Theologe Zulehner: Missbrauchsgipfel erst der Anfang

Die Kirche stehe am Beginn eines Aufarbeitungsprozesses, so der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner. Dabei müsse es auch gelingen, Vertrauen herzustellen, sodass Eltern ihre Kinder weiterhin der Kirche anvertrauten.

Theologe Zulehner zum Missbrauchsgipfel
„Ich denke, dass in den Schlüsselpunkten, die zu einer sehr konkreten Lösung in den nationalen Bischofskonferenzen führen müssen, der Startschuss erfolgte“, so der Religionssoziologe Zulehner zum Missbrauchsgipfel im Vaitkan. Foto: Giuseppe Lami (ANSA)

Für den Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner war der jüngst zu Ende gegangene Missbrauchsgipfel im Vatikan nur der Anfang eines Aufarbeitungsprozesses der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. „Ich denke, dass in den Schlüsselpunkten, die zu einer sehr konkreten Lösung in den nationalen Bischofskonferenzen führen müssen, der Startschuss erfolgte“, so der Religionssoziologe im Gespräch mit dem Kölner „Domradio“. Die Zusammenkunft als Abschluss zu betrachten und zu sagen „jetzt haben wir's“, hält der 79-Jährige für eine „völlige Fehleinschätzung“.

Dienst des Priesters muss "auf den Boden gestellt werden"

Für die Zukunft sei entscheidend, nicht nur die Vergangenheit aufzuarbeiten, „sondern wie die Kirche verhindern kann, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr der Kirche anvertrauen“. Man müsse der Prävention vertrauen, meint Zulehner. „Da geht es natürlich um die Frage der Priesterausbildung und um ein psychologisches Screening vor der Weihe.“ Wer in der Pastoral tätig sei, müsse im Team arbeiten und brauche eine gewisse Aufsicht.

Auf die Frage, welches Priesterbild in der heutigen Zeit gefragt sei, antwortet Zulehner: „Ich denke, der Dienst des Priesters muss wieder ganz auf den Boden gestellt werden – als Dienstleistung an den lebendigen Gemeinden.“ Der einzige Dienst, den ein Priester zu leisten habe, sei dafür zu sorgen, dass seine Gemeinde „in der Spur des Evangeliums“ bleibe, so der Theologe. „Und da gibt es dann keine Grundlage mehr für eine Überhöhung, ein mystisches Priesterbild oder eine falsch verstandene Heiligkeit des Amtes.“ Priester seien nicht hochwürdiger als „alle Frauen und Männer, die Gott seiner Kirche hinzugefügt hat“.

Menschen mit sexueller Unreife kommen in die Kirche

Um sexuellem Missbrauch erfolgreich vorzubeugen, müsse man laut Zulehner das Problem angehen, dass aus den Familien heraus oft Personen mit emotional-sexueller Unreife in die verschiedensten Bereiche der Gesellschaft hineinkämen. Diese Menschen mit sexueller Unreife kämen auch in die Kirche. „Da hat die Kirche die extreme Aufgabe, sicherzustellen, dass niemand Priester wird, der diese sexuelle Unreife dann im priesterlichen Amt in der Pastoral ausspielen kann.“

DT/mlu

Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost. Kostenlos erhalten Sie die Zeitung hier.