Religion ist nicht die Gretchenfrage

Neue Studie untersucht „Abwanderung von palästinensischen Christen und Muslimen“. Von Andrea Krogmann

Bethlehem (DT) Die anhaltende Abwanderung ihrer Gläubigen ist eine der Herausforderungen für die Kirchen im Heiligen Land. Bei der Entscheidung zwischen Gehen oder Bleiben spielt Religion hingegen für die wenigsten Christen eine Rolle. Das ergab die Studie „Abwanderung von palästinensischen Christen und Muslimen“, die die Konrad-Adenauer-Stiftung Ramallah in Zusammenarbeit mit der Dar-al-Kalima-Hochschule für Kunst und Kultur in Bethlehem durchgeführt hat. Erste Teilergebnisse der Studie, die am 7. Dezember veröffentlicht wird, wurden am Freitag der Presse vorgestellt.

Die Hälfte der befragten Christen zeigte sich demnach grundsätzlich optimistisch und gab als Hauptgrund für den Optimismus die Gewissheit an, Gott auf ihrer Seite zu wissen (77 Prozent). Jene 17 Prozent, die ein Gefühl der Unsicherheit äußerten, begründeten dies vornehmlich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt (45 Prozent), der unsicheren Lage in der Region (17 Prozent), der wirtschaftlichen Lage (16 Prozent) und inneren palästinensischen Spannungen (11 Prozent).

Bei knapp ein Viertel der befragten Christen (23 Prozent) ist im vergangenen Jahr mindestens ein Familienmitglied ausgewandert. Der Anteil liegt dabei in der Westbank höher als im Gazastreifen und ist dort in dörflichen Gegenden am höchsten. Nach ihrer eigenen Haltung befragt, gaben 28 Prozent der Christen an, über Abwanderung in die USA, nach Kanada oder Europa nachzudenken. Hauptgrund ist mit Abstand die wirtschaftliche Situation (64 Prozent). Die politische Situation nannten 19 Prozent als Grund, während soziale oder religiöse Spannungen von neun Prozent angeführt wurden.

Verstärkt wird der Abwanderungswunsch für 27 Prozent durch die generelle Lage in der Region. Auch die Politik der arabischen Welt verschärft für 41 Prozent der Befragten die Auswanderungstrends. Dort sehen Christen insbesondere die Einschränkung der Religionsfreiheit und wachsende extremistische Tendenzen (je 29 Prozent) sowie mangelnden Rechtsschutz der Christen (26 Prozent) und den Ausschluss von politischer Beteiligung (16 Prozent) mit Sorge.

Gegen eine Auswanderung sprechen für die Befragten die Standhaftigkeit im Land (41 Prozent) und familiäre Bande (34 Prozent). Nur zwei Prozent gaben religiöse Gründe für den Verbleib im Heiligen Land an.

Kritisch äußerten sich viele Christen zur Rolle der Kirchen. 81 Prozent der Gazachristen und 65 Prozent der Christen im Westjordanland gaben an, die Kirchen könnten durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, der Bereitstellung von Wohnungen und dem Schutz der Religionsfreiheit zur Drosselung der Abwanderung beitragen. Eine solche Drosselung scheint im Interesse der christlichen Allgemeinheit: 83 Prozent sprachen sich für eine Einschränkung der Abwanderung aus.

So wenig Religion bei der persönlichen Entscheidung eine Rolle spielt, entwickelt sich der israelisch-palästinensische Konflikt in der Einschätzung von 90 Prozent der Befragten zunehmend zu einem religiösen Konflikt. Ferner gaben 63 Prozent an, Israel beeinflusste ihre Präsenz im Land durch eingeschränkte Mobilität (65 Prozent), Einschränkung grundlegender Rechte (13 Prozent) und wirtschaftliche Hürden (9 Prozent). Für 62 Prozent der Christen ist die Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus Palästina Teil des zionistischen Projekts.

Befragt wurden 380 Christen über 18 Jahren aus Ostjerusalem und dem Westjordanland sowie 150 Christen aus dem Gazastreifen. 69 Prozent gehören der orthodoxen Kirche an, 20 Prozent der römisch-katholischen Kirche und 8 Prozent der melkitischen Kirche.

In einer separaten Erhebung wurden 500 Muslimen über 18 Jahren dieselben Fragen gestellt. Abgesehen davon, dass 21 Prozent der muslimischen Palästinenser angab, nicht zu wissen, wo Jesus geboren wurde, ergab die Befragung ein homogenes Bild der palästinensischen Gesellschaft: Wie ihre christlichen Landsleute bezeugte rund die Hälfte der befragten Muslime Optimismus; die von rund einem Zehntel der Muslime empfundene Unsicherheit wurde gleichfalls überwiegend auf den politischen Konflikt zurückgeführt. Mit Abwanderungsgedanken befassen sich mit 24 Prozent nur unwesentlich weniger Muslime als Christen, und auch hier überwiegt das gleiche Motiv: wirtschaftliche Überlegungen (72 Prozent).

Die Religionsfreiheit in Palästina bewerteten Christen auf einer Skala von eins (keine Freiheit) bis zehn (sehr große Freiheit) durchschnittlich mit 7, 5 – nur ungleich bessere Noten (durchschnittlich 7, 9) gaben muslimische Befragte.

Ähnlich schätzen Palästinenser beider Religionen auch den Einfluss anderer Länder auf die Abwanderung von Christen aus Palästina ein. Von den Befragten gaben 57 der Christen und 47 Prozent der Muslime an, die Politik westlicher Länder dränge Christen zum emigrieren. Die Einschätzung, dass die Politik arabischer Länder Christen beeinträchtige und abwandern lasse, teilten 35 Prozent der Muslime. Die Angst vor einem möglichen Verschwinden der Christen aus Palästina war hingegen unter den befragten Christen deutlicher zu spüren: 24 Prozent glauben, dass es in fünf bis zehn Jahren keine Christen mehr geben werde (Muslime: 7 Prozent).

Die Studie zeige, so die Verantwortlichen bei der Präsentation der ersten Teilergebnisse, dass Abwanderung ein gemeinsames Problem von palästinensischen Christen und Muslimen sei. Die treibende Kraft stelle bei beiden Gruppen die Besatzung mit ihren Folgen dar, und dort an erster Stelle die wirtschaftliche Lage.

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