Jesus schenkt die Erfüllung

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz vom 13. Juni.

Papst Franziskus.
Papst Franziskus. Foto: Giorgio Onorati (ANSA)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute ist das Fest des heiligen Antonius von Padua. Wer von Euch heißt Antonio? Ein Applaus für alle, die Antonio heißen. Heute beginnen wir mit einer neuen Reihe von Katechesen über das Thema der Zehn Gebote. Die Gebote des Gesetzes Gottes. Zur Einführung wollen wir uns von dem Abschnitt aus dem Evangelium anregen lassen, den wir gerade gehört haben: die Begegnung zwischen Jesus und einem Mann – einem jungen Mann –, der vor ihm niederkniet und ihn fragt, wie er das ewige Leben gewinnen kann (vgl. Mk 10,17-21). Und in jener Frage steckt die Herausforderung eines jeden Daseins, auch des unseren: der Wunsch nach einem Leben in Fülle, einem unendlichen Leben. Doch was kann man tun, um dorthin zu gelangen? Welchem Weg soll man folgen? Wahrhaftig leben, ein würdevolles Dasein führen… Wie viele junge Menschen versuchen, zu „leben“, und zerstören sich dann, indem sie vergänglichen Dingen hinterherlaufen.

Einige denken, es sei besser, diesen Impuls – den Impuls, zu leben - zu verdrängen, weil er gefährlich ist. Ich möchte vor allem den jungen Menschen sagen: unser schlimmster Feind sind nicht die konkreten Probleme, wie ernst und dramatisch sie auch sein mögen: die größte Gefahr des Lebens ist ein unguter Geist der Anpassung, der weder Sanftmut noch Demut bedeutet, sondern Mittelmäßigkeit, Kleinmut [1]. Ist ein mittelmäßiger Jugendlicher ein Jugendlicher, der eine Zukunft hat – ja oder nein? Nein! Er bleibt stehen, er wächst nicht, er wird keinen Erfolg haben. Mittelmäßigkeit oder Kleinmut. Diese jungen Menschen, die vor allem Angst haben: „Nein, ich bin so…“. Diese jungen Menschen werden nicht vorankommen. Sanftmut, Stärke und keinen Kleinmut, keine Mittelmäßigkeit. Der selige Pier Giorgio Frassati – der ein junger Mann war – sagte, dass man leben und nicht schlecht und recht vor sich hin leben soll [2]. Die Mittelmäßigen leben schlecht und recht vor sich hin. Mit der Kraft des Lebens leben. Man muss den himmlischen Vater für die heutigen Jugendlichen um die Gabe einer gesunden Unruhe bitten. Wenn man zu Hause - bei Euch zu Hause, in jeder Familie - einen jungen Menschen sieht, der den ganzen Tag herumsitzt, dann denken der Vater und die Mutter manchmal: „Aber er ist krank, er hat irgendwas“ und bringen ihn zum Arzt. Das Leben eines Jugendlichen bedeutet vorwärtszugehen, unruhig zu sein, eine gesunde Unruhe, die Fähigkeit, sich nicht mit einem Leben ohne Schönheit, einem farblosen Leben zufriedenzugeben. Wenn sich die jungen Menschen nicht nach einem authentischen Leben sehnen, wohin geht dann die Menschheit? Wohin geht die Menschheit mit Jugendlichen, die ruhig und nicht unruhig sind?

Die Frage jenes Mannes aus dem Evangelium, das wir gehört haben, ist in uns allen: wie kann man das Leben finden, das Leben in Fülle, das Glück? Jesus antwortet: „Du kennst doch die Gebote“ (V. 19) und zitiert einen Teil des Dekalogs. Das ist ein pädagogisches Vorgehen, mittels dessen Jesus zu einem bestimmten Punkt führen möchte; tatsächlich ist schon aus der Frage jenes Mannes klar ersichtlich, dass er kein erfülltes Leben hat, dass er mehr sucht und unruhig ist. Was also muss er verstehen? Er sagt: „Meister, alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt“ (V. 20).

Wie gelangt man von der Jugend zur Reife? Wenn man beginnt, seine eigenen Grenzen zu akzeptieren. Man wird erwachsen, wenn man sich selbst relativiert und sich dessen, was fehlt (vgl. V. 21), bewusst wird. Dieser Mann ist gezwungen, zu erkennen, dass alles, was er tun kann, ein gewisses „Dach“ nicht übersteigt, dass es nicht über eine gewisse Marge hinausgeht.

Wie schön ist es, Männer und Frauen zu sein! Wie kostbar ist unser Dasein! Und doch gibt es eine Wahrheit, die der Mensch in der Geschichte der letzten Jahrhunderte häufig zurückgewiesen hat – mit tragischen Konsequenzen: die Wahrheit seiner Begrenztheit.

Jesus sagt im Evangelium etwas, das uns helfen kann: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). Jesus, der Herr, schenkt die Erfüllung, dafür ist er gekommen. Jener Mann musste an die Schwelle eines Absprungs gelangen, wo sich die Möglichkeit öffnet, damit aufzuhören, aus sich selbst, aus den eigenen Werken, aus dem eigenen Vermögen zu leben, und – gerade weil das Leben in Fülle fehlt – alles zu verlassen, um dem Herrn zu folgen [3]. Bei genauem Hinsehen findet sich in der letzten – immensen, wunderbaren - Aufforderung Jesu nicht der Vorschlag zur Armut, sondern zum Reichtum, zum wahren Reichtum: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21).

Wer würde sich, wenn er zwischen dem Original und einer Kopie wählen könnte, für die Kopie entscheiden? Hier haben wir die Herausforderung: das Original des Lebens finden, nicht die Kopie. Jesus bietet keinen Ersatz an, sondern „wahres“ Leben, „wahre“ Liebe, „wahren“ Reichtum! Wie können uns die Jugendlichen im Glauben folgen, wenn sie nicht sehen, dass wir das Original wählen, wenn sie sehen, dass wir uns mit Halbheiten zufrieden geben? Es ist nicht schön, Christen zu sehen, die sich mit Halbheiten zufrieden geben, Christen, die – ich erlaube mir den Ausdruck –  „Zwerge“ sind; sie wachsen bis zu einer bestimmten Größe und dann nicht mehr; Christen mit einem kleinen, verschlossenen Herzen. Es ist nicht schön, so etwas vorzufinden. Es bedarf des Vorbilds von jemandem, der mich zu einem „darüber hinaus“, zu einem „mehr“ einlädt, dazu, ein wenig zu wachsen. Der heilige Ignatius nannte dies das „magis“, „das Feuer, der leidenschaftliche Eifer, der die Schlafenden aufrüttelt“ [4].

Der Weg zu dem was fehlt, führt über das, was ist. Jesus ist nicht gekommen, um das Gesetz oder die Propheten abzuschaffen, sondern um Erfüllung zu bringen. Wir müssen von der Wirklichkeit ausgehen, um den Sprung in „das, was fehlt“ zu wagen. Wir müssen das Gewöhnliche genau betrachten, um uns dem Außerordentlichen zu öffnen.

Bei diesen Katechesen werden wir die beiden Gesetzestafeln des Mose als Christen betrachten und uns von Jesus an die Hand nehmen lassen, um, indem wir Ihm nachfolgen, von den Illusionen der Jugend zu dem Schatz zu gelangen, der im Himmel ist. Wir werden in jedem jener alten und weisen Gebote die vom himmlischen Vater geöffnete Tür erkennen, auf dass Jesus, der Herr, der sie durchschritten hat, uns in das wahre Leben führe. Sein Leben. Das Leben der Kinder Gottes.

[1] Die Kirchenväter sprechen von Kleinmut (oligopsychìa). Der heilige Johannes von Damaskus beschreibt ihn als „Furcht vor einer bevorstehenden Tätigkeit“ (Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens, II,15), und der heilige Johannes Klimakos fügt hinzu, er sei eine kindliche Verfassung in einer nicht mehr jungen Seele (vgl. Treppe zum Paradies, XX, 1,2).
[2] Vgl. „Lettera a Isidoro Bonini“, 27. Februar 1925.
[3] „Das Auge wurde für das Licht geschaffen, das Ohr für die Geräusche, jedes zu seinem Zweck, und das Verlangen der Seele, um nach Christus zu streben“ (Nikolaos Kabasilas: Das Leben in Christus, II, 90; eigene Übs.).
[4] Ansprache an die 36. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu, 24. Oktober 2016: „Es geht um das ,magis‘, dieses Mehr, das Ignatius dazu bringt, Prozesse in Gang zu setzen, sie zu begleiten und ihre tatsächlichen Auswirkungen im Leben der Menschen zu bewerten – sei es in Fragen des Glaubens, der Gerechtigkeit oder der Barmherzigkeit und der Nächstenliebe“.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Gäste aus dem deutschen Sprachraum:

Herzlich heiße ich die Pilger deutscher Sprache willkommen, besonders die Gruppe der Schönstattbewegung Deutschland. Der Monat Juni ist dem Heiligsten Herzen Jesu gewidmet, das wir in der entsprechenden Litanei anrufen als „Sehnsucht der Schöpfung von Anbeginn“. Vertrauen wir Jesus die Erfüllung all unserer Sehnsüchte an. Gott segne euch.

Nach den Grüßen in verschiedenen Sprachen verlas der Heilige Vater folgenden Appell:

Morgen beginnt die Fussballweltmeisterschaft in Russland. Ich möchte den Spielern und Organisatoren sowie auch allen, die über die sozialen Kommunikationsmittel dieses Ereignis verfolgen, das alle Grenzen überwindet, meinen herzlichen Gruß senden.

Möge diese wichtige sportliche Veranstaltung eine Gelegenheit zur Begegnung, zum Dialog und zur Geschwisterlichkeit unter verschiedenen Kulturen und Religionen sein und die Solidarität und den Frieden zwischen den Staaten fördern.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller