Europa bedarf einer tiefgreifenden Umkehr

Interview mit Kardinal Rouco Varela, dem emeritierten Erzbischof von Madrid, über den Neokatechumenalen Weg. Von José García

Kardinal Rouco Varela und Kiko Argüello
Kardinal Rouco Varela im Gespräch mit dem Gründer des Neokatechumenalen Weges, Kiko Argüello, am Rande der Vorstellung seines neuen Buchs "Anotaciones" im Rahmen der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Bestehens der Gemeinschaft in Berlin. Foto: Josef Bordat.

Im Statut des Neokatechumenalen Wegs heißt es: „Der Neokatechumenat ist ein Instrument im Dienst der Bischöfe zur Wiederentdeckung der christlichen Initiation seitens getaufter Erwachsener“. Können Sie aus Ihrer langjährigen Kenntnis des „Weges“ diesen Dienst näher erläutern?

Ich würde lieber sagen: „im Dienst der Kirche“ – der Gesamtkirche, die sich in den Teilkirchen gestaltet. Wie alle anderen Charismen auch, hat das Charisma des Neokatechumenalen Wegs einen weltumspannenden Charakter. Es beschränkt sich nicht auf ein bestimmtes Land, sondern ist für die ganze Welt gedacht. Dabei nimmt Europa eine besondere Stellung ein. Denn Europa ist nicht einfach ein Missionsland. Europa bedarf der Umkehr, einer tiefgreifenden Umkehr. Zu dieser Umkehr sollte eine gesunde Nostalgie, eine Rückbesinnung auf die verloren gegangenen Gnaden gehören. Um ein Beispiel zu nennen, wie der Neokatechumenale Weg zur Umkehr beiträgt: Diese Woche war ich in einer Madrider Pfarrei, die in einer der wenigen noch vorhandenen verwahrlosten Gegenden der Stadt liegt. Kein Vergleich zwar zum Slum „Palomeras Altas“, wo Kiko Argüello begann. Dort gibt es aber viele Drogenprobleme. In der Pfarrei wurde ein Ritual vorgenommen, wie es beim Neokatechumenalen Weg üblich ist, bei dem die Entscheidung getroffen wird, dem Weg zu folgen. Dort trafen etwa dreißig Menschen diese Entscheidung.

Manchmal werden Kritiken laut, der Neokatechumenale Weg würde jenseits der Pfarreistrukturen handeln. Könnte aber nicht gerade das die manchmal festgefahrenen Strukturen beleben?

Solche Pfarrstrukturen sind nicht göttlichen Rechts. Aber auch aus der Sicht des positiven Rechts, des von Menschen gesetzten Rechts, kann die bindende Qualität dieser Strukturen angezweifelt werden. Die Pfarrei kann beispielsweise nicht gesetzgeberisch tätig werden. Es ist schon erstaunlich, dass in einer Zeit, in der so sehr der Glaube relativiert wird, Organisations- und Seelsorgekriterien so sehr absolut gesetzt werden. Solche Strukturen sollen eigentlich der Beteiligung dienen. Dennoch bleiben viele Menschen außen vor. Wir haben doch die Erfahrung gemacht: Wenn die Pfarrtätigkeiten einer Hyperstruktur folgen, die auf den Entscheidungen der sie bildenden Gruppe beruht, wird daraus eine kleine Gemeinde – eine kleine Gemeinde mit einer großen Struktur.

Darüber hinaus haben heute die meisten Menschen ohnehin keine Berührungspunkte mit Pfarrstrukturen ...

Das Christentum war zu Beginn ein Weg. „Der Weg“ war gerade eine der Bezeichnungen des Christentums. Zur ersten Kirchenwirklichkeit, zu den ersten christlichen Gemeinden gehört der Weg. Ein Weg in der Menschengeschichte, für die Menschheit. Der Weg soll möglichst breit sein, aber man darf den Weg nicht verlassen, das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Denn dieses Ziel ist die Begegnung mit Gott. Dies allein lohnt sich. Alles andere ist Eitelkeit – so formuliert es Kiko Argüello.

Könnten also der Neokatechumenale Weg sowie weitere neue Gemeinschaften eine Chance bieten, jenseits der jeweils in den Medien angesprochenen Themen wieder auf das Wesentliche im Christentum hinzuweisen?

Eher als eine Chance würde ich es als eine besondere Gnade für die Kirche bezeichnen, damit sie diesen Weg, den Weg zu Christus findet. Papst Franziskus sagt, die Kirche ist keine NGO. Sie ist keine Organisation für die Lösung alltäglicher Probleme, die das politische Handeln oder die sozialen Tätigkeiten ersetzt. Die Kirche soll die Gesellschaft von innen her verwandeln, damit sie sich möglichst den Inhalten und den Anforderungen des großen Gesetzes Gottes anpasst. Das bedeutet, auf die Grundlagen des Glaubens zurückzukommen. Das ist ein drängendes Anliegen. Ich erinnere mich, als ich in den 1970er Jahren „Einführung in das Christentum“ des damaligen Professor Ratzinger las. Dieses Buch damals zu lesen, hinterließ einen tiefen Eindruck. Aber noch eindrücklicher ist es, das Buch heute zu lesen. Der Autor macht darauf aufmerksam, dass die vom Konzil angestoßenen Reformen und Erneuerung der Kirche glücken würden, wenn der Glaube erneuert würde. Alles andere wäre es, auf Sand zu bauen. Diese Warnung hat mit der Zeit ihre Kraft nicht eingebüßt. Ganz im Gegenteil: Sie ist sehr aktuell. Die neuen Gemeinschaften der Kirche helfen dazu, dies zu erkennen. Darüber hinaus ziehen sie junge Menschen an. Die jungen Menschen in Europa – zu wenigstens 80 oder 90 Prozent – haben weder einen existentiellen noch einen finanziellen Mangel erlebt. Aber ihre Seele ist verloren, ihr Herz zerrissen. Wenn ein solcher junger Mensch jemandem begegnet, der ihm neue Horizonte, ein neues Licht für seine Zukunft, für sein Leben eröffnet, dann folgt er ihm. Es handelt sich zwar um keine Massen, aber es kommen Berufungen. Die Weltjugendtage gehören zu diesem Phänomen der Berufungspastoral. Sie öffnen Wege, die geschlossen zu sein schienen. Wenn dies geschieht, brechen Jubel und Freude auf, auch äußerlich.

Wird die nächste Bischofssynode über die Jugend und die Berufungsentscheidung eine Hilfe dazu sein?

Ich hoffe es. Wirklich wichtig dabei ist aber die Begegnung eines jeden mit Gott, eine persönliche Begegnung mit Christus.

Am 9. Januar wird Kiko Argüello 80 Jahre alt. Er bleibt der Verantwortliche des Neokatechumenalen Weges auf Lebenszeit. Aber was wird nach seinem Ableben passieren?

Nach dem Tod des Ignatius von Loyola bestand die Gesellschaft Jesu weiter. Nach dem Tod von Josefmaria Escrivá bestand das Opus Dei weiter. Wenn Kiko stirbt, wird der Neokatechumenale Weg weiter bestehen. Für das Fortbestehen war es nötig, dass dieses Charisma eine juristische Form, ein Statut erhielt. Ich könnte sehr viel davon erzählen, denn ich war an der Entstehung beteiligt. Dies war ein ganz wichtiger Schritt in der Geschichte des Neokatechumenats.

Wie wird die Leitung des Neokatechumenalen Wegs ausgeübt?

Laut den öffentlich zugänglichen, unter dem Pontifikat Benedikts XVI. am 11. Mai 2008 approbierten Statuten „verwirklicht sich (der Neokatechumenale Weg) in den Diözesen unter der Jurisdiktion, der Leitung des Diözesanbischofs, mit dem Beistand und der Führung des Internationalen Itinerantenteams des Weges oder des beauftragten Verantwortlichen-Teams, gemäß der von den Initiatoren vorgeschlagenen Leitlinien, die in diesem Statut und in den Orientierungen für das Katechisten-Team enthalten sind“. Deshalb wird der Neokatechumenale Weg in einer Diözese nur dann eröffnet, wenn der Diözesanbischof es wünscht und erlaubt. Die Zuständigkeiten von Bischof, Priester und Katechisten-Team sind ebenfalls in den Statuten geregelt.

Zum „Internationalen Itinerantenteams“ gehören entweder ein Priester, ein lediger Mann und eine ledige Frau oder aber ein Priester, ein Ehepaar und ein Lediger. Das internationale Team bestand zunächst aus Kiko Argüello, Carmen Hernández und dem Priester Mario Pezzi. Nachdem Carmen Hernández im Juli 2016 verstarb, wurde als ihre Nachfolgerin Maria Ascensión Romero von Kiko Argüello nach Rücksprache mit Mario Pezzi bestimmt. Die Initiatoren Kiko Argüello, Carmen Hernández und auch Mario Pezzi sind Mitglieder zeitlebens. Dies gilt für ihre Nachfolger aber nicht: Wenn beide Initiatoren verstorben sind, wird von einem Wahlgremium von 80 bis 120 Personen ein neues Team für jeweils sieben Jahre gewählt. Nach jeder Wiederwahl erbittet der Verantwortliche des Teams die Bestätigung vom Päpstlichen Rat für die Laien.

Da es inzwischen weltweit mehr als 21 000 Gemeinschaften gibt, besteht nur sporadisch Kontakt zum internationalen Team. Den regelmäßigen Kontakt hält im jeweiligen Land das sogenannte Itinerantenteam. Für Deutschland, wo der Weg in 16 Diözesen präsent ist, und die Niederlande besteht das Team aus der Theologin Bruna Spandri, Witwe des 2011 verstorbenen Antonio Spandri, dem portugiesischen Theologen Daniel Laranjo und dem Diözesanpriester des Erzbistums Berlin, dem aus Spanien stammenden Fernando Yago. Das Ehepaar Spandri war im Verantwortlichen-Team seit Anfang des Neokatechumenalen Wegs in Deutschland. Die Priester wechselten sich ab in Abhängigkeit davon, wie lange sie von ihrem jeweiligen Diözesanbischof für diese Aufgabe freigestellt wurden.

Kardinal Rouco Varela war anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Bestehens der Berliner Gemeinschaft in die deutsche Hauptstadt gekommen. Einen Bericht darüber lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 14. Juni. DT (jbj)