Polen dreht sich um Johannes Paul II.

Für die polnischen Katholiken zuhause und unterwegs geht es morgen vor allem um einen Papst – ihren Landsmann, den auch das Parlament würdigt. Von Stefan Meetschen
Foto: mee | Allgegenwärtig auch in den polnischen Medien: Papst Johannes Paul II.
Foto: mee | Allgegenwärtig auch in den polnischen Medien: Papst Johannes Paul II.

Warschau (DT) Die Welt wartet gespannt auf den Tag der vier Päpste, die Heiligsprechung von Johannes Paul II. und Johannes XXIII. durch Franziskus im möglichen Beisein von Benedikt XVI. em. – nur in Polen, der Heimat von Johannes Paul II., spricht niemand über vier, sondern nur über einen Papst, nämlich den Polnischen. „Er war und ist der Größte“, sagt der Geistliche Zbigniew Stefaniak, der im Warschauer Nobelviertel ¯oliborz seinen Dienst tut und seit Mitte der Woche mit dem Pilger-Reisebus in Italien unterwegs ist. In der Nacht zum Sonntag, so alles gutgeht, fährt er in Rom ein. Auch viele Geistliche, die Stefaniak kennt, sind mit Pfarreimitgliedern in Pilgerbussen Richtung Ewige Stadt unterwegs. „Sehr komfortabel wird die Heiligsprechungsfeier nicht werden“, sagt der 40-jährige Geistliche gegenüber dieser Zeitung, „mal sehen, wie nah wir an den Petersplatz herankommen. Ich hoffe nur, dass niemand verloren geht oder medizinische Hilfe braucht“, drückt Stefaniak vorsichtig seine Besorgnis angesichts der Visite aus. Vor drei Jahren bei der Seligsprechung sei es leichter, unkomplizierter gewesen. „Ich war allein im Hotel, das in der Nähe zum Vatikan liegt, und ging morgens mit frischgebügeltem Hemd zur Seligsprechungsfeier.“ Unmittelbar zum Papstaltar fand sich durch gute Connections ein Sitzplatz. „In diesem Jahr“, so Stefaniak scherzhaft, „setzen wir die aktuellen Forderungen nach priesterlichem Verzicht und Opfer um.“ Stefaniak weiß, dass seine Pilgergruppe nicht die einzigen Polen sind, die Rom zur Heiligsprechung einen Besuch abstatten. Mit dem Bus, dem Flugzeug oder dem Zug. Immerhin wurde von der polnischen Bahn PKP extra ein Sonderzug, der „Mi³osierdzia-Express“ (Barmherzigkeits-Express) eingerichtet, der von Warschau direkt nach Rom fahren sollte. Leider steht der Zug wegen ungeklärter Finanzfragen bei den Organisatoren zurzeit (Stand: Freitag Mittag) auf einem Nebengleis, die 600 Zug-Pilger sollen mit Ersatz-Bussen nach Rom befördert werden.

Der frühere Papst-Sekretär wird am Sonntag 75 Jahre alt

Ein Grund mehr, wieso über genaue polnische Romreise-Zahlen Unklarheit herrscht. Zumal es auch Papst-Fans unter den Geistlichen und Laien gibt, die mit dem Privat-Auto anreisen und dabei schnell noch drei bis vier Plätze für Familienmitglieder und Freunde im eigenen Gefährt organisieren. Fest steht, dass der polnische Präsident Bronis³aw Komorowski, seine Vorgänger Aleksander Kwaœniewski und Lech Wa³êsa in Rom präsent sein werden, sowie fast der komplette polnische Episkopat.

Inoffiziell angeführt von Kardinal Stanis³aw Dziwisz, dem früheren Sekretär von Johannes Paul II. und jetzigen Metropolit von Krakau, der in den zurückliegenden neun Jahren seit dem Tod des Papstes unermüdlich auf dieses große Ereignis hingewirkt und dafür gearbeitet hat. Wie der Zufall oder die Vorsehung Gottes es will, feiert Dziwisz am Tag der Heiligsprechung seinen 75. Geburtstag – doch niemand rechnet damit, dass „Don Stanis³aw“, wie Dziwisz im Vatikan all die Jahre mit einer Mischung aus Rätselraten und Bewunderung genannt wurde, an diesem Tag von irgendeiner leitenden Funktion zurücktreten könnte. In seinem aktuell in Polen erschienenen Buch „U boku Œwiêtego“ (Neben einem Heiligen) lobt er die beiden lebenden Päpste so sehr, dass die Botschaft eindeutig ist: „Don Stanis³aw“ möchte mit dem Weltjugendtag 2016 sein Lebenswerk krönen. Zumal die Zahl der Denkmäler, die ihm in Polen gewidmet ist – anders als bei Johannes Paul II. – noch recht überschaubar ist. In Dziwiszs Geburtsort Raba Wy¿na bei Krakau befindet sich eins und im Wintersportort Zakopane. Allerdings gemeinsam mit Johannes Paul II.

So überrascht es denn auch nicht, dass die ohnehin schon starke visuelle Präsenz des polnischen Papstes in seiner Heimat aus Anlass der Heiligsprechung noch einmal getoppt wird. Viele Familien schmücken die Fenster ihrer Häuser und Wohnungen mit Papst-Porträts, Vatikan- und Polen-Fahnen. In den großen Städten wie Warschau, Krakau oder Danzig, aber auch auf dem Land in den Dörfern schmückt der erste slawische Papst dazu zahlreiche öffentliche Gebäude, Rathäuser und Schulen. Manche polnische Pfarrkirche ist geradezu mit Johannes Paul II.-Porträts zugepflastert, als habe es weder den 2. April 2005, noch den 19. April 2005 und den 13. März 2013 gegeben – die Pontifikats-Anfänge seiner Nachfolger. Auch in Supermärkten und Zeitschriftenläden gibt es, je näher man zur Kasse kommt, nur ein Thema, ein Gesicht – das von Johannes Paul II., der von den Publikumszeitschriften aus verschiedenen Perspektiven präsentiert wird. Mal als Nationalheld, dann als moderner Europäer, als Überwinder des Kommunismus, als guter Onkel, als Genie, als leidender Senior. Übereinstimmung besteht darin, dass er – nach heutigen Begriffen – ein Superstar war und bleibt.

Doch so euphorisch die mediale Verehrung auch ausfällt, längst gibt es, was vielen polnischen Bischöfen Sorge macht, auch Brüche in der polnischen Gesellschaft gegenüber dem Mann aus Wadowice. Erst nach einem öffentlichen Hickhack hat Polens Parlament in einer Resolution seine „Dankbarkeit und Wertschätzung“ für die Heiligsprechung von Johannes Paul II. ausgedrückt. Wobei die Abgeordneten der postkommunistischen Partei SLD und der radikalliberalen Bewegung rund um den Sektproduzenten und früheren katholischen Verleger Janusz Palikot, „Twój Ruch“, sich entweder enthielten oder gegen die Resolution stimmten, in der Johannes Paul II. als „Mann des Friedens und der Hoffnung“ sowie „wichtigster Vater der polnischen Unabhängigkeit“ gewürdigt wird.

Doch, dies wissen auch die polnischen Bischöfe und Priester, viel gefährlicher als die offenen Gegner des Papstes sind langfristig diejenigen, die ihren Dank und ihre Wertschätzung für Johannes Paul II. mit einer liberalen Weltanschauung vermischen, die also die moraltheologischen Positionen des Papstes und der Kirche bei Fragen des Lebensschutzes und der Familie bewusst ausklammern. Zu dieser Art von polnischen Katholiken zählen, wie Pfarrer Stefaniak sagt, nicht nur prominente Politiker, sondern auch diejenigen, die nur vor Weihnachten und Ostern zur Beichte kommen, um sich vor den Feiertagen „noch schnell die Absolution zu erschleichen“. Trotz Sex vor der Ehe, Empfängnisverhütung, In-Vitro-Methoden und anderer gravierender Verstöße gegen die kirchliche Lehre im Alltag. Nicht immer, so Stefaniak, sei dabei echte Reue spürbar, was die Priester manchmal vor schwierige Entscheidungen stelle. Zumal sie nicht viel Zeit zum prüfenden Nachhaken haben, angesichts der immer noch enorm langen Schlangen vor den Beichtstühlen in polnischen Kirchen.

Die polnische Kirche lebt mit der Kraft des Papstes

So verwundert es nicht, dass der neue Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanis³aw G¹decki, mit dem Tag der vier Päpste, der in Polen nur der Tag eines Papstes ist, die Hoffnung verbindet, dass der Glaube seiner Landsleute wieder gefestigt werden möge. Durch die Feier und die Fürsprache von Johannes Paul II. Die Chancen dafür stehen, wenn man sieht, wie viele junge Menschen trotz all der negativen Kirchen-Propaganda in den liberalen Medien, den Entschluss fassen, Priester zu werden oder in eine Frauen-Kongregation einzutreten und wie gut besucht die heiligen Messen trotz negativer Besucher-Statistiken in den liberalen Medien tatsächlich sind, gar nicht so schlecht. Noch ist die katholische Kirche Polens nicht verloren. Für Europa und die Weltkirche ist das die beste und wichtigste Nachricht zum Tag des polnischen Papstes, zum Tag der vier Päpste.

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