Melbourne

Haftstrafe gegen Pell: Opfer reagieren zurückhaltend

Er könne sich nicht von der Haftstrafe gegen den Kardinal George Pell trösten lassen, ehe die Berufungsverhandlung stattgefunden habe, erklärt eines der Opfer. Eine Kläger-Anwältin spricht von einem historischen Moment im Kampf gegen Missbrauch.

Wie die Opfer auf Pells Haftstrafe reagieren
Der Vater des zweiten Opfers, das 2014 verstorben war, zeigte sich nicht zufrieden mit dem Strafmaß gegen Kardinal Pell. Foto: Andy Brownbill (AP)

Mit Zurückhaltung haben die Kläger auf die Bekanntgabe des Strafmaßes gegen den australischen Kardinal George Pell reagiert. Dieser ist zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, weil er sich in seiner Zeit als Erzbischof von Melbourne an zwei minderjährigen Chorknaben sexuell vergangen haben soll. Einer der beiden Jungen, der nun als erwachsener Kläger auftrat, erklärte, es falle ihm schwer, sich von der Haftstrafe gegen den Kardinal trösten zu lassen.

"Alles ist von der anstehenden Berufung überschattet"

„Ich schätze es, dass das Gericht gewürdigt hat, was mir als Kind angetan wurde“, ließ der im Prozess unter dem Kürzel „J“ geführte Mann in einer Erklärung über seine Anwältin verbreiten. Allerdings falle es ihm momentan noch schwer, sich der Bedeutung dieses Moments bewusst zu werden. Zudem beunruhige ihn, dass für Pell ja noch die Möglichkeit bestehe, Berufung einzulegen.  „Alles ist von der anstehenden Berufung überschattet.“

Der Vater des zweiten Opfers, das 2014 verstorben war, zeigte sich nicht zufrieden mit dem Strafmaß. Sechs Jahre Haft, davon drei Jahre und acht Monate ohne die Aussicht auf Bewährung, seien „nicht angemessen“. Die Anwältin des zweiten Opfers, im Prozess als „R“ bezeichnet, bekräftigte die Enttäuschung ihres Mandanten. „Er hat mitangesehen, wie das Leben seines Sohnes nach dem Missbrauch in sich zusammengefallen ist“, erklärte die Verteidigern Lisa Flynn vor dem Bezirksgericht im Bundesstaat Victoria.

"Anfang vom Ende des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche"

Dennoch sei der heutige Tag ein „historischer Moment“, so Flynn, da einer der hochrangigsten Vertreter der katholischen Kirche wegen sexuellen Missbrauchs ins Gefängnis gehen müsse. „George Pell ist ein Pädophiler. Er wurde für diese Verbrechen zu einer Haftstrafe verurteilt, was den Opfern und ihren Familien eine Form von Gerechtigkeit bietet.“ Zudem müsse der heutige Tag „den Anfang vom Ende des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche“ markieren. „Die Strafe kann und wird hoffentlich weitere Überlebende und Opfer ermutigen, über ihr Leid zu sprechen.“

Der 77-jährige Pell muss nun mindestens drei Jahre und acht Monate in Haft verbringen, ehe er zum ersten Mal eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung beantragen kann. Zudem ist der ehemalige Finanzdirektor des Vatikan von nun an auch als Sexualstraftäter registriert. „Sie verlassen das Gefängnis womöglich nicht mehr lebend“, erklärte Richter Kidd, als er das Urteil sprach.

Bekanntgabe des Strafmaßes live im Fernsehen übertragen

Die Bekanntgabe des Strafmaßes war in Australien von derart großem öffentlichen Interesse, dass sie live im Fernsehen übertragen wurde. Pells Vergehen zeugten von „körperlicher Gewalt und Boshaftigkeit“, so der Richter. Zudem habe der Kardinal eine „atemberaubende Arroganz“ an den Tag gelegt und „große moralische Schuld“ auf sich geladen. Als Mann in einer Position großer Machtfülle habe er sich an den Verletzlichsten vergangen.

Das Urteil gegen den Kardinal hatte zuvor für kontroverse Diskussionen gesorgt. Zahlreiche Juristen und Experten äußerten sich in den australischen Medien und zogen die Schuld des ehemaligen Erzbischofs von Melbourne in Zweifel. Der Tathergang, so wie er im Prozess geschildert worden war, werfe einige Ungereimtheiten auf. Pell werde zum Sündenbock für die gesamte katholische Kirche gemacht, so der Vorwurf.

DT/mlu

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