Was Augustinus über das Lügen dachte

In seiner Schrift „De mendacio“ entfaltet Augustinus epistemologische und sprachtheoretische Gedanken, die nichts an Aktualität eingebüßt haben. Ein Lektüre- und Diskussionsseminars des Würzburger „Zentrums für Augustinus-Forschung“ (ZAF) setzte sich damit auseinander. Von Clemens Schlip

Augustinus über das Lügen
Die schlimmste Lüge ist für Augustinus die, die in der religiösen Unterweisung geschieht; die am wenigstens schlimme die, die vor körperlicher Unreinheit (besonders durch Vergewaltigung) bewahren soll. Foto: Francesca Braidi (122664456)

Was ist Lüge? Nicht erst im Zeitalter der fake news besitzt diese Frage Relevanz. Sie beschäftigte schon Augustinus in seiner Schrift „De mendacio“ („Über die Lüge“), in der er als erster dieses Phänomen umfassend systematisch betrachtete. Neben der Frage nach dem Wesen und den verschiedenen Arten der Lüge leitete ihn dabei noch eine andere: Ist es unter Umständen sittlich erlaubt zu lügen?

"De mendacio" gehört zu den schwierigen Werken des Kirchenvaters

Das Buch gehört zu den schwierigen Werken des Kirchenvaters. Er selbst nannte es im Rückblick „dunkel und umschweifig“ und hatte nach der Abfassung einer weiteren Schrift zum Thema die Vernichtung des älteren Textes angeordnet. Als Greis stellte er bei der Sichtung seiner Werke fest, dass man seinen Befehl nicht befolgt hatte. Die Nachwelt kann für die Bewahrung von „De mendacio“ nur dankbar sein, denn Augustinus entfaltet darin in innovativer Weise epistemologische und sprachtheoretische Gedanken, die nichts an Aktualität eingebüßt haben. Ganz unberechtigt war sein eigenes kritisches Urteil freilich nicht: Moderne Gelehrte haben den Gedankengang in „De mendacio“ mit der Echternacher Springprozession verglichen (zwei Schritte vor, einer zurück).

Dieses Buch bildete den Gegenstand des diesjährigen eintägigen Lektüre- und Diskussionsseminars des Würzburger „Zentrums für Augustinus-Forschung“ (ZAF). Die hervorragend besuchte Veranstaltung fand in der Bibliothek des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie und Vergleichende Religionswissenschaft statt. Drei Mitarbeiter des Zentrums und vier Professoren der Universität Würzburg führten das Publikum schrittweise durch den Text.

Unwahrheit ist nicht gleich Lüge

Christof Müller, Wissenschaftlicher Leiter des ZAF, führte in den Text ein. Er entstand etwa zwischen 394 und 396. Den konkreten Anlass dazu bot wohl der Galaterkommentar des Hieronymus, der Augustinus zum Widerspruch herausforderte. Dort wurde postuliert, Paulus habe im Galaterbrief an einer Stelle gelogen (Gal 2,14), an der er Petrus dafür kritisiert, in der Frage des Umgangs mit den Heidenchristen gegen die Wahrheit des Evangeliums gehandelt zu haben. Laut Hieronymus war dieser Konflikt in Wirklichkeit nur ein „Scheingefecht“ der Apostelfürsten gewesen.  

Der Philosophiehistoriker Jörn Möller arbeitete bei der Betrachtung der Eingangskapitel der Schrift im Kontrast zum gerade heute oft sehr ungenauen allgemeinen Sprachgebrauch – in dem jede Unwahrheit als Lüge bezeichnet wird – heraus, dass der Begriff der Lüge bei Augustinus sehr präzise definiert ist. Bei ihm ist die objektive Unwahrheit der Aussage kein hinreichendes Kriterium; daneben müssen auf Seiten des Sprechers auch noch subjektive Unwahrhaftigkeit und eine gegen seinen Kommunikationspartner gerichtete Täuschungsabsicht vorliegen, damit man von einer Lüge sprechen kann.

Niemals um des zeitlichen Lebens einer Person willen Lügen

Der Philosoph Karl Mertens führte durch jene Passagen, in denen Augustinus unter anderem Bibelstellen betrachtet, die von manchen – ungeachtet des an anderen Stellen kategorisch formulierten Lügenverbotes – zur Rechtfertigung „nützlicher Lügen“ herangezogen wurden. Gegen diese Deutung von Lügen in der Heiligen Schrift schloss Augustinus selbst sich jedoch der Ansicht an, dass sie entweder allegorisch aufzufassen sind oder im unmittelbaren Kontext der Handlung eine charakterliche Verbesserung aufseiten des Lügners darstellen.

Ein wesentliches Thema von „De mendacio“ ist die Frage, ob die Lüge gestattet ist, um ein Übel (für sich selbst oder andere) zu verhindern. Augustinus lehnt sie auch in solchen Fällen ab und findet dafür Formulierungen wie die folgende: „Da man also durch Lügen das ewige Leben verliert, darf man niemals um des zeitlichen Lebens einer Person willen lügen.“ Zu einem vergleichbaren Schluss kommt er auch hinsichtlich des von ihm besonders aufmerksam betrachteten Extremfalls einer drohenden körperlichen Entehrung durch Vergewaltigung. In diese Gedankengänge Augustins führte besonders der ZAF-Mitarbeiter Andreas Grote ein.

Augustinus unterscheidet acht Arten der Lüge

Insgesamt unterscheidet Augustinus acht Arten der Lüge. Die schlimmste ist für ihn dabei die Lüge, die in der religiösen Unterweisung geschieht, die am wenigstens schlimme die, die vor körperlicher Unreinheit (besonders durch Vergewaltigung) bewahren soll. Für die Frage, inwiefern eine Lüge zulässig sein kann, ist entscheidend, ob das in der Bibel verschiedentlich formulierte Lügenverbot absolut zu verstehen ist. In diesem Zusammenhang stellt Augustinus auch allgemeine Reflexionen über das richtige Verständnis neutestamentlicher Weisungen – denen Christus selbst oder die Apostel an anderen Stellen scheinbar selbst zuwiderhandeln – an, die der Kirchenhistoriker Dominik Burkard erläuterte
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ZAF-Mitarbeiter Guntram Förster führte durch die Überlegungen des Kirchenvaters über das richtige Verständnis derjenigen Bibelstellen, die konkret das Lügen verbieten. Der Latinist Christian Tornau vollzog abschließend detailliert nach, wie Augustinus in den letzten Kapiteln seiner Schrift eine „Kriteriologie der Ausgleichssünden“ erstellt und wie er die Lüge darin einordnet. Unter „Ausgleichssünde“ ist dabei eine schlimme Tat zu verstehen, die begangen wird, um eine noch schlimmere zu verhindern.

Keine Art der Lüge ist für Augustinus sittlich erlaubt

Als Resultat ergab sich bei dieser Schlussbetrachtung: Keine der von Augustinus definierten acht Stufen der Lüge ist für ihn sittlich erlaubt. Besonders im Kontext der Vermittlung von Heilswahrheiten lehnte er Lügen strikt ab. Die Auslegung, die Hieronymus dem Galaterbrief gab, musste er daher von seinem Standpunkt aus energisch ablehnen, da sie den Glauben an die Wahrhaftigkeit der Heiligen Schrift zu gefährden drohte.

Der „mäandernde Traktat“ (Tornau) „De mendacio“ regte das Publikum erkennbar zu konzentriertem Nachdenken und interessierten Debatten an. Es ist sicher nicht falsch, wenn man dies als Beweis für die Alltagsrelevanz ansieht, die Augustinus selbst für dieses Werk beanspruchte.

DT

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