"Politische Entwicklungen mitverfolgen und mitgestalten"

Die Predigt von Bischof Ulrich Neymeyr vom Ersten Weihnachtstag im Erfurter Dom im Wortlaut.

An Weihnachten ist die Liturgie der Heiligen Nacht geprägt von der wunderbaren Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas, die Weltliteratur geworden ist und in unendlich vielen Krippenspielen nachempfunden wird. Am Hochfest der Geburt des Herrn, wie der Weihnachtsfeiertag offiziell heißt, wird uns im Evangelium der Johannesprolog verkündet. Er ist hohe Theologie, die Frucht des langen Nachdenkens über die Person, das Wirken und die Geschichte Jesu Christi. Das Johannesevangelium und die drei Johannesbriefe, die im Neuen Testament überliefert sind, sind möglicherweise in einer sogenannten „johanneischen Schule“ entstanden, gegen Ende des ersten Jahrhunderts, möglicherweise in Ephesus. Auf jeden Fall sind diese Schriften ein Zeugnis dafür, dass die Worte und Taten Jesu nicht nur weitererzählt und überliefert wurden, sondern auch theologische reflektiert wurden. Man hat auch Geschichten bewahrt, die in den drei anderen Evangelien nicht überliefert wurden, wie z.B. das erste Wunder Jesu auf der Hochzeit zu Kana, die Heilung eines Mannes am Teich Betesda oder die Fußwaschung beim letzten Abendmahl. In der „johanneischen Schule“ wurden diese Erzähltraditionen theologisch reflektiert. Die bedeutendste Frucht dieses Nachdenkens über das Erlösungswerk Jesu Christi ist der Johannesprolog, der fanfarenhafte Anfang des Johannesevangeliums, man könnte auch sagen „Weihnachten bei Tag betrachtet.“ Der zentrale Satz lautet: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Joh 1,14). Das Wort – im griechischen steht logos – ist die göttliche Person, die sich mit der Person des Menschen Jesus von Nazareth vereinigt hat und dadurch aus der ewigen unendlichen Welt Gottes in die Welt von Raum und Zeit eingestiegen ist. In Jesus Christus ist der dreifaltige Gott nicht nur ideell in den Strom der Geschichte und in die Welt der Menschen eingestiegen, sondern reell in einem konkreten Menschen: „Und das Wort ist Fleisch geworden.“
 
Der Folgesatz: „Und hat unter uns gewohnt.“, müsste wörtlich übersetzt lauten: „Und hat unter uns gezeltet.“ In dem griechischen Wort, das das Johannesevangelium hier verwendet, steckt der Begriff „Zelt“ – auf Griechisch σκην? [skänä, BiP]– die Grundlage des deutschen Fremdwortes Szene. Man könnte nun meinen, der dreifaltige Gott habe in der Person des Jesus von Nazareth nur vorübergehend in unserer Menschenwelt gezeltet und die Menschwerdung Gottes sei nur eine Szene in der Geschichte Gottes mit der Welt. Dies ist aber nicht vereinbar mit der Vorstellung, die die christlichen Zeitgenossen des Johannesevangeliums mit dem Begriff σκην? verbanden: Es war für sie das Offenbarungszelt, in dem Gott das Volk Israel auf dem Zug durch die Wüste begleitet hat. Es ist ein Bild für die bleibende Gegenwart Gottes unter den Menschen. Die Offenbarung des Johannes sieht auch in der himmlischen vollendeten Welt im Zentrum das Zelt Gottes unter den Menschen. Es heißt dort: „Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein und ihr Gott wird bei ihnen sein.“ (Off 21,3). Das Wort von der bleibenden Verbindung zwischen Gott und seinem Volk sowie zwischen Christus und den Gläubigen durchzieht das johanneische Schrifttum: „Gott ist Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ (1 Joh 4,16). Im Gleichnis vom Weinstock heißt es: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt.“ (Joh 15,4). Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, die wir heute an Weihnachten feiern, ist also keine Szene der Weltgeschichte, die mit der Himmelfahrt Christi zu Ende ist, vielmehr ist der dreifaltige Gott in Jesus Christus bleibend in der Welt gegenwärtig. Durch die Taufe wurden wir hineingetaucht in die Heilsgeschichte. Wir leben zwar nach wie vor in der Weltgeschichte, sind aber eingetaucht in den Strom der Heilsgeschichte. Auch die säkulare Welt, in der wir leben, hat in dem Moment, in dem das Wort Fleisch geworden ist, die Uhren und die Kalender auf Null gestellt. Wir rechnen auch die Weltgeschichte ab dem Datum der Geburt Jesu Christi. Vielen unserer Zeitgenossen bedeutet das nichts. Für uns als Christen ist die Geburt Jesu Christi das Urdatum der Heilsgeschichte und wir zählen ganz bewusst ab dem Oktavtag von Weihnachten ein neues Kalenderjahr. In den Strom der Geschichte, in dem wir mit unserem kurzen Menschenleben einige Jahrzehnte mitschwimmen, ist der dreifaltige Gott vor 2019 Jahren eingestiegen.
 
Das ist für uns nicht nur eine schöne und tröstliche Glaubensgewissheit, sondern zugleich die Ermutigung, im Strom der Geschichte nicht nur mitzuschwimmen, sondern ihn zu gestalten. Durch runde Jubiläumsjahre ist zurzeit vielen Menschen bewusst, wie rasch sich die Geschichte entwickelt und wie gefährlich es ist, sich von der Geschichte nur treiben zu lassen: Vor 80 Jahren sind die Erfurter wie gewohnt zur Martinsfeier auf den Domplatz gelaufen, vorbei an den rauchenden Trümmern der Synagoge, über Glassplitter der Fensterscheiben geplünderter jüdischer Geschäfte. Inwieweit das Ende des 1. Weltkrieges und die Weimarer Verfassung vor 100 Jahren dafür den Grundstock gelegt haben und wie die politischen Entwicklungen zwischen 1918 und 1938 gelaufen sind, ist nicht nur eine Frage, die Historiker beschäftigen sollte. Vielmehr macht uns die Kenntnis der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in diesen 20 Jahren sensibel für die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen heute. Wenn wir als Christen politische Entwicklungen mitverfolgen und mitgestalten, so sind wir dazu auch beauftragt und befähigt, weil wir glauben, dass an Weihnachten der dreifaltige Gott in den Strom der Geschichte eingestiegen ist. Daher beten wir immer wieder für alle, besonders aber für unsere Mitchristen, die in der Politik und der Gesellschaft und in der Wirtschaft den Gang der Geschichte mit beeinflussen und für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, die sich für gute politische Entwicklungen in anderen Ländern einsetzten.
 
Als Christen feiern wir dankbar, dass wir in der Taufe hineingetaucht wurden in das Erlösungswerk Jesu Christi und dadurch unser Leben ein Teil der Heilsgeschichte Gottes ist und immer mehr werden kann.

Bischöfliches Ordinariat Erfurt, Pressestelle

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