Veraltet, aktuell, zeitlos oder prophetisch?

Eine Diskussion über die Bedeutung der „Theologie des Leibes“. Von Maria Pelz

Statue des heiligen Papst Johannes Paul II.
Schneebedeckte Statue vom heiligen Papst Johannes Paul II. am 3. April 2016 in Stockbridge in den USA. Foto: Octavio Duran (KNA)

Kirche und Sexualität? Als erstes fallen da wohl die Stichworte „Missbrauchsskandal“, „sexualisierte Gewalt“, „Geschlechtergerechtigkeit“ beziehungsweise „Benachteiligung von Frauen in der katholischen Kirche“ und „Gender und Kirche“: Ärgerliches, Verbrechen, Defizite, Skandale, Kontroversen, Beklagenswertes und Zeitgeistiges.  Aber wo ist die positive Vision, die Gott, die auch die Kirche von der Sexualität des Menschen hat, wo ist das Echo der ersten Seiten der Bibel mit dem hymnischen Ausruf des Adam: „Endlich Fleisch von meinem Fleisch, Bein von meinem Bein“?

Zum Glück gab es auf dem Katholikentag in Münster auch die positive Vision. Neben spirituellen Angeboten an verschiedenen Orten gab es zum Beispiel das Podium: „Liebe, Ehe, Sex – (un-)zeitgemäße Ansichten der Kirche?“ Unter diesem Titel wurde „über die Bedeutung der Theologie des Leibes“ nachgedacht und diskutiert. Angesiedelt war dieses Podium thematisch im Themenbereich „Kirche und Theologie“ und räumlich in einem Raum des „Hauses der Familie“, der für die zahlreichen Menschen, die diese Veranstaltung besuchen wollten, viel zu klein war, sodass bereits eine halbe Stunde vor Beginn niemand mehr die Chance hatte, hineinzukommen.

„Theologie des Leibes“: Mit diesem Begriff ist das Denken des heiligen Papstes Johannes Pauls II über die menschliche Liebe gemeint, das sich in dessen seelsorglicher Tätigkeit erst als junger Kaplan, dann in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Professor für Ethik an der Katholischen Universität in Lublin (1957-59: „Liebe und Verantwortung“, Vorlesungen über Sexualmoral) und dann in seiner Verantwortung als Bischof in seiner Diözese Krakau entfaltete. Die Gründung eines „Institutes für Familienforschung“, das selbstverständlich interdisziplinär aufgestellt war, im Jahr 1969 in seinem Bistum war eine wichtige Frucht dieses Denkens. Als Papst entfaltete er diese Gedanken systematisch in den 130 Mittwochskatechesen der Jahre 1979-1984. Was ist der Inhalt, kurz gefasst und auf die Frage des Podiums bezogen?

Als Philosoph, der sich in seiner Habilitationsschrift gründlich mit den Gedanken Max Schelers beschäftigt hatte, ging er phänomenologisch an die menschliche Liebe heran, was heißt, dass er davon überzeugt war, dass er die Realität und das Wesen der Liebe durch die Erfahrung, die die jungen Paare ihm mitteilten, betrachten und umreißen könne. Dabei entwickelte er in der Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der kirchlichen Lehre, wie sie sich in der Schrift und der Tradition der Kirche entfaltet hat, einerseits, und mit der modernen Philosophie andererseits und darüber hinaus in engem Kontakt mit zahlreichen  jungen Menschen einen neuen, personalistischen Ansatz, der die kirchliche Ehelehre plausibler als es „Humanae vitae“ möglich gewesen war, erklärte und für moderne Menschen einsichtig machen konnte, weil er vor allem vom Begriff der Person ausging und deshalb nicht, wie die rein neuscholastische Schule, in die Gefahr geriet, in der Liebe eher ein statisches und abstraktes System zu verstehen, das in einem immer genaueren Regelwerk von Ge- und Verboten ausgelegt wurde. Dabei kritisierte er sowohl Scheler wie auch Kant, um zu einer eigenen philosophischen Synthese zu kommen. Mit seiner Herangehensweise hat er die menschliche Liebe gewürdigt wie kein anderer Papst vor ihm. Seine Überzeugung war, dass die menschliche Liebe eine große Würde besitze, da sie den trinitarischen Gott in der Welt abbilde. Liebe dürfe den anderen nie zum Objekt machen. Unter anderem folgt daraus die Ansicht, dass die natürliche verantwortliche Elternschaft dem Wesen der menschlichen Liebe als Hingabe besser entspreche als die künstliche Verhütung – ein heißes Eisen, damals wie heute. George Weigel nennt die „Theologie des Leibes“, weil sie die Leiblichkeit des Menschen radikal ernst nimmt, „eine Art theologische Zeitbombe“, die als hermeneutischer Schlüssel für viele andere theologische Themen eines Tages dramatische Änderungen in der Theologie hervorrufen werde.

Die Frage, ob die Theologie des Leibes denn nun zeitgemäß oder unzeitgemäß ist, wurde auf dem Podium unterschiedlich beantwortet. Der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, der 2002 über die Ehelehre von Johannes Paul II. promovierte, stellte in seinem Eingangsreferat heraus, dass für ihn die Theologie des Leibes weder das eine noch das andere sei, sondern einfach „prophetisch“. Die 2000 Jahre Kirchengeschichte seien auch immer ein „Kampf um den Leib“ gewesen, beginnend bei der Frage nach Jesus Christus, dessen Fleischwerdung ein Skandalon für das antike Denken gewesen sei. Wenn man die paulinische Aussage „Wisst ihr nicht, dass euer Leib Tempel des Heiligen Geistes ist?“ nicht ernst nehme, lande man entweder bei einem moralischen Rigorismus oder bei einem unbegrenzten Libertinismus. Beide Richtungen seien im Grunde Zeichen von Leibfeindlichkeit. Demgegenüber stellte Weihbischof Schwaderlapp heraus, dass der Leib „etwas Großartiges“ sei, „ein Instrument in der Hand Gottes, um in dieser Welt zu wirken, und bestimmt zur Auferstehung“. Dies führte ihn zu seiner Kernthese: „Die Botschaft der Kirche schützt Leben, Leib und Liebe“, die er überzeugend ausführte: Sie sei eine Hilfe, um authentisch in der Beziehung zum eigenen Ich, zum „Du“, das nicht instrumentalisiert werden dürfe, und zur Schöpfung zu leben. Insofern sei die Lehre der Kirche nicht in Kategorien von veraltet oder aktuell, sondern als „menschengemäß“ zu bewerten.

Ähnlich sah es Karolin Wehler, Referentin zur Theologie des Leibes und für die Ehevorbereitung, Ausbilderin in Natürlicher Familienplanung und TeenStar-Gruppenleiterin, Ehefrau und Mutter von sechs Kindern. Sie verglich die „Theologie des Leibes“ mit einer „Brille oder einem Fernrohr, das uns hilft, Gottes Plan zu verstehen“. An Gott würden wir ablesen können, wie die Liebe beschaffen sein müsse, um zur Erfüllung der menschlichen Sehnsucht nach Glück zu führen: Gottes Liebe sei frei, treu, uneingeschränkt und lebensspendend, und der Mensch als sein Geschöpf sei aufgerufen, diesem Urbild von Liebe ähnlich zu werden. Die „Theologie des Leibes“ habe „Potenzial für die Erneuerung der Gesellschaft“ und sei weder zeitgemäß noch unzeitgemäß, sondern „zeitlos“.

Der Regensburger Moraltheologe, Ständige Diakon, Ehemann und Vater von fünf Kindern, Prof. Dr. Rupert Scheule, war der „charmante Provokateur“ (so Wehler) auf dem Podium, der die kritische Seite vertrat: Die Theologie des Leibes trage „einige Vereinsamungstendenzen“ in sich. Der phänomenologische Ansatz sei für die Exegese nicht statthaft und die sexuellen Erfahrungen seiner Mitmenschen hätten Karol Wojtyla nicht interessiert, zudem habe der Austausch mit den Humanwissenschaften gefehlt. Diese Aussagen verblüffen: Der junge Wissenschaftler Wojtyla hatte bereits in den 1960er Jahren, vor dem 2. Vatikanischen Konzil, mit seinen Freunden, unter denen Psychologen und Mediziner waren, seine Vorlesungen vor deren Veröffentlichung sehr intensiv diskutiert. Zu seiner wissenschaftlichen Arbeit zu diesem Thema hatten ihn die jungen Menschen um ihn herum inspiriert, die er in ihren Berufungsgeschichten als Seelsorger und  Freund intensiv begleitet hatte, worauf Karolin Wehler zu Recht aufmerksam machte. Und wenn ein Theologe kritisiert, dass die „Theologie des Leibes“ die Gläubigen nicht in Scharen begeistere, sondern die, die sich dafür interessieren, eher in eine Vereinsamung des Denkens führe, dann wird daraus ein Bumerang für die deutsche Universitätstheologie, die die Auseinandersetzung mit diesem Thema immer noch eher scheut als befeuert. Zudem dürfte bei der heutigen Vielfalt der exegetischen Herangehensweisen (von denen die feministische, befreiungstheologische und  tiefenpsychologische Weise nur die bekanntesten sind) Wojtylas Ansatz ebenso statthaft sein wie diese, zumal in dem Originaltext immer wieder die damals erreichbare deutsche, französische, italienische und englische exegetische Fachliteratur rezipiert ist und Wojtyla auch eigene Exegese im genauen Rückgriff auf den hebräischen und griechischen Urtext betreibt. Immerhin konzedierte Scheule der Theologie des Leibes wohlwollend „Ansätze, die man weiterdenken muss, um sie fruchtbar zu machen“, und nannte dazu die von Johannes Paul II. behandelte und in den verschiedensten Wissenschaften zurzeit beachtete „Vulnerabilität“ des menschlichen Leibes, die im Allgemeinen als etwas Negatives abgelehnt würde, bei Johannes Paul II. jedoch unter den Stichworten „Verletzlichkeit, Nacktheit und Scham“ als etwas Positives behandelt würde, da es ohne sie keine Intimität gäbe. Scheules versöhnliches Fazit: „Mit der Theologie des Leibes sind wir noch längst nicht fertig“.
Die sich anschließende Diskussion unter den drei Fachleuten war freundlich im Ton, dabei hart in der Sache. Einig waren sich die Referenten darin, dass es in der Morallehre der Kirche in Sachen Ehe und Familie nicht darum gehe, „die Latte noch höher zu hängen“ oder gar eine „Spielverderbermoral“ zu verkünden, vor der die Menschen nur davonlaufen könnten, sondern um eine Hilfe, die Sexualität in Würde und so zu leben, dass sie das Glücklichwerden des Menschen unterstützt. Das Thema „außer- und voreheliche Sexualität“ wurde dabei von den Referenten unterschiedlich bewertet. Die Fragen aus dem Publikum zeigten eine große Sehnsucht nach Glück und auch die Schwierigkeiten auf dem Weg dorthin. Was denken beispielsweise Eheleute, die keine Kinder bekommen können, wenn die Kirche zum Thema „Fruchtbarkeit“ ständig die Wichtigkeit und Schönheit von Familie betont? Weihbischof Schwaderlapp nahm diese Kritik hin und erklärte, zukünftig diesen Punkt mitbedenken zu wollen, wenn er sich zu Ehe und Familie äußern werde, denn die Fülle des Lebens sei auch in anderer Hinsicht lebbar.

Klar und durch die Referenten beklagt wurde einmal wieder, dass tendenziell in der Verkündigung eine große Sprachlosigkeit zum Thema Sexualität und Glaube herrscht, die unbedingt aufgebrochen werden muss durch eine zeitgemäße Sprache für die Verkündigung der kirchlichen Lehre. Und klar wurde auch, dass dieses Podium eine gute und wichtige Veranstaltung war, aber leider die Platzierung der Wichtigkeit des Themas und dem, was die Referenten zu sagen hatten, nicht angemessen war. Eine weitere Erkenntnis: Es ist zweifellos wichtig, unter Fachleuten für ein kundiges Publikum über die Theologie des Leibes zu diskutieren, wie es hier der Fall war, aber mindestens genauso dringend wäre es, auf den großen Treffen der Katholiken Veranstaltungen anzubieten, in denen erst einmal geklärt wird, was die Theologie des Leibes überhaupt ist und was sie mit der Suche nach dem Heil des Menschen zu tun hat. Denn dies war einem Teil des Publikums überhaupt nicht klar und auch nicht der Sinn dieses Podiums. Firmlinge unvorbereitet zu dieser Veranstaltung zu schicken hatte also leider nicht wirklich Sinn für die betroffenen Jugendlichen, die eher ratlos zurückblieben. Zu bedenken wäre auch die Frage, in welchem Verhältnis Exegese, Naturrecht, philosophischer Personalismus, gesellschaftliche Veränderungen und aktuelle Forschungsergebnisse aus den Humanwissenschaften zueinander stehen, wenn es um die Frage nach der Aktualität der „Theologie des Leibes“ geht. Welche Bedeutung die Praxis der Gesellschaft als Erkenntnisquelle für die Theologie hat, ist im Moment ja eher umstritten und wäre für das Bewusstsein unserer Glaubensgemeinschaft dringend neu verbindlich zu klären. Und die Frage nach der Heilung, dem Heil und schließlich der Heiligkeit beziehungsweise der Spiritualität von Paaren, die ihr Leben bewusst in der Nachfolge Christi gestalten wollen, wäre als geistliche Dimension ebenfalls ergänzend zu bedenken. In diesem Licht würde sich die Frage nach den Vereinsamungstendenzen mit Sicherheit noch einmal ganz anders stellen. Es ist sicher kein Zufall, dass in den modernen geistlichen Gemeinschaften die Lehre der Kirche und die Theologie des Leibes die Menschen interessiert, bewegt und verbindet statt vereinzelt. Es ist der wissenschaftlichen Theologie und der kirchlichen Verkündigung zu wünschen, dass sie sich diesem zentralen Thema stärker als bisher annehmen und dafür eine Sprache entwickeln und sprechen, die den interessierten Gläubigen und besonders den jungen Menschen wirklich eine Hilfe auf ihrer Suche nach dem Glück in ihren Beziehungen, in der Sexualität und damit auf ihrem Berufungsweg sein kann. Die Ständige Kommission IX „Ehe und Familie“ der Deutschen Bischofskonferenz, der sowohl Rupert Scheule wie Dominikus Schwaderlapp angehören, erarbeitet gerade Qualitätsstandards für die Ehevorbereitung. Eine neue Chance für die Verbreitung der prophetischen Aussagen der Theologie des Leibes als ein wirklich weiterführendes Orientierungsangebot für junge Christen.