Psychologisierender Blick

Fik Meijer schwankt in seinem Porträt des Apostels Paulus zwischen solider Wissenschaft und liberaler Exegese. Von Clemens Schlip
Foto: IN | Bekehrung des Paulus von Nicolas-Bernard Lepicie (1767).
Foto: IN | Bekehrung des Paulus von Nicolas-Bernard Lepicie (1767).

Fik Meijer hat ein wertvolles Buch über den Apostel Paulus verfasst. Die antike Welt, in der der Völkerapostel sich bewegte, wird kundig und lebendig geschildert. Der bis zu seiner Emeritierung in Amsterdam tätige niederländische Althistoriker Fik Meijer gibt gute Erläuterungen zu den geistigen Strömungen, die in der östlichen Mittelmeerwelt in den ersten Jahrzehnten des ersten Jahrhunderts existierten und stellt die historischen Rahmenbedingungen anschaulich dar. Es finden sich interessante Erwägungen zur Familie und zum Geburtsort des dann in Tarsus herangewachsenen Paulus, dessen mutmaßlichen Bildungsgang Meijer plausibel skizziert. Meijer beweist zudem ein feines Einfühlungsvermögen und gibt gute atmosphärische Schilderungen der von Paulus besuchten Orte und ihrer Eigentümlichkeiten, mit denen sich der Apostel vermutlich konfrontiert sah. Das sehr gut gelungene Kapitel über die Seefahrt nach Italien (Meijer ist auch Mittelmeerhistoriker) trägt mit seiner Berücksichtigung der nautischen Wissenschaft zum besseren Verständnis des Berichts der Apostelgeschichte wirklich bei. Das Bild- und Kartenmaterial ist gut ausgesucht.

Andererseits wird bei einem solchen Thema rasch deutlich, mit welchen Vorüberzeugungen ein Autor es angeht. In Meijers Fall ist die eingenommene Perspektive die eines respektvollen Ungläubigen mit Wurzeln im untergegangenen katholischen Milieu der Niederlande. Meijers Interesse an Paulus reicht nach eigenem Bekunden bis in seine Kindheit zurück, da sein Vater, der Geschichtslehrer an einem katholischen Lyzeum in Leiden war, den Apostel sehr bewunderte. Von der Bewunderung des Vaters für den Missionar und Glaubensverkünder distanziert sich Meijers in der „Einführung“ des Buches deutlich.

Der Blick „von außen“ auf einen großen Heiligen oder die christliche Offenbarung ist nicht grundsätzlich illegitim, und in einigen Punkten wird ein solcher Autor auch Zweifel äußern dürfen, ohne dass ein christlicher Leser daran schweren Anstoß nehmen muss. Bei Meijer sind es aber nicht nur Zweifel, sondern apodiktische Urteile, die von katholischer Seite her entschiedenen Widerspruch herausfordern. Die Annahmen und Überzeugungen entsprechen in weiten Teilen einer ihren Gegenstand destruierenden liberalen Bibelexegese.

Jesus ist dementsprechend nichts weiter als ein „charismatischer Rabbi“. Über das leere Grab und die nachösterlichen Erscheinungen huscht der Autor vorsichtig hinweg. Den Evangelien als Quelle kann man laut Meijer nicht trauen, da ja in der Zeit bis zu ihrer Niederschrift schon so viel passiert war, was das Bild von Jesus nachträglich verzerrt hatte. Das berühmte „Damaskuserlebnis“ deutet Meijer als geschicktes Täuschungsmanöver des Paulus. Dieser hätte den Anschluss an die Christengemeinde schon länger erwogen, sei sich aber der Schwierigkeit, als ehemaliger Verfolger Vertrauen zu gewinnen, bewusst gewesen. Also hätte er eine Vision simuliert, um von den Christen angenommen zu werden. Zugleich hätte der geltungsbewusste Paulus sich damit von vornherein eine besondere Position innerhalb der Gemeinde sichern wollen. Eine solche Deutung, die den Apostel zum monströsen Lügner stempelt und ihn implizit in die psychopathische Ecke schiebt, ist ärgerlich und insofern nicht besser als die von Meijer abgelehnten Versuche anderer Forscher, die Vision aus einer angeblichen epileptischen Erkrankung des Paulus heraus zu erklären. Der psychologisierende Blick auf den Protagonisten prägt überhaupt das ganze Buch. Solche Spekulationen sind legitim, Meijer tut aber dabei doch insgesamt zu viel des Guten.

Dass die mit dem Damuskusereignis verknüpfte Vision des Hananias, der den Auftrag erhielt, Paulus wieder sehend zu machen (Apg 9,10–18), von Meijer dann einfach referiert wird, gehört zu den Inkonsequenzen in diesem Buch.

Die Wirkungsgeschichte des Paulus innerhalb der christlichen Tradition lehnt Meijer ab. Texten, die sich auf ganz bestimmte lokale Verhältnisse bezogen hätten, sei so fatalerweise durch „Theologen und gläubige Politiker“ eine allgemeinverbindliche und epochenübergreifende Bedeutung zugeschrieben worden. Normalerweise freut sich der Biograph eines Schriftstellers, wenn dessen Texte von der Nachwelt rezipiert wurden. Für Meijer scheint das Fortleben der Texte des Paulus in der Theologie und dem christlichen Gottesdienst dagegen eine Katastrophe darzustellen.

So ist es auch keine Überraschung, dass Meijer davon ausgeht, dass Paulus „über den Weg, den das Christentum seit dem späten 1. Jahrhundert eingeschlagen hat, und über die Rolle, die seine Briefe dabei gespielt haben“ sehr unglücklich gewesen wäre. Konkrete Kritik übt Meijer an anderer Stelle an den „höchsten Machtorganen der römisch-katholischen Kirche und der Führungsschicht einiger reformatorischer Kirchen“, die unter Berufung auf den ersten Korintherbrief noch heute die „kirchenrechtliche Ungleichheit“ der Frau rechtfertigten. In diesem Fall argumentiert Meijer interessanterweise nicht einmal mit der angeblichen Zeitgebundenheit der entsprechenden Passagen, sondern erklärt sie für Einfügungen durch andere Autoren, offensichtlich, um auf diese Weise Paulus vor feministischen Angriffen zu schützen. Überhaupt rechnet Meijer großzügig mit späteren Einfügungen (auch in den unzweifelhaft authentischen Paulusbriefen), mit denen das Bild des Apostels im vierten Jahrhundert durch die zu Macht und Einfluss gelangte Kirche planmäßig verzerrt wurde. Das Bestreben, Paulus von der Kirche zu trennen, ist in diesem Buch überdeutlich.

Fazit: Dort, wo Meijer sein Thema als Altertumswissenschaftler und Historiker angeht, ist ihm ein gutes Buch gelungen. Dort jedoch, wo er – vielleicht in allzugroßem Vertrauen auf die Kompetenz der gegenwärtigen Mainstream-Theologen – seinen Gegenstand in der Tradition der liberalen neutestamentlichen Exegese und der modernistischen Theologie dekonstruiert, ist sein Buch sehr unerfreulich zu lesen und beleidigt mitunter auch die Gesetze der Logik und der Wahrscheinlichkeit.

Fik Meijer, Paulus: Der letzte Apostel. Philipp von Zabern. Aus dem Niederländischen von Wolfgang Himmelberg. Darmstadt 2015, Hardcover, 340 Seiten, ISBN 978-3-8053-4920-8, EUR 29,95

Themen & Autoren

Kirche