„Putin will Papst als Unterstützer“

Kirchenexperte Lunkin zur bevorstehenden Moskau-Reise Parolins. Von Oliver Hinz
Patriarch Kirill und Präsident Putin
Foto: dpa | Der Präsident gilt als aufgeschlossener für einen Papstbesuch als Patriarch Kyrill.

In der zweiten August-Hälfte will die Nummer Zwei des Vatikan, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, in Moskau Staatspräsident Wladimir Putin und Patriarch Kyrill I. treffen. Es ist der erste Russland-Besuch eines Kardinalstaatssekretärs seit 1988 und das erste Mal, dass der Kardinalsstaatssekretär in Russland sowohl vom Präsidenten als auch vom Patriarchen persönlich empfangen wird. Oliver Hinz von der KNA sprach mit dem Direktor des Zentrums für Religionswissenschaften des Europainstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, Roman Lunkin, über die Beziehungen der russisch-orthodoxen Kirche und des Kremls zur katholischen Kirche und einen möglichen Papst-Besuch in Russland.

Bereits 2, 2 Millionen Menschen sind in Moskau und Sankt Petersburg zu den von der katholischen Kirche ausgeliehenen Reliquien des heiligen Nikolaus gepilgert. Bringt dieses Großereignis die Beziehungen zwischen der russisch-orthodoxen und der katholischen Kirche weit voran?

Es ist schon paradox, dass die Ankunft der Nikolaus-Reliquien in Russland und das Treffen von Papst Franziskus und Patriarch Kyrill I. vom Februar 2016 in Russlands säkularen Massenmedien als Resultat einer Freundschaft von Katholiken und orthodoxen Christen erscheint. Die russische Gesellschaft bewertet Umfragen zufolge die Fortschritte in der Kooperation der beiden Kirchen generell sehr positiv. Hingegen sind orthodoxe TV-Sender nicht so offen für das Verhältnis zum Heiligen Stuhl. Sie kritisieren die Ökumene und die Expansion des Katholizismus in der Ukraine zum Beispiel in Folge der allgemeinen antiwestlichen Hysterie in der russischen Politik. In manchen TV-Sendungen wurde gesagt, dass nur Russen das wahre Andenken an den heiligen Nikolaus bewahren und er im Westen stattdessen zum Santa Claus verkommen sei. Im echten Leben vereinen die Reliquien des heiligen Nikolaus jetzt und auch aus historischer Perspektive Katholiken und Orthodoxe. Sie schaffen eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens.

Wie wichtig ist die im August anstehende Moskau-Reise Parolins?

Sein Besuch ist nicht nur für die Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats sehr wichtig, sondern auch für die russische Außenpolitik und das Christentum in Russland. Es ist der ranghöchste Besuch der Führung des Heiligen Stuhls, der zurzeit möglich ist. Das wird ein historischer Besuch, der die Zusammenarbeit in der Kultur und Bildung und im Nahen Osten nach dem Havanna-Treffen fortsetzt. Parolins Reise kann auch als Vorbereitung weiterer Begegnungen der Kirchenoberhäupter und auch einer Russland-Reise des Papstes betrachtet werden.

Wann erwarten Sie den Papst in Moskau?

Das ist unberechenbar. Patriarch Kyrill braucht keinen Moskau-Besuch des Papstes, obwohl er Moskau als das christliche Zentrum der Welt zeigen will. Aber der Moskau-Besuch ist nicht nur ein Problem der theologischen und liturgischen Besonderheiten beider Kirchen. Russlands aktuelle Politik ist gegenüber westlichen Führern und überhaupt der Demokratie sehr misstrauisch. Die russisch-ukrainische Krise machte alles noch komplexer. Papst Franziskus wurde in der Ukraine für das Havanna-Treffen kritisiert. Katholiken wird in Russland vorgeworfen, am Euromaidan in Kiew teilgenommen zu haben, der unter Russlands Politikern als Verbrechen gilt. Offiziell können nur demokratische Politiker, die freundlicher gegenüber der Ukraine eingestellt sind, den Papst nach Moskau einladen – sogar wenn der jetzige Patriarch dagegen ist.

Würde es Proteste geben, wenn der Papst nach Moskau käme?

Jede Zunahme von katholischen Aktivitäten in Russland seit der Gründung von Bistümern 2002 löste Proteste von konservativen orthodoxen Christen aus. Sie werfen dem Heiligen Stuhl die Abwerbung von Gläubigen in Russland und die antirussische Politik der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche vor. Die Expansion in Russland und der katholische Einfluss auf den russischen Klerus und die orthodoxe Theologie – besonders der moderne Katholizismus – stoßen in der russisch-orthodoxen Kirche auf Widerstand. Übrigens zeigen die großen russischen TV-Sender nur sehr selten die Veranstaltungen von Papst Franziskus. Aber in den Sozialen Netzwerken sind sie beliebt, weil Franziskus offener, aufrichtiger und bescheidener wirkt als Kyrill mit seinem pathetischen Image voller politischer Botschaften. Von so einem Vergleich profitiert Kyrill nicht. Er könnte eifersüchtig werden, wenn Franziskus wirklich nach Moskau kommt.

Welche Hauptinteressen verfolgen Putin

und Kyrill in den Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl?

In manchen Punkten haben Putin und Kyrill gemeinsame Interessen. Putin will Papst Franziskus als geistigen Unterstützer für seine Politik haben, weil er der Welt sagen will, er und sein Land verteidigen die Identität und die traditionellen Werte und dass Demokratie nicht so wichtig ist. Die Tragödie der Flüchtlinge und der Christen besonders im Nahen Osten ist der gemeinsame Grund für Gespräche über die Diskriminierung des Christentums in der Welt und die schlechte Politik der westlichen Staaten – vor allem der USA – in dieser Region. Und da gibt es eine Übereinstimmung mit Putins Rhetorik. Für Kyrill sind die Beziehungen zu der katholischen Kirche sehr wichtig, weil der Papst nach dem Havanna-Treffen ein Verbündeter der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine wurde. Das ist ein Instrument, um Einfluss auf die griechisch-katholische Kirche und die ukrainischen Behörden zu nehmen, die die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats kontrollieren und zerstören wollen. Angesichts der Gefahr, dass Kyrill die ukrainisch-orthodoxe Kirche verliert, sagt Franziskus, dass die einzige kanonische Kirche die russisch-orthodoxe Kirche sei. Außerdem will Kyrill im Nahen Osten zusammenarbeiten und die Ressourcen der katholischen Kirche nutzen, zur Ausbildung von angehenden Priestern in katholischen Universitäten und Schulung von Sozialarbeitern in katholischen Projekten.

Dass die griechisch-katholische Kirche die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats zerstören wolle, klingt nach Kreml-Propaganda.

Die Angst, dass die griechisch-katholische Kirche die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats zerstören will, ist natürlich unbegründet. Aber die griechisch-katholische Kirche ist kein Freund des Moskauer Patriarchats, das gegen die mit Rom unierten Kirchen mit ostkirchlichem Ritus eingestellt ist. Der griechisch-katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk vertritt den Standpunkt, dass Russland schuld an der Aggression gegen und Annexion von ukrainischen Territorium sei, und er warf Patriarch Kyrill persönlich vor, Putin zu unterstützen. Die griechisch-katholische Kirche will ihre Mission in der Ukraine bewahren und ausbauen. Ein Verbündeter dieser Kirche ist das von Moskau abgespaltene Kiewer Patriarchat.

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