Rätselraten um Bischofsmord

Requiem für Luigi Padovese in Mailand ohne Fernsehbilder

Mailand (DT) Selbst die katholischen Fernsehsender Italiens waren nicht dabei. Wer gestern auf „TV2000“ oder „Telepace“ das vom Mailänder Erzbischof Kardinal Dionigi Tettamanzi gefeierte Requiem für den ermordeten Bischof Luigi Padovese verfolgen wollte, blieb enttäuscht. Und das obwohl 5000 Gläubige, darunter über 40 Bischöfe aus ganz Europa, gekommen waren. In einem der meist gelesenen Online-Dienste Italiens, dem „Papa Ratzinger Blog“, hieß es deshalb noch während der Trauermesse empört: „Es ist beschämend, dass kein nationaler Fernsehsender das Requiem überträgt. Diese Abwesenheit ist nicht zu rechtfertigen.“ Die Tageszeitung „La Stampa“ sprach gestern vom „vergessenen Märtyrer“, während der Präsident der Region Lombardei, Robert Formigoni, schon am Wochenende beklagt hatte, dass die Überführung des Leichnams des Verstorbenen in aller Stille und ohne öffentliche Ehrungen am Donnerstag vergangener Woche stattgefunden hatte.

Mitbrüder des ermordeten Geistlichen aus dem Kapuzinerorden hatten den Sarg am Flughafen in Empfang genommen. Der gebürtige Mailänder Padovese, seit 2004 Apostolischer Vikar von Anatolien im Range eines Bischofs und seit zwei Jahren Vorsitzender der türkischen Bischofskonferenz, war am 3. Juni in seinem Wohnhaus im türkischen Iskenderun von seinem Fahrer Murat Altun erstochen und dann geköpft worden. Die Polizei nahm den Täter mit seinen Tatwaffen fest, es soll sich um zwei Obstmesser gehandelt haben. Wie der Gouverneur von Iskenderun noch am gleichen Tag mitteilte, sei es bei dem Tatmotiv um „eine persönliche Angelegenheit“ gegangen. „Wir untersuchen die Tat aber genauestens“, erklärte der Gouverneur. Seither war aus der Türkei von staatlicher Seite nichts mehr über die Hintergründe des Mords zu hören.

Von Anfang an war in Italien Widersprüchliches über die grausame Tat zu lesen. Hatte es zunächst in den Medien geheißen, der Bischof sei im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen, stellte sich dann heraus, dass der Fahrer Altun den Kopf seines Opfers nach zahlreichen Messerstichen bis auf die Nackenhaut abgetrennt hatte. Beobachter schlossen daraus, dass purer Hass das Motiv für die Tat gewesen sein könnte. Noch am Tag nach dem Mord hatte Papst Benedikt auf dem Flug nach Zypern vor Journalisten gesagt: „Sicher ist, dass es sich nicht um einen politisch oder religiös motivierten Mord handelt; es geht um etwas Persönliches.“

Auch als bekannt wurde, dass Bischof Padovese gemeinsam mit seinem Fahrer zum Papstbesuch nach Zypern fliegen wollte, aber wenige Tage zuvor beide Flugtickets hatte stornieren lassen, fragte sich mancher nach der Art der Beziehung zwischen den beiden. Türkische Medien hatten nach der Tat geschrieben, Padoveses Verhältnis zu seinem Fahrer sei Zeugenaussagen zufolge ein väterliches gewesen. Zudem sei Murat Altun psychisch labil und in den letzten Tagen in depressiver Stimmung gewesen. Auch hieß es, Padovese habe eine psychotherapeutische Behandlung seines Fahrers bezahlt, wobei ein schriftlicher oder offizieller Beleg für eine solche Behandlung bis heute fehlt.

Aber es gibt auch Stimmen, die nicht von persönlichen, sondern von religiösen Motiven für die Ermordung des italienischen Bischofs sprechen. Am vergangenen Samstag hat Benedikt XVI. den siebzig Jahre alten Kapuziner Ruggero Franceschini als Interims-Nachfolger Padoveses ernannt. „Die Aufgabe wird nicht leicht“, meinte Franceschini am Wochenende im Gespräch mit Radio Vatikan, „denn die christliche Gemeinschaft in Anatolien ist völlig verunsichert“. Für Franceschini deutet alles auf ein islamisches Tatmotiv hin. Zuvor schon war in Zeitungen zu lesen gewesen, der Fahrer Altun habe laut „Allahu Akbar“ oder „Ich habe den großen Satan getötet – Allah Akbar“ gerufen, als er seinem Opfer den Hals durchschnitt. Kenner des Haushalts von Bischof Padovese sagen jedoch, der Täter Altun sei ein christlicher Kurde. Bisher gibt es in Italien oder im Vatikan keine abschließende Erklärung zu den zahlreichen Fragezeichen hinter dieser Tat. Noch am vergangenen Mittwoch hatte Vatikansprecher Federico Lombardi gegenüber der französischsprachigen Agentur i.media in Rom erklärt, er „warte noch“ auf weitere Informationen. Dann werde man „eine vollständigere Sicht der Situation haben“ und erst dann sei eine Stellungnahme möglich. Wörtlich sagte Lombardi: „Ich kann gar nichts sagen. Ich habe nicht alle notwendigen Elemente, damit ich mir ein vollständiges Bild der Ereignisse machen kann.“ Das war die letzte Mitteilung aus dem Vatikan zu den Gründen der Ermordung Padoveses.

Die meisten Beobachter vermuten deshalb, dass das väterliche Verhältnis Padoveses zu seinem Fahrer auch komplizierte Züge gehabt haben könnte und man den trauernden Katholiken in Anatolien und der Türkei sowie in der italienischen Heimat des Bischofs Einzelheiten ersparen wolle. Sicher ist seit gestern nur, dass sich die Medien auffällig mit der Berichterstattung über die Beisetzung Padoves zurückhalten. Während Fernsehen und Zeitungen die Rückkehr getöteter Soldaten etwa aus Afghanistan mit größter Aufmerksamkeit verfolgen – in der Regel ist es der Staatspräsident, der die Särge am Flughafen in Empfang nimmt –, zeigt der „black out“ aller italienischen Fernsehsender während des Requiems am gestrigen Montag, dass man nicht weiß, wie man die Hauptfrage nach dem schrecklichen Verbrechen beantworten soll: Warum musste Bischof Padovese sterben, was waren die wirklichen Gründe für diese Tat?

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