Schongau

„Die Kirche ist keine Glückskeks-Fabrik“

Mit ihrer Initiative „Maria 1.0 – Maria braucht kein Update“ hat sich Johanna Stöhr in den kirchenpolitischen Diskurs eingeschaltet und auch medial für Aufsehen gesorgt. Im Gespräch mit der "Tagespost" zieht sie Bilanz. Von Rudolf Gehrig

Frauen fordern Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche
Forderungen der Initiative "Maria 2.0" wie mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche lehnt Johann Stöhr ab. Ihr Standpunkt: Maria braucht kein Update. Foto: Patrick Seeger (dpa)

Frau Stöhr, vor etwa zwei Wochen ging Ihre Internetseite www.mariaeinspunktnull.de an den Start. Was hat sich seitdem getan?

Wir bekamen sehr viel Zuspruch. Vor allem Frauen haben uns ihre Erleichterung mitgeteilt, dass endlich auch ihre Stimme in den Medien Gehör findet. Ich hätte nie damit gerechnet, dass meine spontane Idee mit der Internetseite eine solche Welle lostreten würde. Innerhalb der ersten Woche haben wir es sogar geschafft, im ZDF vorgestellt zu werden. Nun sind wir dabei, die Internetseite auszubauen. Da wir oft gefragt wurden, wie man uns offiziell unterstützen kann, haben wir beschlossen, diese Möglichkeit auf der Seite einzubauen. Intern sind wir auch dabei, ein Netzwerk zu knüpfen, um verschiedene Kompetenzen in unser Team zu holen.

Die Initiatoren der Aktion „Maria 2.0“ fordern eine Änderung der Kirchendoktrin, unter anderem hinsichtlich der Priesterweihe für Frauen und der Sexuallehre. Sie dagegen wollten zeigen, dass es Frauen gibt, die an genau diesen Lehren festhalten. Wie waren die Reaktionen?

Die Reaktionen lassen sich in einer Kernaussage zusammenfassen: "Endlich sagt es mal jemand!" Viele Frauen waren auch sofort bereit, ein persönliches Statement auf unsere Seite zu veröffentlichen. Wir geben den Frauen das Gefühl, nicht alleine zu sein. Denn in vielen Gemeinden ist die Leugnung von katholischen Wahrheiten en vogue geworden.

Auch die Medien wurden aufmerksam, unter anderem hat das "ZDF Heute Journal" über Ihre Initiative berichtet. Haben Sie den Eindruck, dass Sie und Ihre Mitstreiterinnen etwas bewegen konnten?

Da ich nie mit so einer Resonanz gerechnet hätte, kann ich für mich nur feststellen, dass wir schon mehr bewegt haben, als ich mir vorstellen konnte. Ich bin begeistert, wie viele Frauen das Team mittlerweile mit ganz verschiedenen Talenten bereichern. Sicherlich wird der Medienhype jetzt erst einmal nachlassen. Trotzdem wollen wir beständig an der Vernetzung weiterarbeiten.

Ist die Lehre der Kirche in der heutigen Zeit überhaupt noch zu vermitteln?

Ja, sicher! Aber nur wenn die Lehre auch vollständig in seiner ganzen Schönheit vermittelt wird. Leider reduzieren viele die Katholische Kirche zu einer Glückskeksfabrik, die zwar noch nette Sinnsprüche für das Wohlbefinden geben darf, aber kein Eckstein mehr ist, an dem man sich stößt. Das Geheimnis des Glaubens und die Schönheit der katholischen Lehre werden vor allem in einer feierlichen und würdigen Liturgie spürbar, wo Gottes Gegenwart auch sinnlich erfahrbar wird. Ein suchendes Herz spürt, wenn einem nur die halbe Wahrheit verkauft wird. Die Wahrheit ist unabhängig von unserer heutigen oder zukünftigen Zeit, es ändern sich allenfalls die Worte, wie wir sie klar vermitteln können. Denn es sind Wahrheiten Gottes und nicht der Menschen!

Sie haben im ersten Tagespost-Interview die Deutsche Bischofskonferenz kritisiert und gesagt, Sie wünschten sich mehr Rückendeckung seitens der Hirten. Hat sich in diesem Punkt etwas geändert?

Ja, auf alle Fälle! Einige Bischöfe haben sich mittlerweile ja klar zur katholischen Lehre bekannt. Intern haben wir auch viele Gebetsunterstützungen von Geistlichen erhalten. Wir fühlen uns spürbar durch das Gebet vieler getragen.

Was macht Ihnen Hoffnung für die Zukunft der Kirche?

Die unglaubliche Resonanz, die wir jeden Tag in vielen Zuschriften erfahren, geben uns schon einmal Anlass zur Hoffnung. Zudem sehe ich viele geistige Erneuerungsbewegungen junger Menschen in der Kirche, die durch eine unverfälschte Lehre begeistert werden, wie zum Beispiel „Jugend 2000“, „Gemeinschaft Emanuel“, „Stift Heiligenkreuz“ oder „Loretto“. Dort ist die Zukunft der Kirche! Denn wo der Glauben nicht auf einem stabilen Fundament aufgebaut wird, fällt er beim ersten Beben zusammen.

Wie wird es mit Ihnen und „Maria 1.0“ weitergehen, wenn das Medieninteresse abgeklungen ist?

Dazu machen wir uns gerade im Team intensive Gedanken. Auf alle Fälle wollen wir die Vernetzung weiter vorantreiben. Wir haben das Gefühl, dass wir eine Plattform schaffen müssen, wo sich schnell und einfach praktizierende, treue und gläubige Katholiken finden können, um gemeinsam würdige Heilige Messen zu feiern, gemeinsam zu beten, Gemeinschaften zu bilden und Freunde im Glauben zu finden. Angeregt hat mich auch vor allem der aktuelle Satz von Papst em. Benedikt XVI.: "Der Glaube ist ein Weg, eine Weise zu leben. In der alten Kirche wurde das Katechumenat gegenüber einer immer mehr demoralisierten Kultur als Lebensraum geschaffen, in dem das Besondere und Neue der christlichen Weise zu leben eingeübt wurde und zugleich geschützt war gegenüber der allgemeinen Lebensweise. Ich denke, dass auch heute so etwas wie katechumenale Gemeinschaften notwendig sind, damit überhaupt christliches Leben in seiner Eigenart sich behaupten kann."

Das bedeutet?

Wir sehen hier eine Möglichkeit diese vom Papst angeregten katechumenalen Gemeinschaften zu bilden, zu fördern und über sie Infos an einem Ort zu sammeln. Hier kann sich dann jeder informieren, wo er Anschluss an Gleichgesinnte findet. Noch steckt alles in den Kinderschuhen, aber wir sind fleißig dabei etwas Schönes aufzubauen und geben uns viel Mühe. Es werden in den nächsten Tagen neue Inhalte auf unserer Seite ww.mariaeinspunktnull.de folgen. Es lohnt sich auf alle Fälle, immer wieder mal auf unserer Seite vorbeizuschauen.