Orthodoxes Glaubensfeuer

Ein ökumenischer Gewinn: Die Marienpredigten des russisch-orthodoxen Exiltheologen Alexander Schmemann. Von Klaus-Peter Vosen
Foto: KNA | Die Gottesgebärerin, dargestellt im mittleren Apsisrund in der Euphrasius-Basilika in Kroatien.
Foto: KNA | Die Gottesgebärerin, dargestellt im mittleren Apsisrund in der Euphrasius-Basilika in Kroatien.

Was berechtigt zur deutschen Übersetzung und Herausgabe jahrzehntealter Marienpredigten und marianischer Vorträge aus dem Bereich der orthodoxen Kirche? Wird eine solche Textsammlung in diesem Jahr 2011 bei uns Leser finden? Wer die im Johannes Verlag Einsiedeln erschienenen Darlegungen des russisch-orthodoxen Exiltheologen Alexander Schmemann (1921–1983) liest, kann die zweite Frage nur bejahen. Denn es handelt sich um eine höchst bemerkenswerte Publikation.

Das Bändchen beinhaltet zum einen ehemals auf russisch gehaltene Mutter-Gottes-Predigten Schmemanns, die über den Radiosender Freies Europa ausgestrahlt wurden. Ihr Publikum waren im seinerzeit kommunistischen Sowjetrussland vor allem Nichtgläubige. An eine amerikanische, akademische Öffentlichkeit richten sich dann Schmemanns ursprünglich englische Vorträge über die Gottesmutter, die im zweiten Teil des Buches gesammelt sind. Natürlich bringen der unterschiedliche Charakter der Texte und der unterschiedliche Adressatenkreis es mit sich, dass das Sprachniveau in der zweiten Buchhälfte höher liegt als bei den Marienpredigten. Der interessierte Laie wird hier öfter einen Begriff nachschlagen müssen, um den Autor ganz zu verstehen.

Insgesamt bleiben aber für den ganzen Band rühmenswert das Bemühen um ein Wachstum des Glaubens der Zuhörer, eine klare und gesicherte Kirchlichkeit der Verkündigung und eine große und tiefe Liebe zur Mutter des Herrn. Schmemann setzt auf ruhige Darlegung und – besonders im ersten, dem Predigtteil – auf eine schöne, fassbare Sprache, die dem „Gegenstand“ der Publikation in besonderer Weise angemessen erscheint.

Es ist die – heute wieder hochaktuelle – Auffassung Schmemanns: „Maria, nicht die Priesterversammlungen und Massenproteste, kann und wird die Welt läutern.“ So irritiert den Autor eine gewisse marianische Kühle, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Teile der katholischen Kirche Einzug gehalten hat. Diese Kühle stellt für ihn eine eindeutige Fehlentwicklung dar, denn: „Wenn wir die Krise, in der wir uns heute befinden, wahrnehmen, wenn wir die Tiefe der heutigen Probleme wirklich zu erfassen vermögen, wie auch die Tatsache, dass sich die eigentliche Krise nicht auf der Ebene von ,Anpassungen‘ zwischen Kirche und Welt abspielt, sondern auf dem Grund einer letzten – christlichen – Schau von Gott, Welt und Mensch, dann sollten wir auch begriffen haben, was in der Marienverehrung jahrhundertelang wirklich zum Ausdruck kam.“

Überaus ermutigend ist es, als katholischer Christ in der von Resignation zum einen, vom Theologen-Memorandum zum anderen geprägten kirchlich-theologischen Landschaft der westlichen Zivilisation von orthodoxer Seite her eine entschiedene Ermunterung zum Festhalten an Unaufgeb-barem und zur Fruchtbarmachung der unverkürzten Wahrheit des Glaubens zugesprochen zu bekommen.

Schmemanns Marienbuch könnte zur Klärung und zur Versachlichung in den überhitzten Debatten unserer Zeit beitragen. Ganz klar ist ihm die Tatsache, dass die Rede von Maria in die Herzen dringen, dass sie verstanden werden muss, dass aufzuzeigen ist, wie sie nicht „über der Welt“ schwebt, sondern die Antwort auf viele bedrängende Probleme darstellt. Nur irgendwie von der Gottesmutter zu sprechen, sich schaler Worthülsen zu bedienen, reicht umso weniger aus, als der Lebensentwurf Mariens ja im Kontrast zur heutigen Welt steht, als er einen Gegenentwurf zu einer gängigen Lebenspraxis darstellt: „Je höher und reiner, je heiliger und schöner das ist, worüber du sprechen willst, desto schwieriger ist es.“

In seinen Predigten und Vorträgen wird Schmemann den Schwierigkeiten einer heiklen „Verkündigungslage“ in hervorragendem Maße gerecht. Was er sagt, was er vor allem in den Predigten über Maria einer atheistischen Öffentlichkeit Russlands vor der Wende dartut, hat das Potenzial, suchenden Menschen im heutigen Westen eine hervorragende Hilfe zum Glauben zu sein: Es ist gediegen und plausibel. Dem Buch ist deswegen weite Verbreitung zu wünschen.

Beeindruckend ist auch Schmemanns Fähigkeit, selbst eher am Rande liegende Dinge des Glaubens, wie den Tempelgang Mariens, geistlich aufzuschließen, sowie seine klare Gegenüberstellung von christlicher Glaubensfreude und verbissenem kommunistischem Klassenkampf. In politischer Hinsicht gibt es für Schmemann überhaupt eine Klarheit, wie sie leider nicht alle Teile der russischen Orthodoxie in der Zeit des „real existierenden Sozialismus“ an den Tag gelegt haben: Der Autor ist entschiedener Antikommunist und voll Trauer über die unermesslichen geistigen Flurschäden, die die Revolution von 1917 angerichtet hat. Diese Trauer ist gleichwohl nicht hoffnungslos: „Und gäbe es noch so viel Sünde und Abfall, mag das Dunkel des Lebens noch so grauenvoll sein, dieses strahlende Bild der Mutter, der Fürsprecherin, der Trösterin, der Beschützerin der Welt war mit uns, über uns, in uns.“ Die gläubige Erinnerung wird zum Zuversicht spendenden Impuls für die Zukunft.

Schmemanns Theologie ist die seiner Kirche; so vertritt er die Marientodhypothese, bezüglich derer das katholische Lehramt keine endgültige Festlegung getroffen hat; interessant sind die Nachrichten über ein Marienfest „Versammlung zu Ehren der Allerheiligen Gottesgebärerin“, das die orthodoxe Kirche am zweiten Weihnachtstag feiert. Man wird das Bändchen mit Gewinn lesen.

Alexander Schmemann: Die Mutter Gottes. Johannes Verlag Einsiedeln, Freiburg i. Br. 2010, 111 Seiten, EUR 12,–

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