Passende Antwort auf die Kirchenkrise heute

„Entweltlichung der Kirche“: Katholische Akademie München setzt sich mit Freiburger Rede von Papst Benedikt XVI. auseinander. Von Michael Karger

München (DT) Die Katholische Akademie München hat sich kürzlich mit der Konzerthausrede befasst, die Papst Benedikt XVI. am 25. September 2011, dem letzten Tag seiner Deutschlandreise, in Freiburg gehalten hatte. Der Neutestamentler Thomas Söding, Professor in Bochum und Mitglied der Internationalen Theologenkommission, machte Rudolf Bultmann als den Erstverwender des Begriffs Entweltlichung ausfindig. In seinem Johanneskommentar von 1941 hatte der Neutestamentler die Aussage Jesu über seine Jünger „Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin“ (Joh 17, 16) kritisch auf seine Gegenwart hin ausgelegt: „Zum Wesen der Kirche gehört eben dies: Innerhalb der Welt eschatologische, entweltlichte Gemeinde zu sein ... Sie darf sich durch den Hass der Welt nicht verführen lassen, ihrem Wesen untreu zu werden; sie darf sich nicht für die Weltgeschichte mit Beschlag belegen lassen, sich als Kulturfaktor verstehen, sich in eine ,Synthese‘ mit der Welt zusammenfinden und Frieden mit der Welt machen.“

Diesen Ansatz beim Johannesevangelium findet Söding auch bei Papst Benedikt. Söding erinnerte an die Bedeutung von Welt bei Johannes als dem Inbegriff der Gottesfinsternis und der Gottesfeindschaft, auf die sich der Gottessohn in seiner Menschwerdung zugleich vollkommen eingelassen hat: „Wäre Jesus nicht ganz Mensch und damit Teil dieser Welt geworden, hätte er auch nicht Gott den Menschen und der Welt so nahe, so unendlich nahe bringen können, wie der Papst es im ersten Band seines Jesusbuches ausdrückt“?

Mit seiner Konzentration auf die Aussage, dass die Kirche „nicht von der Welt“ ist, habe Papst Benedikt herausstellen wollen, dass die Kirche nichts aus sich selbst zu geben hat, sondern nur selbstlos geben kann, was sie von Christus empfangen hat. Mit der Rede vom heiligen Tausch, die aus der Theologie der Kirchenväter stammt, habe der Papst in seinem Vortrag die Sendung der Kirche christologisch begründet: „Dass die Kirche auch durch ihr ,in der Welt‘ sein etwas gewonnen habe, habe der Papst, so Söding, in seiner Regensburger Vorlesung 2006 ausgesagt, als er darauf hinwies, dass die frühe Kirche in einen Dialog mit der Philosophie um den Wahrheitsbegriff eingetreten sei. In Freiburg habe der Papst „weder eine weltfremde Kirche gefordert noch eine weltvergessene. Er hat vielmehr die Fähigkeit, sich zu distanzieren, als Voraussetzung der Fähigkeit benannt, sich zu engagieren.“

Dass eine verweltlichte Kirche überflüssig wäre, hielt Söding für selbstverständlich. Als schwieriger zu beantworten sah er die Frage nach der Konkretion in der Gegenwart an und beließ es dann auch bei der bloßen Fragestellung: „Wo ist die deutsche Kirche verweltlicht?“ Dem Beispiel des Papstes, dass die Säkularisation sozusagen gewaltsam zur Reform der Kirche beigetragen habe, hielt Söding entgegen, dass etwa die Aufhebung der Klöster auch als eine kulturelle Katastrophe bewertet wurde. Thomas Ruster, systematischer Theologe an der Technischen Universität Dortmund, deutete die Rede des Papstes in seinem Vortrag auf der Grundlage der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann. Verweltlichung übersetzt er mit Mediatisierung. Man könnte auch von Funktionalisierung sprechen. Wenn in einer Diktatur das Rechtssystem nicht mehr nach Recht und Unrecht fragt, sondern sich nach der politischen Opportunität richtet, ist es nur noch Mittel für fremde Zwecke. Wenn im Religionsunterricht die Glaubensaussagen der Identitätsentwicklung der Schüler zugeordnet werden, werden sie pädagogisiert. Soll Religion Werte liefern, wird sie ebenso als Mittel benutzt. „Caritas und Diakonie stellen längst einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar, mit der Folge, dass sich caritatives Handeln an wirtschaftlichen Regeln orientiert.“ Solche Vorgänge meine der Papst, wenn er von Verweltlichung spreche. Nun lehre die Systemtheorie: „Operative Geschlossenheit ist die Bedingung für Umweltoffenheit.“ Darum bedarf es nach Ruster einer Revision einiger Aussagen von Gaudium es spes. Dort würden die gesellschaftlichen Teilsysteme als autonom angesehen, „das heißt, es gibt keine Instanz, die über ihnen steht“.

Demgegenüber dürfe die Kirche die Eigengesetzlichkeit der Kultur- und Funktionssysteme nicht gelten lassen: „Sie liest sie im ,Programm Christi‘“. Als Beispiel führt Ruster das „kanonische Zinsverbot“ an, das von der Kirche in der weltweiten Finanzkrise nicht ein einziges Mal vorgebracht worden sei, geschweige denn innerkirchlich umgesetzt worden wäre. Systemtheoretisch nicht abzubilden sei demgegenüber das Mysterium von Tod und Auferstehung: „Der Bestand des Systems liegt mithin nicht in der Fortsetzung seiner Operationen, sondern in einer Fremdreferenz: Gott.“

Entweltlichung bedeutet darum für Ruster, dass es die Berufung der Kirche ist, „allen Systemen, die ihre eigene Evolution auf Kosten der Umwelt betreiben ... zu zeigen, dass es anders geht“. Totale Ökonomisierung und unbegrenztes Wachstum seien „nicht das von Gott gewollte Schicksal der Welt.“ Ruster übersetzt auch die Stellung der Schrift in der Kirche, die Bedeutung der Tradition sowie die Notwendigkeit des Lehramtes und der Theologie in das Sprachspiel der Systemtheoretiker. Zusammenfassend stellt er fest: „Wenn ein System in die Krise kommt, ist ihm nicht damit geholfen, wenn es sich auf seinen Auftrag für die Umwelt besinnt. Es muss vielmehr wieder .... zu seiner Leitunterscheidung ... zurückfinden. In diesem Sinne verstehe ich die Entweltlichungsprogrammatik des Papstes als einen Weg aus der Kirchenkrise. Durch die Verfremdung der systemtheoretischen Denkweise, die der Referent dem Wesen Kirche angepasst hat, konnten den Zuhörern die zerstörerischen Folgen der um sich greifenden Funktionalisierung des Glaubens aufgehen. Man hätte aber auch von einem der Referenten eine Erklärung der Entweltlichung unter Bezug auf die in klarer Sprache in seinen „Gesammelten Schriften“ vorliegende Ekklesiologie des Heiligen Vaters erwarten können.

Die Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer stellte die Übereinstimmung der Rede in Freiburg mit Stellungnahmen des Papstes aus seiner Professorenzeit fest und sah deren zentrales Anliegen in der Antwort auf die Frage nach der spezifischen Form christlicher Erneuerung. Keinesfalls habe der Papst der Weltflucht das Wort geredet. Weltdienst und sozial-caritatives Handeln sollen eben gerade nicht eingeschränkt werden, sondern es solle der „Grund dieser Verantwortung in der vorausgehenden Liebe Gottes deutlicher ins Bewusstsein“ gerückt werden. Während in der Theologie der Nachkonzilszeit die Weltzuwendung der Kirche mit Bezug auf die Pastoralkonstitution Gaudium et spes von der Schöpfungstheologie her mit Hinweis auf die Inkarnation begründet wird, geht der Papst einen Schritt weiter, indem er aus der Weltzuwendung Gottes in Jesus Christus die Hineinnahme der Welt in Christus ableitet (heiliger Tausch). Dabei wahre der Papst die Autonomie der Kultursachbereiche dadurch, dass er auf der Berücksichtigung der jeweiligen Sachgesetzlichkeit besteht. Auch wenn der Papst darauf hingewiesen habe, dass „die Kirche sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam wird und sich den Maßstäben der Welt angleicht ..., Organisationen und Institutionen größeres Gewicht gibt als ihrer Berufung zur Offenheit ...“ und damit eine „klare systematische Position“ bezogen habe, so sei damit aber keine Handlungsanweisung verbunden, wie die Entweltlichung begonnen werden soll. Darum fragt die Verfasserin, inwieweit Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten für den Auftrag der Kirche zur „Verchristlichung“ der Welt notwendig sind, oder als unnötiger Ballast der Entweltlichung anheimfallen sollten? Auch die Referentin war der Meinung, dass manche Strukturen auf den Prüfstand gehören, wobei nicht die Finanzierbarkeit, sondern die Frage nach der „Relevanz für die Verkündigung des Evangeliums“ maßgeblich sein sollte. Dem Papst gehe es um das Christentum als „Kontrastgesellschaft“, aber eben nicht um eine „Parallelgesellschaft“, die ihren Dienst versteht „aus dem Kontrast heraus die Botschaft des Evangeliums zum Leuchten zu bringen.“ Mit den Stichworten Ökonomisierung des gesellschaftlichen Lebens, Anpassung der Familien an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes, Minimalkonsens in Klima- und Umweltschutz nannte die Referentin abschließend Bereiche, in denen das Spezifikum der christliche Botschaft kontrastreich in die heutige Gesellschaft hineinwirken könnte. In der anschließenden Diskussion bezeichnete Ruster den Produktionszuwachs in der Autoindustrie, die Atomwirtschaft und die Massentierhaltung als mit der Schöpfungslehre unvereinbar. Auch auf diesen Gebieten habe die Kirche sich nicht als „Kontrastgesellschaft“ gezeigt. Sozialethikerin und Exeget wollten ihm nicht in allem folgen.

Alle drei Referenten stimmten aber darin überein, dass der Papst mit seiner These von der Entweltlichung zutreffend auf die Krise der Kirche in der Gegenwart geantwortet hat. In Ergänzung zu Gaudium et spes hat der Konzilstheologe Joseph Ratzinger der Kirche der Gegenwart klar gemacht, dass sowohl das Machtstreben der Integralisten und ihrer Beharrung auf sich selber, wie der ausufernde Weltoptimismus der Liberalen die apostolische Sendung der Kirche unweigerlich zerstören muss.

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