Schlag unter die Gürtellinie

Auch Kirche und Vatikan geraten in den Strudel des Streits um Berlusconi

Rom (DT) Italien ist am vergangen Wochenende aus dem Urlaub zurückgekehrt – und der Vatikan sowie die Kirche des Landes in die tiefsten Niederungen der Politik. Sollte Papst Benedikt, der sich noch in der Sommerresidenz in Castel Gandolfo aufhält, gestern in einen Pressespiegel geschaut haben, wird er erstaunt festgestellt haben, dass zwischen ihm beziehungsweise den italienischen Bischöfen und der Regierung Silvio Berlusconis tiefschwarze Wolken aufgezogen sind. Und wenn dabei sein Blick auch auf die gestrige Ausgabe des „Wall Street Journals“ in den Vereinigten Staaten fällt, muss er die sechsspaltige Schlagzeile lesen: „Der Heiligte Stuhl demütigt Berlusconi“. Hoffentlich sagt ihm dann jemand, dass das einflussreiche Blatt zur Dow Jones-Gruppe des anderen Medienmoguls Rupert Murdoch gehört, ein Todfeind des hiesigen Medienmoguls Silvio Berlusconi.

Die Strippenzieher hinter dem jüngsten italienischen Kirche-Staat-Skandal sind wie immer schwer auszumachen – und es ist auch nicht ganz klar, wie es dazu kam, dass der italienische Ministerpräsident am vergangenen Freitag nicht zur „Perdonanza Celestiniana“ erschien, dem Beginn der auf Papst Cölestin zurückgehenden Ablass-Woche des „Großen Vergebens“ in der Erdbebenstadt L'Aquila, die Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone mit einer Messe vor der schwer beschädigten Basilika Collemaggio eröffnete.

Ursprünglich war dort ein Treffen Bertones mit Berlusconi vorgesehen. Doch das geplante Abendessen, zu dem Erzbischof Giuseppe Molinari von L'Aquila eingeladen hatte, wurde kurzfristig abgesagt. Der Premier habe eine Instrumentalisierung vermeiden wollen, hieß es in einem Vatikan-Kommunique. Vielleicht war es aber auch der Kardinalstaatssekretär, dem die Begegnung nicht mehr „opportun“ erschien. Denn am gleichen Tag war die der Familie Berlusconi gehörende Tageszeitung „Il Giornale“ mit einem Aufmacherartikel auf Seite eins herausgekommen, der nur als böser Schlag unter die Gürtellinie bezeichnet werden kann. Unter dem Titel „Supermoralist wegen Belästigung verurteilt“ wärmte die Zeitung die Geschichte eines juristischen Verfahrens gegen den Chefredakteur der Tageszeitung der Italienischen Bischofskonferenz „Avvenire“, Dino Boffo, auf. Dieser habe vor Jahren die Ehefrau eines Mannes, mit dem er eine homosexuelle Beziehung unterhalten habe, mit Anrufen anzüglichen Inhalts gequält; mit einer Zahlung einiger hundert Euro durch Boffo sei das Verfahren damals beendet worden. Der damals Beschuldigte, so breitete „Il Giornale“ aus, gehöre aber heute ausgerechnet zu denen, die sich in Kommentaren kritisch über das Privatleben Berlusconis geäußert und zum Moralapostel aufgeschwungen hätten.

Berlusconi distanzierte sich sofort öffentlich von den Vorwürfen gegen Boffo. „Das Prinzip des Respekts vor dem Privatleben ist heilig und gilt immer und überall für alle”, sagte er im italienischen Fernsehen. Und einen Tag später lieferte er nach, er habe in der vergangenen Zeit keinen Kontakt zum neuen Chefredakteur von „Il Giornale“ gehabt. Dieser, Vittorio Feltri, leitete bisher die Tageszeitung „Libero“ und ist für drastische und überspitzte Titelgeschichten bekannt.

Noch am vergangenen Freitag waren vor allem viele Journalisten, die in Italien das Verhältnis zwischen Kirche und Staat verfolgen, beim Meeting von Comunione e Liberazione in Rimini versammelt und fragten sich, ob die von „Il Giornale“ losgetretene Schlammschlacht Folgen haben würde. Boffo wies auf der Homepage seiner Zeitung die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sofort als „Räuberpistole“ zurück, in einer knappen Mitteilung stellte sich die Bischofskonferenz hinter ihren Chefredakteur. Doch gestern waren die Zeitungen wieder voll davon. Es ging um die Dokumente, die „Il Giornale“ veröffentlichte, um den Vorwurf gegen Boffo zu erhärten. Sogar der Innenminister hat Boffo persönlich angerufen, um ihm zu versichern, dass diese vertraulichen Dokumente nicht über Polizei- oder Geheimdienst-Kreise an die Öffentlichkeit gelangt seien. Angeblich hätten die meisten Bischöfe diese Dokumente schon vor Monaten erhalten.

Noch am Freitag hatte Kardinalstaatssekretär Bertone im „Osservatore Romano“ klargestellt, die Beziehungen des Vatikans zur italienischen Regierung seien ruhig und vertrauensvoll. Auch sei nicht jede Äußerung eines Bischofs als Stimme des Vatikans zu deuten, sagte Bertone. Dafür hatte aber der Präsident des Päpstlichen Migrantenrats, Erzbischof Antonio Maria Veglio, vor einer guten Woche die Verschärfung des italienischen Einwanderungsrechts beklagt, was wiederum zu Protesten der in der Regierung Berlusconi sitzenden Lega Nord geführt hatte (DT vom 25. August).

Am Samstag trat nochmals der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, im Messgewand vor die Kameras und nannte die Attacken gegen Boffo „geschmacklos und sehr schwerwiegend“. Vatikan und Kirche Italiens sehen sich so gut wie über Nacht in das Zentrum eines Skandals gestellt und betreiben Krisenmanagement. Und der nächste Akt des Schauspiels steht schon fest. Am kommenden Sonntag wird Benedikt XVI. Viterbo besuchen. Dazu will auch Silvio Berlusconi anreisen. Die Medien werden genau beobachten, ob die beiden sich begegnen werden – und wenn ja, wie lange und wie herzlich.

Der Vorfall zeigt, wie sehr im Umfeld Berlusconis und vielleicht bei ihm selbst die Nerven blankliegen. Vorbei sind die Zeiten, in denen die italienischen Bischöfe gemeinsam mit dem Mailänder Medienunternehmer und unter stiller Duldung des Vatikans gemeinsam gegen die juristische Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften stritten. Der seit Monaten andauernde Streit in Italien um das Privatleben Berlusconis sowie die Ausländer- und Sicherheitspolitik seiner Regierung hat nun auch den Vatikan und die Bischöfe Italiens erreicht. Und die Medien, so wurde gestern klar, haben eine Interesse daran, dass diese tiefschwarzen Wolken noch ein wenig am Himmel hängen bleiben. Papst Benedikt kann sich nur wundern, wie es dazu kam. Er wäre der Letzte, der einen Konfrontationskurs mit der Regierung Berlusconi gewollt hätte.

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