Schillernde Welt

Der Begriff Säkularisierung lässt sich nicht einseitig auslegen. Von Urs Buhlmann
Partyschiff aus dem Main
Foto: dpa | Trotz Konsumieren, Feiern, Arbeiten und Ablenkung: der Mensch wird nie aufhören, die Sinnfrage zu stellen.

Wer aktuell über die Situation von Glauben und Kirche in Deutschland und Europa nachdenkt, kommt am Begriff der Säkularisierung nicht vorbei. Mittlerweile ist klar geworden, dass sich darunter mancherlei verbirgt, aber jedenfalls nicht eine unaufhaltsam-einseitige Entwicklung hin zur Auslöschung der Religion. Die Fritz Thyssen-Stiftung, die sich einen Namen bei der Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses und der Organisation von Fach-Tagungen gemacht hat, legt nun einen Sammelband vor, der sich dem Thema „Religion im säkularen Europa“ von mehreren Seiten annähert.

Ottfried Höffe wendet sich gegen die Annahme, „die Modernität verhalte sich umgekehrt proportional zu ihrer Religiosität“. Es gilt also nicht: „Je moderner eine Gesellschaft sei, desto areligiöser verhalte sie sich“. Der emeritierte Tübinger Philosoph und Ethiker ruft für diese Gegensicht wichtige Denker auf, die der Religion affirmativ oder wenigstens offen gegenüberstehen, aber auch die Entwicklung neuer Formen von Religiosität ebenso wie den Zuzug religionsgeprägter Migranten. Nach wie vor werde die Stimme der Kirchen in ethischen, besonders bioethischen Fragen gehört, gäbe es einen Konsens, Weihnachten und Ostern zu feiern, von der Mitwirkung von Religions-Vertretern bei nationalen Gedenk- und Trauerfeiern einmal abgesehen. Höffe hält es für an der Zeit zu fragen, ob es aktuell nicht tatsächlich eine De-Säkularisierung oder gar eine Re-Sakralisierung gäbe.

Franz-Xaver Kaufmann, der Schweizer, zuletzt in Bielefeld lehrende Soziologe macht schon im Titel seines Beitrags klar, um was es ihm geht: „Der europäische Sonderweg der Religionen.“ In Europa sei erstmals aufgekommen, dass man zwischen einem religiösen und einem nicht-religiösen Bereich trennen könne. „Heilig und Profan, Kirche und Welt, Kirche und Gesellschaft, Geistlich und Säkular, das sind typische Begriffspaare, welche diese Unterscheidung konkretisieren.“

Eine Etappe auf diesem Weg war die „Unterscheidung von spiritualia und temporalia im Sinne einer funktionalen Trennung und differenzierten Zuschreibung der Kompetenzen von Papst und Kaiser“, wie auch die in keinem anderen Kulturraum so gepflegte Verbindung des Religiösen mit den Ansprüchen reflexiver Vernunft. Für den Soziologen stellt sich die Moderne als unablässiger Prozess der Ausdifferenzierung verschiedener Lebensbereiche dar. Noch bis in die 1970/80er Jahre habe man von einer Verkirchlichung des Christentums sprechen können, das explizit Religiöse habe sich mehr und mehr auf den Bereich der Kirchen zurückgezogen.

Im Zuge fortschreitender Modernisierung und Globalisierung löse sich nun zum einen der Religionsbegriff zunehmend von den christlichen Kirchen, zum anderen führe die Subjektivierung von Religion zu immer größeren Problemen bei der Tradierung konfessionellen Glaubens: Viele suchen sich ihren eigenen Glauben aus mehreren Quellen zusammen. Das Christentum ist gleichsam „vage“ geworden, doch Kaufmann hält fest: „Bedeutende Alternativen kollektiver Sinnstiftung sind hierzulande jedenfalls nicht zu erkennen.“

Auch Dieter Langewiesche, Tübinger Neuzeit-Historiker und Liberalismus-Experte, nimmt sich den Säkularisierungs-Begriff vor und stellt fest: „Die Säkularisierungstheorie zu kritisieren, gehört in der heutigen Forschung zum ,mainstream‘, der von einer globalen Säkularisierung ausgeht. Entschiedener ist der Widerspruch derer, die nicht von einer ,Rückkehr der Religionen‘ sprechen, sondern meinen, sie hätten auch in Europa ihre Bedeutung nie verloren“: Also falscher Alarm, Kommando zurück? Nun, man könne vielleicht die Säkularisierungstheorie – verstanden als unaufhaltsames Absterben der Religion – als „erfolgreichsten Misserfolg der Soziologie“ beschreiben, aber nicht die Wirkmächtigkeit der Säkularisierung bestreiten.

Wenn Charles Taylor von einer „Alternativenpluralisierung“ auf dem Feld der Sinnangebote spricht, so habe dies im 19. Jahrhundert nur für die Eliten gegolten, sei nun aber für alle eine Möglichkeit. Die Ausdifferenzierung von Staat und Kirche im 19. Jahrhundert habe die Macht der Kirche im öffentlichen Leben beschnitten, diese aber als Institution bestehen lassen. Im Ganzen sei der Staat säkularer geworden, weil die Kirche Funktionen verloren habe, aber der staatliche Handlungsraum erweitert wurde, Minderheitenreligionen staatsrechtlich aufgewertet wurden und auch die Möglichkeit dazu trat, keiner Kirche anzugehören oder eben einer säkularen Alternative.

Während im 19. Jahrhundert der Schwund der Kirchlichkeit die religiöse Lebensprägung noch nicht „entmächtigte“ (Thomas Nipperdey), wurde auf der subjektiven Ebene im 20. Jahrhundert „believing without belonging“ und ebenso „belonging without believing“ möglich. Damit meinte die britische Religionssoziologin Grace Davie die Option, entweder fernab jeder verfassten Gemeinschaft einen Privatglauben zu pflegen oder aber weiter einer Gemeinschaft anzugehören, ohne alle deren Glaubenssätze für sich persönlich anzunehmen. Beides ist weiter kennzeichnend auch für unsere Zeit, der damit verbundene Säkularisierungsschub liegt auf der Hand. Langewiesche diskutiert auch den Ansatz des Islamwissenschaftlers Reinhard Schulze von der „Protestantisierung der Religion im 19. Jahrhundert“, demnach sich seitdem alle Religionen, sogar Judentum und Islam, am verwissenschaftlichten Religionsverständnis des Protestantismus abarbeiten: „Gemeint ist die Entfaltung eines normativen Religionsbegriffs“, seitdem könne man von Kulturprotestantismus ebenso wie von Kulturkatholizismus sprechen. Glaube werde definiert als Verinnerlichung von Gewissheit. Seit Kant würden statuarische Gesetze in praktische Ethik umgedeutet, damit auch kulturalisiert und in ständige Veränderungsprozesse überführt. Die Textkritik habe die heiligen Schriften historisiert und damit die Gläubigen vom Zwang, sie als historische Glaubensbeglaubigung nutzen zu müssen, abgebracht.

Säkularisierung also, wohin man schaut – doch was ist sie und ist sie allein als Gefahr und Bedrohung zu deuten oder auch als Chance? Jedenfalls ist in der fachübergreifenden Diskussion der Wissenschaft die gedankliche Engführung überwunden, die Moderne oder Postmoderne zeige sich quasi als Ablösung des Glaubens und als Ende praktizierter Religion. Doch scheint zugleich die Subjektivierung allen Bekenntnishaften ungebrochen und vorläufig unumkehrbar. Der Tagungs-Band der Fitz Thyssen-Stiftung bietet eine faszinierende Lektüre – auch der so deutsche Begriff der „Kunstreligion“ wird behandelt – und lädt zu vielerlei Anknüpfungen ein, in der Gewissheit, dass der Mensch ein sinnbegabtes Wesen ist und nicht aufhören wird, nach dem letztem Grund seines Seins zu fragen und zu forschen.

Leider fehlen biographische Angaben zu den insgesamt sieben Referenten, die nicht alle in gleicher Weise bekannt sind, ein (nur) kleines Manko.

Otfried Höffe/Andreas Kablitz (Hrsg.): Religion im säkularen Europa. Schriftenreihe des Arbeitskreises Europa der Fritz Thyssen Stiftung, Bd. 4, Verlag Wilhelm Fink, Paderborn, 2018, 204 Seiten, ISBN 978-3-7705-6298-5, EUR 49,90

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