Papst Franziskus: Wir müssen konkret werden

Der erste Tag des Missbrauchs-Gipfels im Vatikan hat begonnen. Von Guido Horst

Gipfeltreffen zum Thema Missbrauch mit Papst Franziskus
Die Kinderschutz-Konferenz mit Papst Franziskus hat begonnen. Foto: Vincenzo Pinto (AFP/AP)

Mit den per Videoaufzeichnung in der Synodenaula des Vatikans gezeigten Zeugnissen von Missbrauchsopfern und einer einführenden Ansprache des Papstes hat heute der Kinderschutz-Gipfel im Vatikan begonnen. Anschließend ließ der Papst einen Katalog von 21 „Punkten zur Reflexion“ verteilen, die den etwa 190 Teilnehmer des Treffens helfen sollen, auch konkrete Maßnahmen und Empfehlungen zu diskutieren, damit diese dann später zu allgemeinen Standards in allen Teilen der Welt werden. Zum Auftakt der Arbeiten sagte der Papst: „Das heilige Gottesvolk schaut auf uns und erwartet von uns nicht nur einfache Verurteilungen, sondern konkrete und wirksame Maßnahmen. Wir müssen konkret werden!“

21 Reflexionpunkte auf der Tagesordnung

Die „seelsorgliche und kirchliche Verantwortung“ verpflichte alle Teilnehmer, so der Papst weiter, gemeinsam, aufrichtig und tiefgehend zu diskutieren, „wie dieses Übel, das die Kirche und Menschheit plagt, angegangen werden muss.“ Zu den 21 Reflexionpunkten gehören etwa die Einrichtung einer auch von der örtlichen Kirche unabhängigen Anlaufstelle für Missbrauchsopfer, eine Beteiligung von Laien an der Untersuchung von Missbrauchsvorwürfen und Kirchenrechtsprozessen zu sexuellem und Macht-Missbrauch sowie gemeinsame Vorgehensweisen bei der Prüfung von Missbrauchsvorwürfen und beim Verteidigungsrecht der Angeklagten.

Die Wunden sehen und die eigenen Fehler anerkennen

Der erste, der in einem Vortrag vor den anwesenden Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen in der Welt sprach, war Kardinal Luis Antonio Tagle aus Manila. Für ihn ist ein Glaube, „der seine Augen vor dem Leiden verschließe, eine bloße Illusion“. Es gehe im Umgang mit der Missbrauchskrise darum, die Wunden zu sehen und die eigenen Fehler anzuerkennen. Immer wieder erinnerte Tagle an das Leiden und die Auferstehung Jesu. Das religiöse Fundament von Glaube und Kirche müsse auch im Zentrum aller Überlegungen und Handlungen sein, die auf Missbrauch und den Umgang damit zielen. Wie die Wunden Jesu nach der Auferstehung die Jünger an ihren eigenen Verrat erinnert hätten, so geschehe das auch beim Blick auf die Wunden, die durch Missbrauch und Vertuschung entstanden seien; sie seien schmerzhaft anzusehen. Aber es führe kein Weg darum herum, eine Verleugnung der Wunden führe nur zu noch mehr Schmerz und Leiden. „Indem wir auf den durch Verrat und Machtmissbrauch verwundeten Jesus schauen, sehen wir Wunden. Sie wurden von denen geschlagen, die missbraucht haben – aber auch von denen, die sie hätten schützen sollen“, sagte der Kardinal.

Kandidaten für das Priesteramt sorgfältig auswählen

Nach Tagle sprach der Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, der auch beigeordneter Sekretär der Glaubenskongregation ist. Eindringlich rief er die Teilnehmer des Bischofs-Gipfels dazu auf, Kandidaten für das Priesteramt sorgfältig auszuwählen. Wer ins Seminar komme, dürfe niemals in irgendeiner Form mit einem Verbrechen oder auch nur einbem „problematischem Verhalten“ in diesem Bereich aufgefallen sein. Kinderschutz habe ein Pflichtthema bei der Priesterausbildung zu sein. Auch bei der Auswahl von Bischöfen müsse das Thema eine größere Rolle spielen. Viele forderten heute die Einbindung von Laien bei der Auswahl zukünftiger Bischöfe, meinte Scicluna. Es sei „eine schwere Sünde gegen die Integrität des Bischofsamtes, Fakten zu verbergen oder zu unterschätzen, die auf Defizite im Lebensstil“ hinweisen würden.

DT/gho (jobo)

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