädchen auszubilden. So gesehen betreiben wir einen Dienst an der Seele der Jugendlichen.“

Lehrer Gehlen weiß natürlich um vereinzelte Auswüchse dergestalt, dass Eltern ihre Sprösslinge zu Überfliegern ausbilden lassen wollen. Insgesamt sieht er jedoch bei den meisten Eltern die Sorge um die Erziehung ihrer Kinder im Vordergrund: „Die Eltern unserer Schüler hoffen auf eine fachlich und menschlich solide Erziehung. Auf dieser Grundlage treffen sich unsere gemeinsamen Anliegen, und so empfinde ich die Beziehung zwischen Schule und Elternhaus als weitgehend harmonisch. Davon profitiert das Canisius-Kolleg als ganzes.“ Reserviert zeigt sich der Rektor gegenüber Klassifizierungen des Gymnasiums, zu dessen Absolventen beispielsweise der ehemalige Berliner Kardinal Bengsch zählt, als einer renommierten Vorzeige- oder Eliteschule. „Solche Beschreibungen widersprechen unserem Selbstverständnis und können zu Dünkel bei Schülern und Eltern führen“, sagt er.

Richtig ärgern kann sich Mertes, wenn von interessierter Seite die üblichen Klischees über katholische Privatschulen im allgemeinen und Jesuitenschulen im besonderen verbreitet werden. Weniger der Vorwurf, eine Schule zur Auslese für den Ordensnachwuchs als vielmehr eine „Eliteschule nur für Reiche“ zu betreiben, empfindet der Ordensmann als ungerecht. Auch dass die freien Schulen vom Berliner Senat – wieder einmal – benachteiligt werden und kein Geld aus dem aktuellen 50-Millionen-Euro-Sanierungspaket erhalten sollen, verstößt seiner Meinung nach gegen die Fairness. Dabei wird der Andrang zum Canisius-Kolleg immer größer. Auf 90 freie Plätze kamen bei der letzten Einschulung 370 Bewerber. So macht den Rektor die Politik des Senats nur trotzig: „Das Canisius-Kolleg wird seiner alten Devise treu bleiben, mit der es sich schon immer in Berlin behauptet hat: Arm, aber frei.“

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