Vatikanstadt

Papstbrief: Evangelisierung als Leitkriterium der Erneuerung

Papst Franziskus äußert sich in einem Brief "An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland" zum "synodalen Weg". Er lobt Engagement und Reformanstrengungen der Katholiken. Zugleich mahnt er die Einheit mit der Weltkirche an. Die "Tagespost" veröffentlicht das Schreiben im Wortlaut.

Papst schreibt Brief an Katholiken in Deutschland
Mit dem am Samstag veröffentlichten Brief schaltete sich Franziskus in die Reformdebatte der katholischen Kirche in Deutschland ein. Foto: Andrew Medichini (AP)

Brief von Papst Franziskus

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Vatikanstadt, 29. Juni 2019

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Liebe Brüder und Schwestern,

Die   Betrachtung   der   Lesungen   der   österlichen   Festzeit   aus   der Apostelgeschichte hat mich bewegt, euch diesen Brief zu schreiben. In diesen Lesungen begegnen wir der allerersten apostolischen Gemeinde, die ganz von dem neuen Leben durchdrungen ist, das der Heilige Geist geschenkt hat, der gleichzeitig alle Umstände so gefügt hat, dass daraus gute Anlässe  zur  Verkündigung  geworden  sind.  Die  Jünger  schienen damals   alles   verloren   zu   haben   und   am   ersten   Tag   der   Woche, zwischen  Bitterkeit  und  Traurigkeit,  hörten  sie  aus  dem  Munde  einer Frau, dass der Herr lebe. Nichts und niemand konnte das Eindringen des Ostergeheimnisses  in  ihr  Leben  aufhalten  und  zugleich  konnten  die Jünger   nicht  begreifen,  was  ihre  Augen   geschaut  und   ihre   Hände berührt haben (vgl. 1 Joh  1,1).

Angesichts  dessen  und  mit  der  Überzeugung,  dass  der  Herr «mit seiner Neuheit  immer  unser  Leben  und  unsere  Gemeinschaft  erneuern  kann», möchte ich Euch  nahe sein  und Eure Sorge  um die Zukunft der Kirche in Deutschland teilen. Wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben, sondern vielmehr in einer Zeitenwende, die neue  und  alte Fragen aufwirft,  angesichts  derer  eine  Auseinandersetzung berechtigt und notwendig ist. Die Sachlagen und Fragestellungen, die ich mit  Euren  Hirten  anlässlich  des  letzten  Ad-limina-Besuches  besprechen konnte,  finden  sicherlich  weiterhin  Resonanz  in  Euren  Gemeinden.  Wie bei  jener  Gelegenheit,  möchte  ich  euch  meine  Unterstützung  anbieten, meine  Nähe  auf  dem  gemeinsamen  Weg  kundtun  und  zur  Suche  nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntern.

Mit Dankbarkeit betrachte ich das feine Netzwerk von Gemeinden und Gemeinschaften, Pfarreien und Filialgemeinden, Schulen und Hochschulen, Krankenhäusern und anderen Sozialeinrichtungen, die im  Laufe  der  Geschichte  entstanden  sind  und  von  lebendigem  Glauben Zeugnis  ablegen,  der  sie  über  mehrere  Generationen  hinweg  erhalten, gepflegt  und  belebt  hat.  Dieser  Glaube  ist  durch  Zeiten  gegangen,  die bestimmt  waren  von  Leiden,  Konfrontation  und  Trübsal,  und  zeichnet sich  gleichzeitig  durch  Beständigkeit  und  Lebendigkeit  aus;  auch  heute noch   zeigt   er   sich   in   vielen   Lebenszeugnissen   und   in   Werken   der Nächstenliebe    reich    an    Frucht.    Die    katholischen    Gemeinden    in Deutschland in ihrer Diversität und Pluralität sind weltweit anerkannt für ihr    Mitverantwortungsbewusstsein    und    ihre    Großzügigkeit,    die    es verstanden   hat,   die   Hand   auszustrecken   und   die   Umsetzung   von Evangelisierungsprozessen  in  Regionen  in  benachteiligten  Gegenden  mit fehlenden    Möglichkeiten    zu    erreichen    und    zu    begleiten.    Diese Großherzigkeit hat sich in der jüngeren Geschichte nicht nur in Form von ökonomischer  und materieller  Hilfe  gezeigt,  sondern  auch  dadurch,  dass sie   im   Laufe   der   Jahre   zahlreiche   Charismen   geteilt   und   Personal ausgesandt  hat:  Priester,  Ordensfrauen  und  Ordensmänner  sowie  Laien, die  ganz  treu  und  unermüdlich  ihren  Dienst  und  ihre  Mission  unter  oft sehr  schwierigen  Bedingungen  erfüllt  haben.2    Ihr  habt  der  Weltkirche große  heilige  Männer  und  Frauen,  große  Theologen  und  Theologinnen sowie  geistliche  Hirten  und  Laien  geschenkt,  die  ihren  Beitrag  für  das Gelingen einer fruchtbaren Begegnung zwischen dem Evangelium und den Kulturen geleistet haben, hin auf neue Synthesen und fähig, das Beste aus beiden  für  zukünftige  Generationen  im  gleichen  Eifer  der  Anfänge  zu erwecken.3     Dies   ermöglichte   bemerkenswerte   Bemühungen,   pastorale Antworten  auf  die  Herausforderungen  zu  finden,  die  sich  Euch  gestellt haben.

Hingewiesen  sei  auch  auf  den  von  Euch  eingeschlagenen  ökumenischen Weg,   dessen   Früchte   sich   anlässlich   des   Gedenkjahres   „500   Jahre Reformation“    gezeigt    haben.    Dieser    Weg    ermuntert    zu    weiteren Initiativen im Gebet sowie zum kulturellen Austausch und zu Werken der Nächstenliebe,    die    befähigen,    die    Vorurteile    und    Wunden    der Vergangenheit  zu  überwinden,  damit  wir  die  Freude  am  Evangelium besser feiern und bezeugen können.

 

2. Heute  indes  stelle  ich  gemeinsam  mit  euch  schmerzlich  die zunehmende Erosion und den Verfall des Glaubens fest mit all dem, was dies  nicht  nur  auf  geistlicher,  sondern  auch  auf  sozialer  und  kultureller Ebene  einschließt.  Diese  Situation  lässt  sich  sichtbar  feststellen,  wie  dies bereits Benedikt XVI. aufgezeigt hat, nicht nur «im Osten, wie wir wissen, wo  ein  Großteil  der  Bevölkerung  nicht  getauft  ist  und  keinerlei  Kontakt zur Kirche hat und oft Christus überhaupt nicht kennt»4, sondern sogar in sogenannten  «traditionell  katholischen  Gebieten  mit  einem  drastischen Rückgang  der  Besucher  der  Sonntagsmesse  sowie  beim  Empfang  der Sakramente»5.  Es  ist  dies  ein  sicherlich  facettenreicher  und  weder  bald noch   leicht   zu   lösender   Rückgang.   Er   verlangt   ein   ernsthaftes   und bewusstes Herangehen und fordert uns in diesem geschichtlichen Moment wie  jenen  Bettler  heraus,  wenn  auch  wir  das  Wort  des  Apostels  hören:

"Silber und Gold besitze ich nicht.
Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im
Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!" (Apg  3,6)

3. Um  dieser  Situation  zu  begegnen,  haben  Eure  Bischöfe  einen synodalen  Weg  vorgeschlagen.  Was  dieser  konkret  bedeutet  und  wie  er sich  entwickelt,  wird  sicherlich  noch  tiefer  in  Betracht  gezogen  werden müssen.    Meinerseits    habe    ich    meine    Betrachtungen    zum    Thema Synodalität    anlässlich    der    Feier    des    50-jährigen    Bestehens    der Bischofssynode  dargelegt6.  Es  handelt  sich  im  Kern  um  einen  synodos, einen gemeinsamen Weg unter der Führung des Heiligen Geistes. Das aber bedeutet, sich gemeinsam auf den Weg zu begeben mit der ganzen Kirche unter  dem  Licht  des  Heiligen  Geistes,  unter  seiner  Führung  und  seinem Aufrütteln,  um  das Hinhören zu lernen  und  den  immer  neuen Horizont zu erkennen, den er uns schenken möchte. Denn die Synodalität setzt die Einwirkung des Heiligen Geistes voraus und bedarf ihrer.

Anlässlich  der  letzten  Vollversammlung  der  italienischen  Bischöfe  hatte ich die Gelegenheit, diese für das Leben der Kirche zentrale Wirklichkeit nochmals in Erinnerung zu rufen, indem ich die doppelte Perspektive, die sie  verfolgt,  einbrachte:  «Synodalität  von  unten  nach  oben,  das  bedeutet die Pflicht, für die Existenz und die ordnungsgemäßen Funktionsvorgänge der  Diözese,  der  Räte,  der Pfarrgemeinden, für die Beteiligung der Laien Sorge zu tragen… (vgl. cann. 469-494 CIC), angefangen bei der Diözese. So ist  es  nicht  möglich  eine  große  Synode  zu  halten,  ohne  die  Basis  in Betracht  zu  ziehen…  Dann  erst  kommt  die  Synodalität  von  oben  nach unten», die es erlaubt, in spezifischer und besonderer Weise die kollegiale Dimension des bischöflichen Dienstes und des Kirche-Seins zu leben7. Nur so gelangen wir in Fragen, die für den Glauben und das Leben der Kirche wesentlich  sind,  zu  reifen  Entscheidungen.  Möglich  sein  wird  das  unter der  Bedingung,  dass  wir  uns  auf  den  Weg  machen,  gerüstet  mit  Geduld und  der  demütigen  und  gesunden  Überzeugung,  dass  es  uns  niemals gelingen wird, alle Fragen und Probleme gleichzeitig lösen zu können. Die Kirche  ist  und  wird  immer  Pilgerin  auf  dem  Weg  der  Geschichte  sein; dabei  ist  sie  Trägerin  eines  Schatzes  in  irdenen  Gefäßen (vgl. 2 Kor 4,7). Das   ruft   uns   in   Erinnerung:   In   dieser   Welt   wird   die   Kirche   nie vollkommen sein, während ihre Lebendigkeit und ihre Schönheit in jenem Schatz gründet, zu dessen Hüterin sie von Anfang an bestellt  ist.

Die  aktuellen  Herausforderungen  sowie  die  Antworten,  die  wir  geben, verlangen  im  Blick  auf  die  Entwicklung  eines  gesunden  aggiornamento «einen  langen  Reifungsprozess  und  die  Zusammenarbeit  eines  ganzen Volkes über Jahre hinweg». Dies regt das Entstehen und Fortführen von Prozessen an, die uns als Volk Gottes aufbauen, statt nach unmittelbaren Ergebnissen  mit  voreiligen  und  medialen  Folgen  zu  suchen,  die  flüchtig sind  wegen  mangelnder  Vertiefung  und  Reifung  oder  weil  sie  nicht  der Berufung entsprechen, die uns gegeben ist.

4. In    diesem    Sinne    kann    man    bei    aller    ernsthaften    und unvermeidlichen Reflexion leicht in subtile Versuchungen geraten, denen man, meines Erachtens, besondere Aufmerksamkeit schenken und deshalb Vorsicht walten lassen sollte, da sie uns, alles andere als hilfreich für einen gemeinsamen    Weg,    in    vorgefassten    Schemata    und    Mechanismen festhalten,  die  in  einer  Entfremdung  oder  einer  Beschränkung  unserer Mission  enden.  Mehr  noch  kommt  als  erschwerender  Umstand  hinzu: Wenn wir uns dieser Versuchungen nicht bewusst sind, enden wir leicht in einer komplizierten Reihe von Argumentationen, Analysen und Lösungen mit  keiner  anderen  Wirkung,  als  uns  von  der  wirklichen  und  täglichen Begegnung mit dem treuen Volk und dem Herrn fernzuhalten.

5. Die   derzeitige   Situation   anzunehmen   und   sie   zu   ertragen, impliziert    nicht    Passivität    oder    Resignation    und    noch    weniger Fahrlässigkeit; sie ist im Gegenteil eine Einladung, sich dem zu stellen, was in    uns    und    in    unseren    Gemeinden    abgestorben    ist,    was    der Evangelisierung und der Heimsuchung durch den Herrn bedarf. Das aber verlangt Mut, denn, wessen wir bedürfen, ist viel mehr als ein struktureller, organisatorischer oder funktionaler Wandel.

Ich   erinnere   daran,   was   ich   anlässlich   der   Begegnung   mit   euren Oberhirten im Jahre 2015 sagte, dass nämlich eine der ersten und größten Versuchungen  im kirchlichen Bereich darin  bestehe  zu glauben,  dass  die Lösungen  der  derzeitigen  und  zukünftigen  Probleme  ausschließlich  auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen  sei,  dass  diese  aber  schlussendlich  in  keiner  Weise  die  vitalen Punkte berühren, die eigentlich der Aufmerksamkeit bedürfen. «Es handelt sich  um  eine  Art  neuen  Pelagianismus,  der  dazu  führt,  unser  Vertrauen auf    die    Verwaltung    zu    setzen,    auf    den    perfekten    Apparat.    Eine übertriebene  Zentralisierung  kompliziert  aber  das  Leben  der  Kirche  und ihre   missionarische   Dynamik,   anstatt   ihr   zu   helfen   (vgl.   Evangelii gaudium, 32)».

Die  Grundlage  dieser  Versuchung  ist  der  Gedanke,  die  beste  Antwort angesichts    der    vielen    Probleme    und    Mängel    bestehe    in    einem Reorganisieren     der     Dinge,     in     Veränderungen     und     in     einem “Zurechtflicken”,  um  so  das  kirchliche  Leben  zu  ordnen  und  glätten, indem man es der derzeitigen Logik oder jener einer bestimmten Gruppe anpasst.  Auf  einem  solchen  Weg  scheinen  alle  Schwierigkeiten  gelöst  zu sein  und  scheinbar  finden  die  Dinge  wieder  ihre  Bahn, so  das  kirchliche Leben eine “ganz bestimmte” neue oder alte Ordnung findet, die dann die Spannungen beendet, die unserem Mensch-Sein zu eigen sind und die das Evangelium hervorrufen will.

Auf  diese  Weise  wären  Spannungen  im  kirchlichen  Leben  nur  scheinbar zu beseitigen. Nur „in Ordnung und im Einklang” sein zu wollen, würde mit  der  Zeit  lediglich  das  Herz  unseres  Volkes  einschläfern  und  zähmen und die lebendige Kraft des Evangeliums, die der Geist schenken möchte, verringern  oder  gar  zum  Schweigen  bringen:  «Das  aber  wäre  die  größte Sünde  der  Verweltlichung  und  verweltlichter  Geisteshaltung  gegen  das Evangelium»12.  So  käme  man  vielleicht  zu  einem  gut  strukturierten  und funktionierenden,  ja  sogar  „modernisierten“  kirchlichen  Organismus;  er bliebe  jedoch  ohne  Seele  und  ohne  die  Frische  des  Evangeliums.  Wir würden  lediglich  ein  „gasförmiges“,  vages  Christentum,  aber  ohne  den notwendigen  „Biss“  des  Evangeliums,  leben.  «Heute  sind  wir  gerufen, Ungleichgewichte  und  Missverhältnisse  zu  bewältigen.  Wir  werden  nicht in   der   Lage   sein,   irgendetwas   Gutes   zu   tun,   was   dem   Evangelium entspricht,  wenn  wir  davor  Angst  haben».  Wir  dürfen  nicht  vergessen, dass  es  Spannungen  und  Ungleichgewichte  gibt,  die  den  Geschmack  des Evangeliums   haben,   die   beizubehalten   sind,   weil   sie   neues   Leben verheißen.

6. Daher  erscheint  es  mir  wichtig,  das  nicht  aus  den  Augen  zu verlieren,  was  «die  Kirche  wiederholt  gelehrt  hat,  dass  wir  nicht  durch unsere Werke oder unsere Anstrengungen gerechtfertigt werden, sondern durch   die   Gnade  des   Herrn,   der  die   Initiative  ergreift».   Ohne   diese Dimension    der    göttlichen    Tugenden    laufen    wir    Gefahr,    in    den verschiedenen  Erneuerungsbestrebungen  das  zu  wiederholen,  was  heute die kirchliche Gemeinschaft daran hindert, die barmherzige Liebe Gottes zu   verkündigen.   Die   Art   und   Weise   der   Annahme   der   derzeitigen Situation wird bestimmend sein für die Früchte, die sich daraus entwickeln werden. Darum appelliere ich, dass dies im Ton der göttlichen Tugenden geschehen  soll.  Das  Evangelium  der  Gnade  mit  der  Heimsuchung  des Heiligen  Geistes  sei  das  Licht  und  der  Führer,  damit  ihr  euch  diesen Herausforderungen   stellen   könnt.   Sooft   eine   kirchliche   Gemeinschaft versucht hat, alleine aus ihren Problemen herauszukommen, und lediglich auf  die  eigenen  Kräfte,  die  eigenen  Methoden  und  die  eigene  Intelligenz vertraute, endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren  und  aufrechtzuerhalten.  Die  Vergebung  und  das  Heil  sind nicht etwas, das wir erkaufen müssen, «oder was wir durch unsere Werke oder  unsere  Bemühungen  erwerben  müssen.  Er  vergibt  und  befreit  uns unentgeltlich.  Seine  Hingabe  am  Kreuz  ist  etwas  so  Großes,  dass  wir  es weder bezahlen können noch sollen, wir können dieses Geschenk nur mit größter  Dankbarkeit  entgegennehmen, voll Freude, so geliebt zu werden, noch bevor wir überhaupt daran denken».

Das  gegenwärtige  Bild  der  Lage  erlaubt  uns  nicht,  den  Blick  dafür  zu verlieren,  dass  unsere  Sendung  sich  nicht  an  Prognosen,  Berechnungen oder  ermutigenden  oder  entmutigenden  Umfragen  festmacht,  und  zwar weder  auf  kirchlicher,  noch auf  politischer,  ökonomischer  oder  sozialer Ebene    und    ebenso    wenig    an    erfolgreichen    Ergebnissen    unserer Pastoralplanungen17. Alles  das  ist  von  Bedeutung,  auch  diese  Dinge  zu werten,   hinzuhören,   auszuwerten   und   zu   beachten;   in   sich   jedoch erschöpft  sich  darin nicht unser Gläubig-Sein. Unsere Sendung und unser Daseinsgrund  wurzelt  darin,  dass  «Gott  die  Welt  so  sehr  geliebt  hat, dass  er  seinen  einzigen  Sohn  dahingab,  damit  alle,  die  an  ihn  glauben, nicht   verloren   gehen,   sondern   das   ewige   Leben   haben»  (Joh   3,16).
«Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue  der  Kirche gegenüber ihrer eigenen  Berufung“  wird  jegliche neue Struktur  in  kurzer  Zeit  verderben».  Deshalb  kann  der  bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten  und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl   und   die   Überalterung   der   Gemeinden   sind,   die   nicht erlauben,   einen   normalen   Generationen-wechsel   ins   Auge   zu   fassen. Objektive  und  gültige  Ursachen  würden  jedoch,  werden  sie  isoliert  vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine  lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv     wie     negativ     –     begünstigen     und     anregen.     Ein     wahrer Wandlungsprozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisierung der   Kirche   entspringen;   ein   solcher   Prozess   verlangt   eine   pastorale Bekehrung.  Wir  werden  aufgefordert,  eine  Haltung  einzunehmen,  die darauf  abzielt,  das  Evangelium  zu  leben  und  transparent  zu  machen, indem sie mit «dem grauen Pragmatismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt»19. Pastorale Bekehrung ruft uns in  Erinnerung,  dass  die  Evangelisierung  unser  Leitkriterium  schlechthin sein  muss,  unter  dem  wir  alle  Schritte  erkennen  können,  die  wir  als kirchliche  Gemeinschaft  gerufen  sind  in  Gang  zu  setzen  gerufen  sind; Evangelisieren   bildet   die   eigentliche   und   wesentliche   Sendung   der Kirche20.

7. Deshalb   ist   es,   wie   Eure   Bischöfe   bereits   betont   haben, notwendig,  den  Primat  der  Evangelisierung  zurückzugewinnen,  um  die Zukunft mit Vertrauen und Hoffnung in den Blick zu nehmen, denn «die Kirche,   Trägerin   der   Evangelisierung,   beginnt   damit,   sich   selbst   zu evangelisieren. Als Gemeinschaft von Gläubigen, als Gemeinschaft gelebter und gepredigter Hoffnung, als Gemeinschaft  brüderlicher  Liebe  muss  die Kirche  unablässig  selbst  vernehmen,  was  sie  glauben  muss,  welches  die Gründe ihrer Hoffnung sind und was das neue Gebot der Liebe ist».

Die     so     gelebte     Evangelisierung     ist     keine     Taktik     kirchlicher Neupositionierung   in   der   Welt   von   heute,   oder   kein   Akt   der Eroberung,  der  Dominanz  oder territorialen  Erweiterung;  sie ist keine „Retusche“,  die  die  Kirche  an  den  Zeitgeist  anpasst,  sie  aber   ihre Originalität   und   ihre   prophetische   Sendung   verlieren   lässt.   Auch bedeutet   Evangelisierung   nicht   den   Versuch,   Gewohnheiten    und Praktiken       zurückzugewinnen,       die       in       anderen       kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangelisierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der  uns  zuerst geliebt   hat   (vgl.   1   Joh   4,19);   ein   Weg   also,   der   einen   Glauben ermöglicht, der mit Freude gelebt, erfahren, gefeiert und  bezeugt wird. Die   Evangelisierung   führt   uns   dazu,   die   Freude   am   Evangelium wiederzugewinnen,  die  Freude,  Christen  zu  sein.  Es  gibt  ganz  sicher harte   Momente   und   Zeiten   des   Kreuzes;   nichts   aber   kann   die übernatürliche Freude zerstören, die es versteht sich anzupassen, sich zu wandeln und die immer bleibt, wie ein wenn auch leichtes Aufstrahlen von  Licht,  das  aus  der  persönlichen  Sicherheit hervorgeht, unendlich geliebt zu sein, über alles andere hinaus. Die Evangelisierung bringt innere Sicherheit    hervor,    «eine    hoffnungsfrohe     Gelassenheit,     die     eine geistliche      Zufriedenheit     schenkt,     die     für     weltliche     Maßstäbe unverständlich ist». Verstimmung, Apathie, Bitterkeit, Kritiksucht sowie Traurigkeit  sind  keine  guten  Zeichen  oder  Ratgeber;  vielmehr  gibt  es Zeiten in denen «die Traurigkeit mitunter mit Undankbarkeit zu tun hat: Man   ist   so   in   sich   selbst   verschlossen,   dass   man   unfähig   wird,   die Geschenke Gottes anzuerkennen».

8. Deshalb muss unser Hauptaugenmerk sein, wie wir diese Freude mitteilen:  indem  wir  uns  öffnen  und  hinausgehen,  um  unseren  Brüdern und  Schwestern  zu  begegnen,  besonders  jenen,  die  an  den  Schwellen unserer  Kirchentüren,  auf  den  Straßen,  in  den  Gefängnissen,  in  den Krankenhäusern, auf den Plätzen und in den Städten zu finden sind. Der Herr  drückte  sich  klar  aus:  «Sucht  aber  zuerst  sein  Reich  und  seine Gerechtigkeit;  dann  wird  euch  alles andere dazugegeben» (Mt 6,33). Das bedeutet  hinauszugehen,  um  mit  dem  Geist  Christi  alle  Wirklichkeiten dieser Erde zu salben, an ihren vielfältigen Scheidewegen, ganz besonders dort, «wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen, um mit dem Wort  Jesu  den  innersten  Kern  der  Seele  der  Städte  zu  erreichen».  Das bedeutet mitzuhelfen, dass das Leiden Christi wirklich und konkret jenes vielfältige  Leiden  und  jene  Situationen   berühren  kann,  in  denen  sein Angesicht  weiterhin  unter  Sünde  und  Ungleichheit  leidet.  Möge  dieses Leiden  den  alten  und  neuen  Formen  der  Sklaverei,  welche  Männer  und Frauen  gleichermaßen  verletzen,  die  Maske  herunterreißen,  besonders heute, da wir immer neu ausländerfeindlichen Reden gegenüberstehen, die eine    Kultur    fördern,    die    als    Grundlage    die    Gleichgültigkeit,    die Verschlossenheit sowie den Individualismus und die Ausweisung hat. Und es  sei  im  Gegenzug  das  Leiden  Christi,  das  in  unseren  Gemeinden  und Gemeinschaften,     besonders     unter     den     jüngeren     Menschen,     die Leidenschaft für sein Reich  erwecke!

Das fordert von uns, «einen geistlichen Wohlgefallen daran zu finden, nahe am  Leben  der  Menschen  zu  sein,  bis  zu  dem  Punkt,  dass  man  entdeckt, dass dies eine Quelle höherer Freude ist. Die Mission ist eine Leidenschaft für Jesus, zugleich aber eine Leidenschaft für sein Volk».

So müssten wir uns also fragen, was der Geist heute der Kirche sagt (vgl. Offb    2,7),    um    die    Zeichen    der    Zeit    zu    erkennen,    was    nicht gleichbedeutend ist mit einem bloßen Anpassen an den Zeitgeist (vgl. Röm 12,2). Alle Bemühungen des Hörens, des Beratens und der Unterscheidung zielen   darauf   ab,   dass   die   Kirche   im   Verkünden   der   Freude   des Evangeliums, der Grundlage, auf der alle Fragen Licht und Antwort finden können,  täglich  treuer,  verfügbarer,  gewandter  und  transparenter  wird. «Die Herausforderungen existieren, um überwunden zu werden. Seien wir realistisch,    doch    ohne    die    Heiterkeit,    den    Wagemut    und    die hoffnungsvolle  Hingabe  zu  verlieren!  Lassen  wir  uns  die  missionarische Kraft nicht nehmen!».

9. Das Zweite Vatikanische Konzil war ein wichtiger Schritt für die Heranbildung des Bewusstseins, das die Kirche sowohl über sich selbst als auch über ihre Mission in der heutigen Welt hat. Dieser Weg, der vor über fünfzig  Jahren  begann,  spornt  uns  weiterhin  zu  seiner  Rezeption  und Weiterentwicklung  an  und  ist  jedenfalls  noch  nicht  an  seinem  Ende angelangt, insbesondere bezüglich der Synodalität, die berufen ist, sich auf den  verschiedenen  Ebenen  des  kirchlichen  Lebens  zu  entfalten  (Pfarrei, Diözesen,   auf   nationaler   Ebene,   in   der   Weltkirche   sowie   in   den verschiedenen   Kongregationen   und   Gemeinschaften).   Es   ist   Aufgabe dieses  Prozesses,  gerade  in  diesen  Zeiten  starker  Fragmentierung  und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder  Entscheidung  lebt,  die  wir  treffen,  und  der  alle  Ebenen  nährt  und durchdringt.  Es  geht  um  das  Leben  und  das  Empfinden  mit  der  Kirche und  in  der  Kirche,  das  uns  in  nicht  wenigen  Situationen  auch  Leiden  in der  Kirche  und  an  der  Kirche  verursachen  wird.  Die  Weltkirche  lebt  in und   aus   den   Teilkirchen,   so   wie   die   Teilkirchen   in   und   aus   der Weltkirche  leben  und  erblühen;  falls  sie  von  der  Weltkirche  getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer  lebendig  und  wirksam  zu  erhalten.  Das  hilft  uns,  die  Angst  zu überwinden, die uns in uns selbst und in unseren Besonderheiten isoliert, damit wir demjenigen in die Augen schauen und zuhören oder damit wir auf   Bedürfnisse   verzichten   können   und   so   denjenigen   zu   begleiten vermögen, der am Straßenrand liegen geblieben ist. Manchmal kann sich diese  Haltung  in  einer  minimalen  Geste  zeigen,  wie  jene  des  Vaters  des Verlorenen  Sohnes,  der  die  Türen  offen  hält,  so  dass  der  Sohn,  wenn  er zurückkehrt,  ohne  Schwierigkeiten  eintreten  kann.  Das  bedeutet  nicht, nicht  zu  gehen,  nicht  voranzuschreiten,  nichts  zu  ändern  und  vielleicht nicht einmal zu debattieren und zu widersprechen, sondern es ist einfach die Folge des Wissens, dass wir wesentlich Teil eines größeren Leibes sind, der  uns  beansprucht,  der  auf  uns wartet und uns braucht,  und  den  auch wir beanspruchen, erwarten und brauchen. Es ist die Freude, sich als Teil des heiligen und geduldigen treuen Volkes Gottes zu fühlen.

Die   anstehenden   Herausforderungen,   die   verschiedenen   Themen   und Fragestellungen  können  nicht  ignoriert  oder  verschleiert  werden;  man muss sich ihnen stellen, wobei darauf zu achten ist, dass wir uns nicht in ihnen  verstricken  und  den  Weitblick  verlieren,  der  Horizont  sich  dabei begrenzt und die Wirklichkeit zerbröckelt. «Wenn wir im Auf und Ab der Konflikte  verharren,  verlieren  wir  den  Sinn  für  die  tiefe  Einheit  der Wirklichkeit».  In  diesem  Sinne  schenkt  uns  der  Sensus  Ecclesiae diesen weiten Horizont der Möglichkeit, aus dem heraus versucht werden kann, auf die dringenden Fragen zu antworten. Der Sensus Ecclesiae erinnert uns zugleich  an  die  Schönheit  des  vielgestaltigen  Angesichts  der  Kirche. Dieses  Gesicht  ist  vielfältig,  nicht  nur  aus  einer  räumlichen  Perspektive heraus, in ihren Völkern, Rassen und Kulturen, sondern auch aus ihrer zeitlichen  Wirklichkeit  heraus,  die  es  uns  erlaubt,  in  die  Quellen  der lebendigsten   und   vollsten   Tradition   einzutauchen.   Ihrerseits   ist   diese Tradition  berufen,  das  Feuer  am  Leben  zu  erhalten,  statt  lediglich  die Asche zu bewahren. Sie erlaubt es allen Generationen, die erste Liebe mit Hilfe des Heiligen Geistes wieder zu  entzünden.

Der  Sensus  Ecclesiae  befreit  uns  von  Eigenbrötelei  und  ideologischen Tendenzen,  um  uns  einen  Geschmack  dieser  Gewissheit  des  Zweiten Vatikanischen Konzils zu geben, als es bekräftigte, dass die Salbung des Heiligen (vgl. 1 Joh 2,20. 27) zur Gesamtheit der Gläubigen gehört. Die Gemeinschaft mit dem heiligen und treuen Volk Gottes, dem Träger der Salbung, hält die Hoffnung und die Gewissheit am Leben, dass der Herr an unserer  Seite  wandelt  und  dass  er  es  ist,  der  unsere  Schritte  stützt. Ein gesundes      gemeinsames Auf-dem-Weg-Sein muss diese Überzeugung  durchscheinen  lassen  in  der  Suche  nach  Mechanismen, durch  die  alle  Stimmen,  insbesondere  die  der  Einfachen und Kleinen, Raum und Gehör finden. Die Salbung des Heiligen, die über den ganzen kirchlichen Leib ausgegossen wurde, «verteilt besondere Gnaden unter den Gläubigen  eines  jeden  Standes  und  jeder  Lebensbedingung  und  verteilt seine Gaben an jeden nach seinem Willen (1 Kor 12,11). Durch diese macht er sie geeignet und bereit, für die Erneuerung und den vollen Aufbau der Kirche  verschiedene  Werke  und  Dienste  zu  übernehmen  gemäß  dem Wort: Jedem wird der Erweis des Geistes zum Nutzen gegeben (1 Kor 12,7)». Dies hilft uns, auf diese alte und immer neue Versuchung der Förderer des Gnostizismus  zu  achten,  die,  um  sich  einen  eigenen  Namen  zu  machen und  den  Ruf  ihrer  Lehre  und  ihren  Ruhm  zu  mehren,  versucht  haben, etwas  immer  Neues  und  Anderes  zu  sagen  als  das,  was  das  Wort  Gottes ihnen   geschenkt   hat.   Es   ist   das,   was   der   heilige   Johannes   mit   dem Terminus  proagon beschreibt  (2  Joh  9);  gemeint  ist  damit  derjenige,  der voraus  sein  will,  der  Fortgeschrittene,  der  vorgibt  über   das  „kirchliche Wir“   hinauszugehen,   das   jedoch   vor   den   Exzessen   bewahrt,   die   die Gemeinschaft  bedrohen.

10. Deshalb  achtet  aufmerksam  auf  jede  Versuchung,  die  dazu führt, das Volk Gottes auf eine erleuchtete Gruppe reduzieren zu wollen, die nicht erlaubt, die unscheinbare, zerstreute Heiligkeit zu sehen, sich an ihr  zu  freuen  und  dafür  zu  danken.  Diese  Heiligkeit,  die  da  lebt  «im geduldigen Volk Gottes: in  den Eltern,  die  ihre  Kinder  mit  so  viel  Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. In dieser Beständigkeit eines tagtäglichen Voranschreitens sehe  ich  die  Heiligkeit  der  streitenden  Kirche.  Oft  ist  das  die  Heiligkeit „von   nebenan“,   derer,   die   in   unserer   Nähe   wohnen   und   die   ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind». Das ist die Heiligkeit, die die Kirche     vor     jeder     ideologischen,     pseudo-wissenschaftlichen     und manipulativen Reduktion schützt und immer bewahrt hat. Diese Heiligkeit regt  uns  an,  erinnert  daran  und  lädt  ein,  diesen  marianischen  Stil  im missionarischen Wirken der Kirche zu entwickeln, die so in der Lage ist, Gerechtigkeit    mit    Barmherzigkeit,    Kontemplation    mit    Aktion    und Zärtlichkeit mit Überzeugung auszudrücken. «Denn jedes Mal, wenn wir auf   Maria   schauen,   glauben   wir   wieder   an   das   Revolutionäre   der Zärtlichkeit  und  der  Liebe.  An  ihr  sehen  wir,  dass  die  Demut  und  die Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind, die nicht   andere   schlecht   zu   behandeln   brauchen,   um   sich   wichtig   zu fühlen».

In  meinem  Heimatland  gibt  es  ein  zum  Nachdenken  anregendes  und kraftvolles  Sprichwort,  das  das  erhellen  kann:  «Vereint  seien  die  Brüder, denn das ist das erste Gesetz; sie mögen die Einheit wahren zu jeder Zeit, denn     wenn     sie    untereinander     kämpfen,     werden     sie     von     den Außenstehenden   verschlungen».   Brüder   und   Schwestern,   haben   wir Sorge  füreinander!  Achten  wir  auf  die  Versuchung  durch  den  Vater  der Lüge  und  der  Trennung,  den  Meister  der  Spaltung,  der  beim  Antreiben der  Suche  nach  einem  scheinbaren  Gut  oder  einer  Antwort  auf  eine bestimmte Situation letztendlich den Leib des heiligen und treuen Volkes Gottes  zerstückelt!  Begeben  wir  uns  als  apostolische  Körper  gemeinsam auf  den  Weg  und  hören  wir  einander  unter  der  Führung  des  Heiligen Geistes – auch wenn wir nicht in gleicher Weise denken – aus der weisen Überzeugung heraus, dass «die Kirche im Gang der Jahrhunderte ständig der  Fülle  der  göttlichen  Wahrheit  entgegenstrebt,  bis  an  ihr  sich  Gottes Worte erfüllen».

11. Die    synodale    Sichtweise    hebt    weder    Gegensätze    oder Verwirrungen auf, noch werden durch sie Konflikte den Beschlüssen eines "guten  Konsenses",  die  den  Glauben  kompromittieren,  den  Ergebnissen von  Volkszählungen  oder  Erhebungen,  die  sich  zu  diesem  oder  jenem Thema  ergeben,  untergeordnet.  Das  wäre  sehr  einschränkend.  Mit  dem Hintergrund  und  der  Zentralität  der  Evangelisierung  und  dem  Sensus Ecclesiae als bestimmende Elemente unserer kirchlichen DNA beansprucht die Synodalität bewusst eine Art und Weise des Kirche-Seins anzunehmen, bei  dem  «das  Ganze  mehr  ist  als  der  Teil,  und  es  ist  auch  mehr  als  ihre einfache Summe. Man darf sich also nicht zu sehr in Fragen verbeißen, die begrenzte  Sondersituationen  betreffen,  sondern  muss  immer  den  Blick weiten,  um  ein  größeres  Gut  zu  erkennen,  das  uns  allen  Nutzen  bringt. Das   darf   allerdings   nicht   den   Charakter   einer   Flucht   oder   einer Entwurzelung  haben.  Es  ist  notwendig,  die  Wurzeln  in  den  fruchtbaren Boden   zu   senken   und   in   die   Geschichte   des   eigenen   Ortes,   die   ein Geschenk Gottes ist. Man arbeitet im Kleinen, mit dem, was in der Nähe ist, jedoch mit einer weiteren Perspektive».

12. Dies verlangt vom ganzen Volk Gottes und besonders von ihren Hirten   eine   Haltung   der   Wachsamkeit   und   der   Bekehrung,   die   es ermöglicht,  das  Leben  und  die  Wirksamkeit  dieser  Wirklichkeiten  zu erhalten.  Die  Wachsamkeit  und  die  Bekehrung  sind  Gaben,  die  nur  der Herr uns schenken kann. Uns muss es genügen, durch Gebet und Fasten um seine Gnade zu bitten. Immer hat es mich beeindruckt, wie der Herr während   seines   irdischen   Lebens,   insbesondere   in   den   Augenblicken großer  Entscheidungen,  in  besonderer  Weise versucht wurde.  Gebet  und Fasten   hatten   eine   besondere   und   bestimmende   Bedeutung   für   sein gesamtes  nachfolgendes  Handeln  (vgl.  Mt  4,1-11).  Auch  die  Synodalität kann  sich  dieser  Logik  nicht  entziehen  und  muss  immer  von  der  Gnade der      Umkehr      begleitet      sein,      damit      unser      persönliches      und gemeinschaftliches   Handeln   sich   immer   mehr   der   Kenosis   Christi angleichen  und  sie  darstellen  kann  (vgl.  Phil  2,1-11).  Als  Leib  Christi sprechen,  handeln  und  antworten,  bedeutet  auch,  in  der  Art  und  Weise Christi mit den gleichen Haltungen, mit derselben Umsicht und denselben Prioritäten   zu   sprechen   und   zu   handeln.   Dem   Beispiel   des   Meisters folgend,  der  «sich selbst entäußerte, und wie ein Sklave wurde» (Phil 2,7), befreit  uns  die  Gnade  der  Bekehrung  deshalb  von  falschen  und  sterilen Protagonismen.  Sie  befreit  uns  von der  Versuchung,  in  geschützten  und bequemen  Positionen  zu  verharren,  und  lädt  uns  ein,  an  die  Ränder  zu gehen, um uns selbst zu finden und besser auf den Herrn zu hören.

Diese  Haltung  der  Entäußerung  erlaubt  es  uns  auch,  die  kreative  und immer  reiche  Kraft  der  Hoffnung  zu  erfahren,  die  aus  der  Armut  des Evangeliums  geboren  wurde,  zu  der  wir  berufen  sind;  sie  macht  uns  frei zur Evangelisierung und zum Zeugnis. So erlauben wir dem Geist, unser Leben zu erfrischen und zu erneuern, indem er es von Sklaverei, Trägheit und    nebensächlichem    Komfort    befreit,    die    uns    daran    hindern, hinauszugehen  und,  vor  allem,  anzubeten.  Denn  in  der  Anbetung  erfüllt der Mensch seine höchste Pflicht und sie erlaubt ihm, einen Blick auf die kommende  Klarheit  zu  werfen,  die  uns  hilft,  die  neue  Schöpfung  zu verkosten.

Ohne   diese   Perspektive   laufen   wir  Gefahr,   von   uns  selbst  oder  vom Wunsch  nach  Selbstrechtfertigung  und  Selbsterhaltung  auszugehen,  was zu  Veränderungen  und  Regelungen  führt,  die  auf  halbem  Weg  stecken bleiben. Weit davon entfernt, die Probleme zu lösen, endet das darin, dass wir  uns  in  einer  endlosen  Spirale  verfangen,  und  damit  die  schönste, befreiende  und  verheißungsvolle  Verkündigung  erstickt  und  abtötet,  die wir haben und die unserer Existenz einen Sinn gibt: Jesus Christus ist der Herr! Wir bedürfen des Gebetes, der Buße und der Anbetung, die es uns ermöglichen, mit dem Zöllner zu sprechen: «Gott, sei mir Sünder gnädig!» (Lk  18,13),  nicht  in  heuchlerischer,  infantiler oder  kleinmütiger  Weise, sondern   mit   dem   Mut,   die   Tür   zu   öffnen   und   das   zu   sehen,   was normalerweise     durch     Oberflächlichkeit,     durch     die     Kultur     des Wohlbefindens und des Augenscheins verdeckt bleibt.

Im  Grunde  genommen  ermöglichen  uns  diese  Geisteshaltungen  –  wahre geistliche  Heilmittel  (Gebet,  Buße  und  Anbetung)  –,  noch  einmal  zu erfahren,  dass  Christ-Sein  bedeutet,  sich  selig  und  gesegnet  und  somit Träger der Glückseligkeit für die anderen zu wissen. Christ-Sein bedeutet, der   Kirche   der   Seligpreisungen   für   die   Seliggepriesenen   von   heute anzugehören:  die Armen,  die  Hungrigen,  die  Weinenden,  die  Gehassten, die  Ausgeschlossenen  und  die  Beschimpften  (vgl.  Lk  6,20-23).  Vergessen wir nicht: «In den Seligpreisungen zeigt der Herr uns den Weg. Wenn wir den    Weg    der    Seligpreisungen    gehen,    können    wir    zum    wahrsten menschlichen  und  göttlichen  Glück  gelangen.  Die  Seligpreisungen  sind der  Spiegel,  der  uns  mit  einem  Blick  darauf  kundtut,  ob  wir  auf  einem richtigen Weg gehen: Dieser Spiegellügt nicht».


13.       Liebe Brüder und Schwestern, ich weiß um eure Standfestigkeit und mir  ist  bekannt,  was  ihr  für  den  Namen  des  Herrn  durchgestanden  und erduldet habt; ich weiß auch um eurem Wunsch und eurer Verlangen, die erste Liebe in der Kirche mit der Kraft des Geistes wiederzubeleben (vgl. Offb  2,1-5).  Dieser  Geist,  der  das  gebrochene  Schilfrohr  nicht  zerbricht und  den  glimmenden  Docht  nicht  auslöscht  (vgl.  Jes  42,3),  nähre  und belebe  das  Gute,  das  euer  Volk  auszeichnet,  und  lasse  es  erblühen!  Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn  der  Herr  uns  für  würdig  hält,  diese  Stunde  zu  leben,  Er  das  nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu  lähmen.  Vielmehr  will  er,  dass  Sein  Wort  einmal  mehr  unser  Herz herausfordert  und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure  Söhne  und  Töchter  Visionen  und  eure  Alten  wieder  prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1). Seine Liebe «erlaubt uns, das Haupt zu erheben  und  neu  zu  beginnen.  Fliehen  wir  nicht  vor  der  Auferstehung Jesu, geben wir uns niemals geschlagen, was auch immer geschehen mag. Nichts soll stärker sein als sein Leben, das uns vorantreibt!».

Und so bitte ich Euch, betet für mich!

Vatikan, den 29. Juni 2019


FRANZISKUS

 

Den Brief im Wortlaut finden Sie auch in der kommenden Ausgabe der "Tagespost" vom 04. Juli 2019. Die aktuelle Ausgabe erhalten Sie kostenlos hier.

DT