Freiburg

Theologe Striet bestätigt ungewollt Benedikts Missbrauch-Analyse

In seinem Schreiben kommt Benedikt zudem auf einen zentralen Punkt: die Verankerung der Moral im biblischen Gottesbild. Eine polemische Erwiderung des Theologen Magnus Striet gegen das Schreiben bestätigt jedoch die Analyse des emeritierten Papstes.

Papst Benedikt XVI. zur Missbrauchskrise
Mit dem Papa emeritus, Benedikt XVI., hat jemand zur Missbrauchskrise Stellung genommen, der den gesellschaftlichen und kirchlichen Umbruch an vorderster Front erlebt und durchlitten hat. Foto: Christian Gennari (KNA)

Der Wunsch, ja das Gebetsanliegen, es möchte ein Bischof auf dem Missbrauchsgipfel im Februar in Rom eine Bilanz ziehen zu 50 Jahren „Befreiung der Sexualität“ und die diesbezügliche Position der „Kirche“, ging nun doch noch in Erfüllung. Mit dem Papa emeritus, Benedikt XVI., nahm dazu jemand Stellung, der den gesellschaftlichen und kirchlichen Umbruch an vorderster Front erlebt und durchlitten hat: als Theologieprofessor in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, als Erzbischof von München und Freising, als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation und schließlich als Nachfolger Petri auf dem Bischofsstuhl in Rom.

Die Versklavung unter einen ungebändigten Eros ist offenkundig

Dass „Befreiung der Sexualität“ in Anführungszeichen zu setzen ist, wurde von Fachleuten wie Christa Meves in vielen Schriften mit guten Argumenten und aus der praktischen Erfahrung des Psychotherapeuten nachgewiesen: In Wahrheit ist die Versklavung unter einen ungebändigten Eros offenkundig. Dabei war es gerade Benedikt, der in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ in mutiger Weise von der positiven Bedeutung des Eros als göttlicher Macht geschrieben hat, die aus der Enge des menschlichen Daseins führen kann – aber ohne die integrierende Kraft der Caritas „ist der trunkene, zuchtlose Eros nicht Aufstieg, ,Ekstase‘ zum Göttlichen hin, sondern Absturz des Menschen“ (Nr.4).

In seinem Schreiben kommt Benedikt zudem auf einen zentralen Punkt: die Verankerung der Moral im biblischen Gottesbild. Ungewollt und hervorragend bestätigt hat diese Analyse der Freiburger „Fundamentaltheologe“ Magnus Striet in einer polemischen Erwiderung gegen das erwähnte Schreiben. Striet hat sich nämlich explizit vom biblischen Gottesbild verabschiedet: „Die Gewissheit eines freien Gottes, wie er auf den biblischen und Reflexions- und Traditionslinien des Gottesbewusstseins ausgeprägt wurde, wie er ... bis heute in der Frömmigkeitspraxis vorausgesetzt wird, ist auf der Begründungsebene nicht mehr zu erreichen. Seine empirische Präsenz in der Praxis zeigt nur an, dass es eine anthropologisch analysierbare Sehnsucht nach ihm gibt, nicht aber auch seine vom menschlichen Begriff unabhängige Existenz“.

Striet postuliert eine „autonome Moral“ und nimmt dafür zu Unrecht Kant in Anspruch

Striet postuliert eine „autonome Moral“ und nimmt dafür zu Unrecht Immanuel Kant in Anspruch. Für den Königsberger Philosophen resultiert wahre Freiheit als Postulat aus der Einsichtigkeit des Sittengesetzes, das er freilich nicht „Gesetz“ nennen sollte, da es weder vor- noch aufgesetzt ist, sondern als einsichtiger Ruf ergeht, der eine freie Antwort erwartet. Für Striet bedeutet „autonome Moral“ dagegen ungebundene Freiheit, die lediglich die Freiheit der anderen zu respektieren hat. Ein „freier Gott“ ist in diesem Menschenbild „auf der Begründungsebene nicht mehr zu erreichen“.

Warum die Kritik des Theologen Magnus Striet am Schreiben Papst Benedikts nicht gerechtfertigt ist, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 25. April 2019. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

DT